Fahrbericht: Mercedes GLA 250 4MATIC

Der sechste Sinn

Ablenkung? Touché – die herrscht an Bord des Mercedes GLA 250 4MATIC. Touch am Lenkrad, Touch am Display, Touchpad statt Drehdrückschalter. Immerhin, die Sitzeinstellung ist idiotensicher. Gesamturteil: kaufen.
14.05.2021, 23:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Tobias Winkler
Der sechste Sinn

In digitalweißem Gewand fährt der GLA 250 4MATIC zum Test vor.

Mercedes

ESP ist längst ein alter Hut? Falsch gedacht. Vor nunmehr 24 Jahren drehten schwedische Tester die A-Klasse aufs Dach, seither ist der Elchtest ein geflügeltes Wort, das Elektronische Stabilitätsprogramm Standard. Nun jedoch lädt der Mercedes GLA 250 4MATRIC zum Test. Und ESP, das bedeutet mittlerweile Extrasensory Perception, wie es Psychologen nennen: der sechste Sinn. Dank MBUX punktet der GLA mit Intelligenz in Sachen Infotainment, und auch Allrad und Assistenten liefern ab.

Der neue Mercedes-Benz GLA 2020

The new Mercedes-Benz GLA 2020

Echter Cliffhanger! Und das ganz ohne Spoiler.

Foto: Mercedes

Ziemlich berührungsempfindlich, dieser Schwabe. Das Touchpad in der Mittelkonsole, dazu zwei Touchbuttons am Lenkrad sowie ein von zwei Touchdisplays á 10,25 Zoll gezierter Armaturenträger – mit Varianten der Bedienbarkeit geizt der Mercedes GLA keineswegs. Wer mit dem Stern fährt, sucht sich neuerdings gern mal den Wolf. Denn klar, MBUX, Mercedes-Benz User Experience, das klingt nicht nur mächtig, ist es auch. Die neue Ausbaustufe des Infotainments ändert das erwartungsgemäß nicht. Kurzum, entdecke die Möglichkeiten!

Einer für Kenner

Wohl dem, der zumindest ein paar Modelle dieser Marke kennt. Ansonsten gestaltet sich bereits das Einlegen des Ganges, beziehungsweise der entsprechenden Fahrstufe, ein wenig schwieriger. Älteren Autofahrern ist der bis in die 1970er-Jahre beliebte Schalthebel in Manier eines Blinkerstocks mit Sicherheit noch geläufig. Mercedes brachte den Lenkstockschalter Anfang dieses Millenniums zurück, als Automatikwählhebel namens Direct Select. Und um der anfänglichen Verwirrung Genüge zu tun, ja, Schaltwippen für den sportlicher orientierten Piloten, auch die hat der GLA 250 4MATIC verbaut.

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Die Sitzeinstellung funktioniert, typisch Mercedes, kinderleicht.

Foto: Tobias Winkler

Fürs Quartett: Allrad, Vierzylinder, Benziner, knapp zwei Liter Hubraum – damit bringt es das 1600 Kilogramm schwere Fahrzeug auf 165 Kilowatt Leistung (224 PS) und eine Höchstgeschwindigkeit von 240 Kilometern pro Stunde. Von null auf 100 wäre er damit innerhalb von 6,7 Sekunden. Wenn er denn könnte.

Duftmarke versetzt

So what, gemütlich geht’s in den Feierabendverkehr, vom Bremer Pressehaus gen Stuhr. Die Karl-Carstens-Brücke überquert (jene Erdbeerbrücke, auf deren Schild die Witwe Carstens zur Einweihung einen Schreibfehler ausmachte), linker Hand das Werder-Karree, wartet der erste kleinere Stau. Vom Wegesrand reicht jemand ein Duftbäumchen herein. Warum nicht, nettes Geschenk könnte man meinen. Auch die im Rücken wartenden Autos bekommen einen. Dann jedoch kehrt der freundliche Verteiler um, will Geld. Zwei Euro? Das scheint zunächst zu teuer. Schließlich hat doch bestimmt auch dieser Mercedes diesen Air-Balance-Flakon im Handschuhfach, jenen in der Werbung als „faszinierendes Sinneserlebnis“ angepriesenen Duftgenerator … Fehlanzeige. Sämtlichem Schnickschnack zum Trotz, dieses Auto ist immer noch eine A-Klasse. Einsteigermodell.

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Schade um den Drehdrückschalter. Eine Maus dazu hätte vielleicht was.

Foto: Tobias Winkler

Ohne Duft geht’s weiter – ortsauswärts in den nächsten Stau. Immerhin, so bleibt einmal mehr Zeit, sich MBUX und seinem TTT, dem Dreierlei der sensitiven Schaltflächen, zu widmen. Und in der Tat, die per E-Call-Gesetz verordnete Mobilfunkkarte hat ihr Gutes. Dua Lipa versus Linkin Park zum Beispiel, „In the End“ auf Youtube? Feine Sache. Der Haken: Sobald der Verkehr nur ein wenig ins Rollen gerät, schaltet der Bildschirm ab. Fraglos eine sinnvolle Einrichtung, Ablenkung herrscht hier sowieso genug. Dennoch, die Beifahrerin hätte sich über Unterhaltung visueller Art gefreut. Fürs Lastenheft: Ein klappbarer Screen hätte was. Dann könnten zumindest die Passagiere Musikvideos schauen. Nun denn, immerhin läuft die Audiospur weiter.

Pause am schwedischen Möbelhaus. Allzu oft beschönigen die Stapeleien der üblichen Bauklötze (normierte Messquader, mit denen zum Beispiel der Verband der Automobilindustrie arbeitet) die Ladekapazität. Gut, auch in diesem Fall reicht der Platz nicht für ein neues Bett oder einen neuen Schrank. Ein paar kleinere Möbelstücke indes sind problemlos unterzubringen. Kurzum, die 435 Liter – bei eingefalteter Rücksitzbank 1430 Liter – fassen mehr Gepäck, als es die Zahlen vermuten lassen.

HUD? Goldstandard

Auch das Head-up-Display verdient sich das Prädikat Goldstandard. Navigationspfeile, Tempo und Geschwindigkeitsbegrenzungen direkt auf die Windschutzscheibe projiziert, jederzeit in voller Schärfe und Strahlkraft lesbar, auch bei Gegenlicht, und das vollfarbig: So lenkt nichts mehr den Blick von der Straße ab. Das achtgängige Doppelkupplungsgetriebe leistet ohnehin überzeugende Dienste. Über den Infotainmentschirm lässt sich zudem das Fahrprogramm zusammenstellen.

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Ruf! Mich! An! Der E-Call ist ein Segen – so lässt sich sogar Youtube schauen.

Foto: Tobias Winkler

Heißt: Wem die Standardeinstellungen Sport, Comfort oder Eco weniger zusagen, der konfiguriert seine eigene Gangart und bestimmt unabhängig voneinander Lenkwiderstand, Kraftverteilung des Allradantriebs, Beschleunigung, Schaltverhalten und die Stärke der elektrischen Stabilitätskontrolle. Damit sollte nahezu jeder Fahrer auf seine Kosten kommen.

Zurück zur etwas anderen Art der ESP, Exkurs in die Psychologie. Extrasensory Perception – das ist ein gern mit esoterisch anmutender „außersinnlicher Wahrnehmung“ übersetzter Begriff, umgangssprachlich: der sechste Sinn. Die Schlagworte: Psychometrie, Prä- und ­Postkognition, Telepathie, Clairvoyance.

Klingt kompliziert? Ist es aber nicht. Psychometrie heißt so viel wie Vermessung. Anfassen, fühlen, vielleicht ein wenig klopfen – und feststellen: Ein paar Rillen und Furchen machen selbst aus dem schönsten Plastik kein Holz. Die Präkongnition ist eine Sache für die Radarsensoren, Kameras und den Bordcomputer. Einfaches Beispiel: Spurhalter, Abstandsassistent oder Parkhilfe. Verlässlich, ja, das sind sie zweifelsohne. MBUX jedoch verspricht mehr, die Lernbereitschaft seiner Systeme, abhängig vom Fahrverhalten – die besagte Post- oder auch Retrokognition.

Der neue Mercedes-Benz GLA 2020

The new Mercedes-Benz GLA 2020

In Sachen Touch ist dieser Benz ziemlich weit vorn.

Foto: Mercedes

Nach der kurzen Testphase bleibt es schwer, ein Urteil abzugeben. So schnell lernt niemand. So oder so, die Technik konzentriert sich derzeit darauf festzustellen, wann und auf welcher Strecke wer wie lange, warum und vor allem mit wem telefoniert. Dann gibt’s zur passenden Zeit die entsprechende Telefonnummer aufs Display. Und wer regelmäßig zu einer bestimmten Uhrzeit vom Jugendsender Bremen Next auf Deutschlandfunk umschaltet, muss künftig  nicht mal mehr dran denken.

Ganz schön Gaga

Damit zum dritten Punkt, Telepathie, die Wahrnehmung des Unbewussten. Die viel gelobte Sprachsteuerung gibt zwar interessante Rückmeldungen, als Anhänger eines dadaistischen Gaga-Gedankens könnte man ihr stundenlang zuhören – mit Steuerung hat das allerdings nicht viel zu tun. „Navigation?“ Keine Rückmeldung. „Routenführung!“ Nix. „Mach mal Musik, Alan Parson, bitte!“ – „Pardon, Alan! Du meinst Helen Pearson?“ Lassen wir’s einfach. Pearson heißt dann wohl eher Jessica, die Anwältin aus der US-Serie „Suits“ – nur ist die eingebaute Internetverbindung für diesen Stream zu langsam.

Der neue Mercedes-Benz GLA 2020

The new Mercedes-Benz GLA 2020

Griffig! Der mit Leder ummantelte Lenkradkranz liegt bestens in der Hand.

Foto: Mercedes

Kurzum, die Scharfsicht – die besagte Clairvoyance – trifft im Fall des GLA deutlich besser in puncto Handschriftenerkennung des Navis zu. Sie verzeiht zwar nicht derartige Doktoreien wie jene eines Audi, aber genug.

Verblendung? Also bitte

Wirkliche Hellseherei, das ist gewiss eher was für die Scheinwerfer. In diesem Fall: Multibeam-LED, die Abbiege- und Kurvenbeleuchtung samt Teilfernlicht, das andere Verkehrsteilnehmer vor Blendattacken bewahrt. Clever.

Wer links und rechts …

Auf der Strecke bleibt letztlich die Intuition, der siebte Sinn. Bis 2005 münzte die gleichnamige TV-Show ihn auf die Verkehrssicherheit. Zu dieser trägt das multifunktionale Cockpit beim besten Willen nicht bei. Nichtsdestotrotz, für den geübten Mercedes-Fahrer ist MBUX sicherlich ein Eldorado puren Luxus. An den Blinkerstock rechts und den Scheibenwischer links gewöhnt man sich schnell.

Nachmacher!

Und die Annäherungssensoren rundum Touchscreen und Touchpad? Da eifert Mercedes den Kollegen von BMW nach, Stichwort Gestensteuerung. Klar, das ist die Zukunft. Nur was nicht mal die Bayern – zumindest noch nicht – vollends hinbekommen, das machen die Stuttgarter keinesfalls besser. Dabei wäre diese Art des Cockpits so viel wegweisender als dieses Dreierlei der Fummelei.

Der neue Mercedes-Benz GLA 2020

The new Mercedes-Benz GLA 2020

Die dynamisch gezeichnete Karosserie zeigt Kante.

Foto: Mercedes

Fazit: In Sachen Interieur hat der GLA ordentlich nachgelegt – schade um den präzise rastenden Drehdrücksteller in der Mittelkonsole. Die dynamischen Proportionen der Karosserie zeigen Kante im Segment der Kompakt-SUV. Alternativen? Nun ja, BMW X2, Jaguar E-Pace, Kia Xceed, Ford Puma – was das Kriterium Alleinstellung angeht, war’s das so ziemlich.

Info

Technische Daten

Modell: Mercedes GLA 250 4MATIC
Motor: R4-Benziner
Hubraum: 1991 ccm
Leistung: 165 kW / 224 PS
Drehmoment: 350 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h
Beschleunigung (0–100 km/h): 6,7 s
Verbrauch (ø nach NEFZ, WLTP): 6,8 l/100 km, 7,7 l/100 km
CO2-Ausstoß (nach NEFZ, WLTP): 155 g/km, 174 g/km
Abgasnorm: Euro 6d-ISC-FCM
Ladevolumen (nach VDA): 435–1430 Liter
Basispreis: 43.262 Euro
Testwagenpreis: 46.712 Euro

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