Fahrbericht: Audi A4 Avant 40 TDI quattro

Beständig behaglich

Beim Streben nach Perfektion hat Audi es mit dem A4 weit gebracht. Schrulligkeiten leistet sich der Kombi Avant so auch keine – bei unbestrittenen Qualitäten erschwert das andererseits die Charakterbildung.
24.04.2021, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Beständig behaglich
Von Oliver Matiszick
Beständig behaglich

Farblich auch so eine Art rot-grüner Koalition: Der A4 Avant in den Wiesen zwischen Lesum und Wümme rund um Wasserhorst.

Tom Wesse

Der Audi A4 ist ja ein Guter, in der beliebten Kombiversion Avant zudem seit jeher schick gekleidet. Das Problem der Mittelklasse ist aktuell eher jener Grad an Routine und Ausgereiftheit, der wenig Raum für Alleinstellungsmerkmale lässt. So gilt auch für den 40 TDI quattro: Er kann ja so viel. Und es merken doch so wenige. Wir haben das mal versucht – ein Vergnügen ohne jede Reue.

Beständigkeit? Oh ja, darauf verstehen wir uns nicht nur in Bremen (Rehhagel! Schaaf!), sondern auch in Deutschland (Kohl! Merkel!). Sie alle standen und stehen, auf ihre jeweilige Art und Weise, für Stabilität und Kontinuität. Übersetzt auf den Automobilbau wären wir da schnurstracks angelangt beim Audi A4.

Denn in der gehobenen Mittelklasse steht der als qualitativ hochwertiges Premiumprodukt in unverrückbarem Gleichmut da – in einer Phase, da sich die Autoindustrie einem tiefgreifenden Wandel gegenübersieht, mag das Halt bieten, steht aber nicht eben für Aufbruchstimmung. Das lässt sich auch an den Absatzzahlen ablesen: Im Februar rangierte die A4-Reihe auf Platz 15, was sicher kein Makel ist. Eher schon, dass die direkten Konkurrenten Mercedes C-Klasse (Rang 14) knapp oder aber BMW 3er (Platz sieben) deutlich davor eingeparkt haben. Das sorgt in Ingolstadt für einigen Verdruss.

Marktschreierei ist ja nicht so die Sache des A4 mit dem schicken Kombiheck – doch 900 Euro Aufpreis für den knalligen Lack namens Tangorot-Metallic sichern eine Spur mehr Aufmerksamkeit.

Marktschreierei ist ja nicht so die Sache des A4 mit dem schicken Kombiheck – doch 900 Euro Aufpreis für den knalligen Lack namens Tangorot-Metallic sichern eine Spur mehr Aufmerksamkeit.

Foto: Tom Wesse

Der ist insofern angebracht, als dass der A4 – vor allem auch als Avant – ein be- und anerkannt gutes Auto ist. Womit wir direkt beim Kern des Problems angelangt wären. Der A4 kommt in seiner aktuellen Auflage so routiniert und behaglich daher, dass es schon ein ausgeprägtes Maß an Pedanterie erfordert, um ihm irgendwelche Vorwürfe dafür zu machen. Als die aktuelle Generation B9 2015 debütierte, geschah das fast unbemerkt, weil die Unterschiede zum Vorgänger so marginal wirkten.

Sagen wir es doch ruhig: Der A4 ist ein ziemlicher Streber

Diese Abwesenheit von Ecken, Kanten und Schrullen, das ist im Sinne der Beständigkeit eine Auszeichnung. Einerseits. Aber es trägt, andererseits, nicht unbedingt zur Charakterbildung bei. Beim Streben nach Perfektion wurde ein wenig aus dem Blick verloren, dass Autos nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen gekauft werden.

Der Testwagen, als Avant und in der Version 40 TDI quattro wenigstens 47.850 Euro teuer, demonstrierte diesen Umstand nachdrücklich. Denn unter all den Optionen aus der sehr, sehr langen Aufpreisliste, mit denen er schließlich bis auf die beachtliche Endsumme von exakt 65.474,99 Euro gepimpt worden war, sorgte vor allem diese eine zu 900 Euro für den größten Aha-Effekt und Zuspruch: Bestellcode Y1Y1 für die Außenfarbe Tangorot-Metallic.

S ist teuer, zugegeben – aber die Bestandteile des S-Line-Interieurpakets sehen nicht nur gut aus, sondern fassen sich auch so an. Wenn nicht besser.

S ist teuer, zugegeben – aber die Bestandteile des S-Line-Interieurpakets sehen nicht nur gut aus, sondern fassen sich auch so an. Wenn nicht besser.

Foto: Tom Wesse

Dabei hat der A4 Avant derart marktschreierische Äußerlichkeiten überhaupt nicht nötig. Weil er ja durch seine inneren Werte zu überzeugen weiß. Die beginnen, natürlich, bei der Motorisierung. Zum Einsatz kommt im 40 TDI nunmehr der Vierzylinder-Diesel der internen Kennung EA288 evo. Dessen 1968 Kubik ergeben am Ende eine Leistung von 150 kW, nach alter Währung entspricht das 204 PS. Mehr als reichlich also, um gut 1,7 Tonnen Auto absolut standesgemäß voranzubringen. Wer es will, treibt es bis auf 236 km/h Spitze, erfreut sich an einem Spurtvermögen von 7,6 Sekunden aus dem Stand bis auf Tempo 100.

Handarbeit am Doppelkupplungsgetriebe macht Spaß – zumindest kurz

Wer das nicht nötig hat (wir zählen uns grundsätzlich zu dieser Gruppe), schaut lieber zu, was die 400 Nm Drehmoment im Alltagsbetrieb sonst so anstellen. In Verbindung mit der siebenstufigen Doppelkupplung ist das eine Menge. Wobei: Etwas mehr Punch aus dem Keller heraus ließe sich angesichts der nicht gerade ärmlichen Leistung durchaus erwarten. Gerade beim Anfahren oder Einbiegen von einer Seiten- auf eine Hauptstraße gönnt sich der Audi durchaus einen Moment des Zögerns.

Abhilfe schafft das Zappen durch die Gänge in Eigenregie. Das macht Spaß – aber nicht dauerhaft. Denn die Größe der Schaltwippen am betörenden Sportlenkrad der S-Line (als Interieurpaket stolze 2150 Euro teuer) haut nicht hin.

Auch den S-Line-Sportsitz im A4 Avant lässt Audi sich teuer bezahlen. Wer ihn sich dennoch gönnt, macht ganz sicher keinen Fehler.

Auch den S-Line-Sportsitz im A4 Avant lässt Audi sich teuer bezahlen. Wer ihn sich dennoch gönnt, macht ganz sicher keinen Fehler.

Foto: Tom Wesse

Für die Finger eines überaus durchschnittlich gewachsenen Mitteleuropäers sind sie schlicht zu kurz geraten, was die Handhabung der Doppelkupplung im Eigenbetrieb alsbald vergällt. Schade eigentlich.

Arbeitet das Getriebe im automatisierten Modus, muss sich ohnehin niemand sorgen, dass die Verbrauchswerte durch die Decke gehen. 900 Kilometer Reichweite prognostizierte der Bordrechner zwischen zwei Volltankstopps, was sich angesichts des Testverbrauchs von 7,6 Litern/100 Kilometer zwar nicht realisieren ließ. Und doch macht es den 40 TDI mit seinem 54-Liter-Tank zum Kilometerfresser. Tipp: Option FK2 buchen. Die kostet nur 55 Euro, verdoppelt aber das Volumen des AdBlue-Tanks für den SCR-Kat, der die Abgasreinigung des Diesels nach der Norm Euro 6d sichert, auf 24 Liter. Sind die aufgefüllt, muss sich für lange Zeit niemand darum sorgen, die Nummer mit der Umwelt zu verbocken, Diesel hin oder her.

Die Reifen limitieren die Höchstgeschwindigkeit – wer das abwählt, zahlt extra

So oder so lässt sich vorne links auf dem Fahrersitz sehr entspannt Platz nehmen. Im besten Fall geschieht das auf dem Gestühl des erwähnten S-Line-­Pakets. Ja, Audis Aufpreispolitik erscheint mitunter geradezu absurd – so kostet die Abwahl der rollwiderstandsoptimierten Reifen, die die Höchstgeschwindigkeit des an sich viel schnelleren A4 Avant auf 210 km/h begrenzen, 150 Euro. Aber: Diese Sitze aus dem S-Line-Programm sind jeden einzelnen Cent wert. Sie halten die Insassen, ohne sie einzuschnüren, bieten viel Unterstützung für den Oberkörper, während die variable Oberschenkelauflage ohnehin außerhalb jeder Diskussion steht.

Auf die Details kommt es an: Bitte richten Sie doch mal den Blick auf die Drehregler der Klimaautomatik. Die sind aus Metall – und wer sie einmal bedient hat, der weiß, was immer mit diesem Premium gemeint ist.

Auf die Details kommt es an: Bitte richten Sie doch mal den Blick auf die Drehregler der Klimaautomatik. Die sind aus Metall – und wer sie einmal bedient hat, der weiß, was immer mit diesem Premium gemeint ist.

Foto: Tom Wesse

Wer sich solchermaßen eingerichtet hat, blickt alsdann auf das virtuelle Cockpit plus (600 Euro extra) – und bedauert sogleich seinen Nachbarn, der einen 3er fährt. Denn, liebe Leute von BMW, schaut euch hier bitte mal an, wie es geht. Kein Vergleich jedenfalls zum neuartigen Mäusekino aus München mit seiner Balkengrafik. Bei Audi gibt es klassische Rundinstrumente, nur eben in digitaler Form, ihre Größe kann angepasst werden. Einziger Haken: Die klassische Tankanzeige fehlt und will durch die Untermenüs aufgerufen werden. Wer sie dort findet, begeistert sich an dem herrlich altmodischen Begriff „Füllstand“.

Es war einmal ein Dreh-Drück-Steller – schade drum

Dass das Bediensystem des A4 dennoch nicht perfekt ist, hat mit der VW-Konzernpolitik zu tun. Die setzt für alle Marken auf die zeitgemäße Tipp-Wischerei per Touchscreen – unabhängig davon, wie gut es vorher funktioniert hat. Dass Audi nun also auf den bewährten Dreh-Drück-Steller in der Mittelkonsole verzichten muss: Es will im Alltag einfach nicht als Fortschritt erscheinen. Denn so weit war Audi zuvor von der Benchmark BMW mit seinem iDrive nicht entfernt. Nun aber: Chance vertan.

So ruht die rechte Hand des Fahrers, so sie denn am Lenkrad entbehrlich ist, gerne auf der einladend breiten Fläche des Wählhebels für die S-Tronic. Der weist die Lochmusteroberfläche eines Golfballs auf und fühlt sich prima an.

Wer in den Fond nur blickt, sorgt sich zunächst um den Knieraum für die Hinterbänkler. Wer dort dann aber sitzt, sagt: Der Eindruck täuscht aber sowas von, da kneift nichts.

Wer in den Fond nur blickt, sorgt sich zunächst um den Knieraum für die Hinterbänkler. Wer dort dann aber sitzt, sagt: Der Eindruck täuscht aber sowas von, da kneift nichts.

Foto: Tom Wesse

Und genau an diesem Punkt stellen wir fest: Bediensysteme hin oder her, es geht doch nichts über dingliche Oberflächen, die sich auch gut anfassen. Wer das nicht glaubt, verstelle nur mal die Temperatur der Drei-Zonen-Klimaautomatik im A4 Avant. Hier rastet der Drehregler aus geriffeltem Metall satt von Stellung zu Stellung. So geht Premium.

Und sonst? Bietet der A4 Avant das, was man erwartet. Der Laderaum ist mit knapp unter 500 Litern Volumen durchschnittlich groß, aber gut durchdacht. Eine serienmäßige Ladekante aus Edelstahl verhindert Kummer bei nachlässiger Beladung, seitliche Haltenetze fixieren alltäglichen Kleinkram.

Ein Abteil davor sitzt es sich weniger bescheiden als erst gedacht. Ein Fall von optischer Täuschung, wohl auch bedingt durch die dunkle Innenraumfarbe.

Denn wer auf der gut ausgeformten Rückbank Platz genommen hat, bekommt bei durchschnittlicher Körpergröße keine Probleme. Die befürchtete Konfrontation der Knie mit den Lehnen der Vordersitze? Kein Thema.

Und so steht am Ende: Der A4 Avant hält, was er verspricht. Teuer ist er, so wie eh und je. Aber ja auch ungemein hochwertig in all seiner Behaglichkeit. Beständig eben.

Weitere Informationen

Modell: Audi A4 Avant 40 TDI quattro

Motor: R4-Diesel

Hubraum: 1968 ccm

Leistung: 150 kW/204 PS

Drehmoment: 400 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 236 km/h

Beschleunigung (0–100km/h): 7,6 s

Verbrauch (ø nach WLTP): 6,0 l/100 km

CO2-Ausstoß (nach WLTP): 158 g/km

Abgasnorm: Euro 6d

Kofferraumvolumen: 495 Liter

Testwagenpreis: 65.474 Euro

Basispreis: 47.850 Euro

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