Vorstellung Ferrari Purosangue Vier können auch anders!

Eigentlich hatten sie sich bei Ferrari ja lange Zeit geschworen, nie ein Fahrzeug zu bauen, das unter SUV-Verdacht stehen könnte. Tja, nun ist er da: der Purosangue. Mit vier Türen, Allrad und höherem Aufbau.
24.09.2022, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von MAO/AMPNET

Ferrari baut Sportwagen. So war das in nunmehr 75  Jahren Firmengeschichte immer. Basta. Jede Idee, den Markenkern der Ikone unter den italienischen Autoherstellern zu verwässern, grenzte dann auch an Schändung eines Nationalheiligtums. Ein SUV, viertürig gar, mit dem Emblem und der DNA eines Ferrari? Sicher, damit würden sich ganz neue Käuferschichten erschließen, insbesondere unter sagenhaft reichen Kunden in Nah- und Fernost. Und dennoch: Bevor Ferrari ein derartiges Fahrzeug baue, müsse man ihn schon erschießen, ließ Sergio Marchionne, damals Lenker des Ferrari-Mutterkonzerns Fiat/Chrysler, noch 2016 wissen.

Nur ein Jahr später änderte er seine Haltung, die Macht des Marktes, auf dem Konkurrenten wie Porsche, Maserati, Aston Martin und Lamborghini mit ihren Supersportlern im SUV-Gewand gut verdienen, war stärker. Nun, im Jubiläumsjahr 2022, ist das Ergebnis da: der Purosangue.

Lange waren die Details unter Verschluss geblieben, stellte das Projekt doch in vielerlei Hinsicht eine Zäsur da. Schließlich hat es noch nie einen viertürigen Ferrari gegeben, zumindest nicht in Serie. 1980 hatte Firmengründer Enzo Ferrari zwar den Prototypen Pinin entwickeln lassen, doch dessen Fahreigenschaften entsprachen nicht den Ansprüchen an einen Ferrari. Der autovernarrte Sultan von Brunei ließ sich mehrere Viertürer auf Basis des 456 GT bauen – aber die zählten ebenso wenig wie die Limousine Lancia Thema 8.32, in der ein Ferrari-Motor steckte.

Was ab jetzt zählt, ist der Purosangue. Als SUV will Ferrari ihn trotz 18,5 Zentimetern Bodenfreiheit ausdrücklich nicht verstanden wissen – sondern sieht ihn sportlicher positioniert als etwa den Lamborghini Urus. Die Wahl des Modellnamens kam so auch nicht von ungefähr: Die Übersetzung von Purosangue lautet Vollblut.

Das misst zwar üppige 4,97  Meter in der Länge, wirkt durch eine Reihe ungewöhnlicher Formen und Details aber deutlich filigraner. Das Heck ist kurz und dynamisch, die Radhausblenden sind markant separiert von der restlichen Karosserie, die Schweller hoch eingezogen.

Die Türen werden elektrisch betätigt, die hinteren Portale sind gegenläufig angeschlagen, es bleibt aber bei der B-Säule, um die Karosserie steifzuhalten. Weil auch hinten Sportwagengefühl aufkommen soll, gibt es dort nur Einzelsitze. Die Rücksitze sind umlegbar, regulär fasst der Kofferraum eher durchschnittliche 473 Liter.

Was den Arbeitsplatz des Fahrers betrifft, legt Ferrari Wert darauf, dass die Winkel von Lenkrad, Pedalen und Sitz identisch mit den Sportmodellen sind – das Lenkrad mit den großen Schaltpaddeln wurde praktisch vom SF 90 übernommen. Bis auf den Drehknopf (Manettino) für den Fahrmodus sind die meisten Knöpfe als Touch-Sensoren ausgelegt. Der Drehzahlmesser ist mittig im Bildschirm präsent, und die Schalter auf der Mittelkonsole nehmen das Design einer offenen Schaltkulisse auf. Auch im Purosangue pflegt Ferrari seinen ganz eigenen Interieur-Stil.

Doch das Herzstück eines Ferrari war, ist und bleibt immer: der Motor. Der bietet durchaus Überraschungspotenzial. Weil er auf alles verzichtet, was die aktuelle Auflage der Ingenieursfibel an Hilfsmitteln zur Leistungssteigerung auflistet. Ein Turbomotor? Fehlanzeige. Zusätzliche E-Power durch ein Hybridsystem? Ach was. Im Purosangue steckt ein V12-Sauger und damit viel alte Schule. Zwar ist das Aggregat aus der sogenannten F140-Reihe grundsätzlich bekannt, wurde für den Purosangue aber praktisch neu konstruiert. Der Hubraum liegt bei 6,5 Litern, die Nockenwelle ist eigenständig, Luftsammler und Ansaugbereich wurden überarbeitet. Als Ergebnis stehen 553 kW (725 PS) Leistung und ein Drehmoment von 716 Nm, von dem 80 Prozent schon bei niedrigen 2100 Umdrehungen pro Minute anliegen. So präsentiert sich die Leistungsentfaltung deutlich alltagstauglicher als bei einem auf gnadenlos hohe Drehzahlen ausgelegten Supersportler.

Ziel war ein Fahrzeug mit unverwechselbarem V12-Klang – aber zugleich so zivilisiert, dass man bei ruhiger Fahrt auch telefonieren kann. Wenn man es darauf anlegt: Der Spurt von 0 auf 100 km/h dauert 3,3  Sekunden, ganze 7,3 Sekunden später liegen bereits 200 km/h an. Die Spitze ist oberhalb von 300  km/h angesiedelt. Das Doppelkupplungsgetriebe ist nach dem Transaxle-Prinzip verbaut, sitzt also an der Hinterachse, der Mittelmotor aber vorn. Es verfügt über acht Fahrstufen – sieben kurze Sportgänge und einen lang ausgelegten achten Gang für die Autobahn.

Die Kraftübertragung lässt dabei keine Wünsche offen: Allradlenkung und -antrieb sorgen für perfekte Traktion, die Gewichtsverteilung des Purosangue liegt bei idealen 49 zu 51. Das Fahrwerk kann den Fahrzeugschwerpunkt um zehn Millimeter absenken, an den Federbeinen sitzen dafür 48-Volt-Stellmotoren.

So soll der Purosangue zwar ein Vollblut-Ferrari sein – aber keinesfalls das klassische Sportwagenprogramm überschatten. Von wegen Verwässerung des Markenkerns. So wird die Produktion des Viertürers, dessen Auslieferung im zweiten Quartal 2023 beginnen soll, streng auf 20 Prozent der gesamten Fahrzeugproduktion beschränkt. Stammkunden hatten bereits die Möglichkeit zur Vorbestellung: zu Preisen, die knapp unter 400.000  Euro beginnen. Die Erwartungen, so Ferrari, seien dabei weit übertroffen worden.

Verrückt? Ganz bestimmt. Ungefähr so wie einst die Idee, dass Ferrari doch mal ein viertüriges SUV bauen könnte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+