Fahrvorstellung: Mercedes G 500 Alte Schule

Der Mercedes G 500 ist länger, breiter, höher – und obendrein mächtig motorisiert. So kommt die feudale Spielart der G-Klasse aus Graz einmal mehr mit allem, was das Herz geneigter Globetrotter begehrt.
30.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Roberto Wenk

Die frohe Botschaft vorweg: Die G-Klasse ist ein Geländefahrzeug. Noch immer fernab des SUV – und erst recht keine dieser ziemlich hippen Abwandlungen. Wer also auf Retro-Optik und das raubeinige Fahrgefühl steht und dazu noch ein wenig Geld loswerden möchte, sollte zugreifen.

Die neue G-Klasse ist länger, breiter, höher – und ausgesprochen mächtig motorisiert. Kurzum, der G 500 hat einmal mehr ­alles, was es braucht. Bei diesem Mercedes folgen die Formen ganz eindeutig der Funktion. Und darüber hinaus? Nun ja, an sich hat dieses Auto mehr nicht nötig.

Denn was zieht den ­geneigten G-Klässler stärker in den Bann als das urwüchsige Understatement. Ein wahrhaft bremisches Eigengewächs könnte man meinen. Allerdings stammt dieser Stern – seit jeher eine deutschösterreichische Koproduktion – aus Graz in der Steiermark.

Ersatzrad am Heck

Auf dem traditionellen Kasten­rahmen thront wie gehabt die bewährte, durchweg kantige Karosserie. Die Türen sind nach wie vor mit den markanten, außen liegenden Scharnieren angeschlagen. Und am Heck sitzt das Ersatzrad. Klar, es wäre nun auch wirklich ein Wunder, hätte der Autobauer diesen Brauch angetastet.

Neu kommen indes die Schein­werfer daher. Nun mit LED-Technik ausgerüstet, weisen sie in grellem Weiß den Weg durch die dunkelsten Nächte. Im Innenraum fühlt man sich derweil ­pudelwohl, besticht die Neuauflage doch durch unerwarteten Feudalismus.

Offenporiges Holzfurnier

Diese zwei großen ­Bildschirme, dieses herrlich griffige ­Lenkrad, dieses feine Leder der Sitze: Das ist so einladend wie letztlich bequem. Aber dazu auch noch das offenporige Holzfurnier um den Wählhebel, am Armaturenträger und an den Türen? Vom Metalldekor drumherum mal vollkommen zu schweigen – ­Geländewagen ist das nicht mehr.

Nun denn, die G-Klasse der Gegenwart setzt eben auf den omnipräsenten Wohlfühlfaktor. Das soll keinesfalls ein Grund zur Klage sein. Dass es im Fond dann allerdings so eng zugeht und auch der Kofferraum eher moderate Platzverhältnisse offenbart, das verwundert angesichts der ­gewachsenen Ausmaße durchaus. Am ­meisten profitieren davon ­eindeutig Fahrer und Beifahrer.

Schlüsselloser Start

Schlüssellos läuft beim G 500 lediglich der Motorstart. Auf Knopfdruck folgt ein bass­betontes Bollern, das den Achtzylinder erweckt. Anschließend befeuern zwei Turbolader den vier Liter Hubraum messenden Motor. 422 Pferdestärken (310 Kilowatt) und die 610 – in Worten sechshundertzehn – Newtonmeter: Das ist wuchtig.

Zu allen Gegebenheiten halten sie den Geländegänger souverän in Schwung. Wenn es sein muss, eilt er innerhalb von 5,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. An ihrem Anschlag ist die Tachonadel bei 210 Kilometern pro Stunde. Ja, so schnell ist die G-Klasse unterwegs, und sie ist dabei nicht einmal anstrengend.

Komfortable Straßenlage

Möglich macht dies die neue Vorderachse mit Einzelradaufhängung und die neue Lenkung, bei der eine exaktere Zahnstangenübertragung den Kugelumlauf ersetzt. Das Ergebnis: ein deutlich komfortableres Fahren, nun auch auf befestigten Wegen.

Die Lenkung ist spürbar direkt, vermittelt permanent Feedback, und das Abrollverhalten ist verblüffend angenehm. Ungeachtet dessen besitzt die G-Klasse selbstverständlich weiterhin sämtliche Möglichkeiten, um querfeldein ihren Legenden­status auszuleben.

Stattliche Freiheiten

Dafür sorgen insbesondere die drei Sperren – je eine pro Achse und eine zwischen der Achsverteilung. Dazu der obszön große Böschungswinkel und die stattliche Bodenfreiheit: Das passt auf nahezu jedem Untergrund. Doch wie so oft, entscheidet das Reifenprofil nicht unerheblich über das Vorankommen abseits der Straße. So ist mit herkömmlichen Reifen und bei von Dauer­regen durchweichtem Untergrund recht schnell Schluss. Da müssen schon Pneus mit entsprechender Stollenprofilierung her.

Die End­rohre – links unter dem Seitenschweller platziert – hört man bei geöffnetem Fenster besonders gut. Wer kernigen Klang mag, unbedingt ausprobieren. Verbrauchstechnisch passt sich der Achtzylinder dem Fahrstil gern an. Im Gelände oder bei voller Kraft voraus ist die Marke von 20 Litern schnell geknackt; im Drittelmix genügen 14 Liter auf 100 Kilometern.

Ordentliche Geräuschkulisse

Klar, die 2,5 Tonnen Leer­gewicht sind nicht zu vernach­lässigen. Und die steil im Wind stehende Frontscheibe sorgt bereits von Tempo 130 an für eine ordentliche Geräuschkulisse, die naturgemäß nicht gerade zu geringem Durst verleitet.

Man könnte sich darüber mit der Soundanlage aus dem Haus Burmester trösten. Auf die Qualität der Audiolösungen aus Berlin-Schöneberg ist auch in diesem Auto Verlass, der Klang hervorragend. Nur wirken sie in diesem Fahrzeug so fremdartig wie ein Regenschirm in der Sahara.

Tradition trifft Moderne

Fazit: Das G-Modell schafft die präzise Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne. Nach fast 40 Jahren G-Klasse hat Mercedes-­Benz noch einmal einen Zahn zugelegt. Die feudale Spielart des legendären Vehikels hat ihren Preis, zweifelsohne. Wer – fast einen Meter über dem Boden sitzend – dem Bollern des V8 lauschen möchte, muss mindestens 112.439 Euro berappen. Mit diversen Ausstattungsoptionen steigt der Preis gut und gern um mehr als 30.000 Euro. Der Einstieg in die G-Klasse gelingt allerdings auch ein wenig günstiger, mit dem G 350 d. Als Diesel-­Basismotorisierung steht das Fahrzeug für 99.447 Euro in der Liste.

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