Automatik-Führerschein

Macht der Gewohnheit

Zeit für die duale Fahrausbildung! Denn kein Scherz, seit dem 1. April lässt sich der Führerschein im Automatikwagen machen – ohne auf Fahrten im Handschalter verzichten zu müssen. Schub für die E-Mobilität?
10.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Winkler
Macht der Gewohnheit

Schluss mit Schalten! Automatikgetriebe sind auf dem Vormarsch, nicht zuletzt aufgrund der E-Mobilität.

Volkswagen/dpa/tmn

Seit Monatsbeginn spricht nichts mehr gegen die Führerscheinprüfung im Automatikauto. Denn wer rein rechtsfüßig ­besteht, darf künftig auch beidfüßig, sprich im ­Schaltwagen fahren. Nötig sind fortan lediglich zehn gesonderte ­Fahrstunden sowie eine 15-minütige Testfahrt im Handschalter. Von der Neuregelung erfreut sind insbesondere die Verfechter der Elektromobilität. Aber klar, der Umstieg bleibt Gewöhnungssache.

April, April – es ist doch ein Handschalter! Welch Testfahrer kennt diese Situation nicht. Alle zwei Wochen ein neues Auto, da kommt der eine oder andere schon mal ins Straucheln. Das Gros der von den Herstellern zur Verfügung gestellten Fahrzeuge fährt mittlerweile mit komfor­tablem Automatikgetriebe vor. Und verirrt sich doch einmal ein Handschalter in die Presseflotte, steigt die Wahrscheinlich­keit für einen Stotterkurs an ­Ampel oder Stoppschild keines­wegs unerheblich.

Kann man plötzlich den linken und den rechten Fuß nicht mehr unterscheiden oder vergisst gar zu kuppeln, hapert es beim Anfahren. Verpasst man den Schaltpunkt, beim Ausrollen. Und was selbst erfahrenen Steuerleuten jeglicher Getriebegattung passiert, ist für Fahranfänger naturgemäß von noch entscheidenderer Bedeutung. Vor allem jedoch mussten bis dato wählen: reiner Automatikschein oder einer für Handschalter? Vieles sprach bis dato für letztere Option, erlaubt sie doch jederzeit den Switch.

Carsharing? Nicht länger problematisch

Aber auch langjährige Inhaber des Automatikscheins erwartet hier und da eine unliebsame Überraschung. Der Fahrzeugverleih am Urlaubsort zum Beispiel hat dann doch nur noch manuelle Getriebe im ­Angebot – schon fällt der Ausflug mit dem Auto komplett flach.

So erweise sich die Neurege­lung der Fahrerlaubnisverordnung besonders mit Blick auf Carsharing oder Mietwagen als nützlich, kommentiert der Interessensverband Kraftfahrer-­Schutz als Sprachrohr des Versicherers KS Auxilia. „Zugleich wird es deutlich attraktiver, den Führerschein beispielsweise in einem Elektroauto zu absolvieren.“

One-Pedal-Driving dank Rekuperation

Stichwort: ­One-Pedal-­Driving. In Zeiten elektrisierter Fort­bewegung reicht der rechte Fuß in immer mehr Kleinwagen vollkommen aus, um die Geschwindigkeit sogar ausschließlich per Gaspedal zu regulieren. Denn die Funktion der Bremse, die übernimmt im versierten E-Auto die Rekuperation.

Einmal an die neue ­Fahrweise gewöhnt, saugt sich der zuallermeist mit einstufigem Getriebe ausgestattete Stromer ­geschmeidig an jede Ampel, kommt problemlos zum Stillstand und lädt den Akku so am effektivsten auf. Einen wirklichen Spareffekt bescheren derzeit zwar nur die komplett auf Strom verkehrenden Pkw und die Plug-in-­Hybride. Dem Prinzip jedoch folgen auch und vor allem die Voll- und Mild­hybridisierten, die ihre Kraft ausnahmslos aus Bremsenergie und/oder überschüssiger Verbrennung ziehen.

Völlig unbekannt ist das nicht

Klar, die Unterschiede zwischen klassischem Schaltgetriebe und automatischer Gangwahl sind bedeutender als der eine oder andere, nun noch euphorisiertere Befürworter der Verkehrswende annimmt. Völlig unbekannt ist das Fahrgefühl dennoch keineswegs – Schlagwort: Motorbremswirkung.

Beim Anrollen an ein Ortsschild frühzeitig herunterzuschalten, spart seit jeher Sprit, schont Bremsbeläge und -scheiben. „Nehmen Sie beim Heranrollen an eine rote Ampel nicht den Gang heraus“, ergänzt der ­Allgemeine Deutsche Automobil-­Club (ADAC). „Die meisten Autos sind mit einer Schubabschaltung ausgerüstet, die die Kraftstoffzufuhr im Schubbetrieb komplett absperrt.“

Automatikwählhebel im VW ID 3.

Die futuristische Art des Gangwahl: Automatikhebel des VW ID.3.

Foto: Hardy Mutschler/Auto-Medienportal.Net/VW

Randnotiz: Selbst ­Automatik ist nicht gleich Automatik. Aus den ehemals automatisierten Schaltgetrieben haben sich ausgefeilte ­Wandler- und ­Doppelkupplungsgetriebe entwickelt. Vor allem im asiatischen Raum haben sich zudem stufenlose, der elektromobilen Art des Schaltverzichts sehr ähnliche Getriebe durchgesetzt. Allen Varianten gemein ist der Aufpreis für den ­Komfort, sprich die besagte Rechtsfüßigkeit und der Verzicht auf den Griff an den Schalthebel.

Für Handarbeit, nun ja, da braucht es fraglos ein wenig mehr Überblick über die Drehzahlen. Und auch der linke Fuß will erst einmal koordiniert sein. Nichtsdestotrotz, die nun überschaubar angesetzten zehn zusätzlichen Fahrstunden à 45 Minuten, dazu eine viertelstündige Testfahrt im Schaltwagen – das sollte allemal reichen, um das nötige Rüstzeug zu erlangen. Für den Absolventen heißt das: Aus Schlüsselzahl 78 – auf der Rückseite der Plastikkarte unter Punkt zwölf vermerkt – wird Schlüsselzahl 197 und damit der Freifahrtschein für beide Getriebegattungen.

Klasse B ist klar im Vorteil

Zumindest für Klasse B genügt es, der Behörde die Bescheinigung über die Extrastunden und die Proberunde vorzulegen. Eine Fahrstunde kostet üblicherweise zwischen 20 und 45 Euro – für Minimum 200 Euro lässt sich der Führerschein also aufwerten. In allen anderen Klassen braucht es weiterhin eine komplette zweite praktische Prüfung.

Mit der Neuregelung mache man den Verkehr sicherer und nachhaltiger, heißt es aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Auch wenn die Umsetzung sich auf Betreiben der Länder um vier Monate verschoben hat: Es ist zweifelsohne ein Anreiz mehr für den Umstieg in die E-Mobilität. Das betrifft die Flotten der Fahrschulen wie die Fahranfänger.

Denn eines ist nicht zu verachten: Auch der erlaubte Umstieg vom Handschalter auf einen Automatik-­Pkw – und dazu zählen alle handelsüblichen Elektroautos – ist Gewöhnungssache.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+