Fahrbericht: Opel Zafira-e Life Watt groß der geworden ist

Raider heißt schon lange Twix – und der Opel Zafira ist nun kein Kompaktvan mehr, sondern ein propperer Kleinbus. Fehlt noch ein E-Antrieb zum Allrounder für Familie, Freizeit und grünes Gewissen? Bitte sehr.
16.10.2021, 06:00
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Von Michael Kirchberger/AMPNET

Zu den Dingen, die junge Erwachsene ja selten gern hören, zählt dieser Klassiker, vorzugsweise von älteren Verwandten bei Familientreffen ausgesprochen: Junge, was haste dich verändert! Der Zafira von Opel ist so einer, der seit seinem 20. Geburtstag ziemlich oft damit konfrontiert wird. Eigentlich ständig. Denn zu jener Zeit, 2019 war das, verpuppte sich der bis dahin in drei Generationen gebaute Kompaktvan – und heraus kam, um den Zusatz Life im bekannten Namen ergänzt, ein ausgewachsener Kerl à la VW Multivan, der nun so gar nichts mehr mit seinem früheren Leben zu tun hat. In drei Längen ist das – Achtung: neudeutsch – Utility erhältlich, als Zafira M rangiert dieser – Achtung: altdeutsch – Kleinbus in der Fünf-Meter-Klasse. Und das nun auch mit rein elektrischem Antrieb. Passt das zusammen? Schauen wir doch mal.

Das eingesetzte Akku-Motor-Ensemble ist jedenfalls kein Unbekanntes. Wie sollte es auch? Ist Opel doch inzwischen Teil des Stellantis-Konzerns, der sein technisches Rüstzeug einem vielfältigen Markenkonglomerat und vielen Modellen mit auf den Weg gibt. So lässt der E-Motor des großen Zafira Life mit seinen 100 kW (136 PS) Standardleistung in ähnlicher Form auch solche Kleinwagen wie Opel Corsa-e und den Peugeot e-208 durch die Straßen schnurren. Unterschied: Beim Zafira hat der Kunde die Wahl zwischen zwei Akkus: Die 50 kWh starke Batterie genügt für genormte 230 Kilometer Fahrstrecke, die 75-kWh-Version des Testwagens soll fast 330 Kilometer Reichweite ermöglichen.

Nach dem Druck auf die Starttaste fiept und summt der Zafira-e wie R2D2, beim Beschleunigen klingt er fast wie eine Straßenbahn, nur ein wenig leiser. Sein Beschleunigungsvermögen beeindruckt auf Umwegen: 13,3 Sekunden für den Weg bis zur 100-km/h-Marke erscheinen gemächlich, subjektiv aber wird das viel flotter empfunden. Was an einem Drehmoment liegt, das fast aus dem Stand heraus mit 260 Newtonmetern anliegt – und dann, anders als bei Verbrennern, lange konstant bleibt. Kreuzungen werden flink passiert, Überholen auf Landstraßen stellt ebenfalls kein Problem dar.

Auf der Autobahn ist Schluss mit dem Vorwärtsdrang, sobald 130 km/h erreicht sind. Wer das für ein albernes Tempo hält, dem sei in Erinnerung gerufen: Wir reden hier von der Richtgeschwindigkeit. Und dass die Elektronik dann beschränkend eingreift, ergibt durchaus Sinn: Die nicht unerhebliche Stirnfläche des Zafire-e Life würde bei noch schnellerer Fahrt den Verbrauch unbotmäßig in die Höhe treiben.

So aber ist das Konsumverhalten des Elektro-Vans angemessen. Er gibt sich genügsam, wenn es durch die Stadt geht, obwohl nach jedem Stopp gut zwei Tonnen Leergewicht aufs Neue beschleunigt werden müssen. Immerhin versorgt die Rekuperation beim Bremsen den Akku mit zurückgewonnener Energie – wen beim Erklimmen von Hügelketten die Sorge befällt, der Energievorrat wäre allzu schnell aufgebraucht, gewinnt bei der anschließenden Bergabfahrt das Vertrauen in die Reichweite zurück. Auf manchen Strecken konnten wir so Strom für bis zu zehn Kilometer zurück in den Akku schaufeln.

Gleichwohl ist die Werksangabe, beruhend auf den Optimalbedingungen des Prüfstands, wenig alltagsgerecht. Die in Aussicht gestellten 330 Kilometer haben wir dann bei aller Zurückhaltung auch nicht geschafft. Etwas mehr als 260 Kilometer weit brachte uns der Zafira-e mit einer Akkuladung – solche Dinge wie Heizung, Audioanlage und Beleuchtung werden bei der normierten Verbrauchsermittlung eben nicht berücksichtigt.

Stattdessen haben wir uns bei der Annäherung an ein neues Fahrmuster erwischt. Denn für E-Auto-Fahrer gilt: Die kürzeste Strecke ist die beste. Also lieber durch die Ortschaft als auf der Umgehung drum herum. Denn bei Tempo 50 ist der Verbrauch niedrig, die Reichweite wird nicht zu arg strapaziert. Geht es durch das Hinterland, nimmt der Opel-Van die teils unebenen Fahrbahnen mit Gelassenheit. Seine Federung gibt sich komfortabel, das Fahrverhalten ist dank des weit unten eingebauten Akkupacks und dem deshalb tief liegenden Schwerpunkt überaus angenehm. Die Karosserieneigung? Trotz all der Masse ist sie nicht der Rede wert.

Beim Aufladen der Batterie erweist sich der Zafira-e ebenfalls als flink. An einer häuslichen Wallbox mit ihren typischen elf kW Leistung vergehen zwar üppige sieben Stunden bis zur vollen Ladung – am Schnelllader mit 100 kW reichen dagegen 48 Minuten, bis ein Füllstand von 80 Prozent erreicht ist.

Der eigentliche Bedienkomfort des E-Vans ist überaus gut – vielfältige Assistenzsysteme unterstützen den Fahrer und sorgen so für Sicherheit. Der Chauffeur nimmt dabei eine entspannte Sitzposition ein, das Knie reibt sich jedoch an der Mittelkonsole, wo der Fahrregler des Antriebs statt des üblichen Schalthebels seinen Platz hat. Die Instrumentierung ist nicht wirklich innovativ. Aber sie ist insofern angemessen, als dass die wesentlichen Daten dargestellt werden.

In den Fond gelangen die Passagiere dank der beidseitig elektrisch öffnenden Schiebetüren mühelos auf die sechs Sitzplätze. In diesem Auto finden alle einen bequemen Platz mit reichlich Freiheit für Beine und Ellenbogen. Richtig groß wird der Opel aber dann, wenn es um den Gütertransport geht. Selbst wenn alle Sitze an Bord sind, finden hinter der dritten Reihe Getränkekästen, Koffer und Taschen eine großzügige Bleibe. Wer die Sitze klappt oder gar ausbaut (was sich aber aufgrund des Gewichts nicht gerade im Handumdrehen erledigen lässt), macht den Zafira zum Raumwunder mit 4200 Liter Transportvolumen. Die erlaubte Zuladung gestattet auch die Beförderung von schwerem Gepäck, sogar einen Anhänger mit bis zu 1000 Kilogramm darf der Vollstromer ziehen.

Und wem ist der Zafira-e nun ein angemessener Weggefährte? Für die Urlaubsreise der Großfamilie wird er nicht die erste Wahl sein – zu oft müsste die Fahrt zum Energietanken unterbrochen werden. Also ab auf die Kurzstrecke? Ob der Kleinbus dort zum Freund kitabeschickender Eltern wird, ist ob des hohen Preises ebenfalls nicht zu erwarten. Für die reichweitenstärkere Version sollten immer wenigstens 60.000 Euro kalkuliert werden, wenngleich der Umweltbonus davon noch abzuziehen ist.

Unsere Prognose also: Als einsatzfreudiger Helfer dürfte sich der Zafira-e eher als sauberer Shuttle etwa im Hotel- oder Taxigewerbe erweisen, wenn während der Stand- und Wartezeiten entspannt nachgeladen werden kann. Mit seinen nunmehr knapp über 20 Jahren hat er sich halt sehr verändert, dieser junge Zafira von einst.

Info

Modell: Opel Zafira-e Life

Motor: E-Motor

Leistung: 100 kW/136 PS

Drehmoment: 260 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h (abgeregelt)

Beschleunigung (0–100km/h): 13,3 s

Batteriekapazität: 75 kWh (brutto)

Verbrauch (ø nach WLTP): 24,4 kWh/100 km

Reichweite nach (WLTP): 330 km

CO2-Ausstoß (nach WLTP): 0 g/km (lokal)

Kofferraumvolumen: 325 bis 4200 Liter

Testwagenpreis: 63.350 Euro

Basispreis: 59.800 Euro

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