Vorstellung: Kia EV6 Schnell, schnell – der EV6 kommt

Bei E-Autos zeichnet sich ein Umdenken ab: Entscheidend ist nicht, wie viel Strom der Akku lädt. Sondern wie schnell. Und da ist der Kia EV6 ganz vorn dabei – er bringt die 800-Volt-Technik in die Mittelklasse.
10.07.2021, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Heinrich Rohne

Er ist der erste ausschließlich für den E-Antrieb konzipierte Kia und setzt gleich mal ein Ausrufezeichen: Denn der EV6 operiert mit einer Systemspannung von 800 Volt, was ihn für extrem hohe Ladegeschwindigkeiten qualifiziert. Energie für 100 Kilometer Reichweite soll so binnen fünf Minuten in den Akku strömen. Das klingt ja mal hoch spannend – also auf zum ersten Kennenlernen.

Weiter, immer weiter – die Urheberrechte an dieser von Ehrgeiz durchsetzten Maßgabe liegen seit dem Bundesligafinale 2001 (man erinnert sich ungern daran auf Schalke) bekanntlich bei Torwart-Titan Oliver Kahn. Fast scheint es, als hätten die Autohersteller damals auch hingehört und das verinnerlicht. Ist die Formel, um Elektroautos größtmögliche Alltagstauglichkeit und Akzeptanz zu verschaffen, doch identisch: Weiter, immer weiter sollen sie kommen. Doch dafür braucht es beim derzeitigen Stand der Technik immer größere Akkus. Die aber erfordern größere Karosserien, erhöhen das Gewicht, versauen die Ökobilanz und treiben den Fahrzeugpreis in die Höhe. Klingt eher nach verkehrsberuhigter Zone denn Schnellstraße in Richtung flächendeckender E-Mobilität für alle, oder?

Doch das Wettrüsten – das Tesla Model S der ersten Generation hatte noch einen 40-kWh-Akku, heute sind es 100  kWh – könnte sich schon bald verlagern. Denn der aktuelle Trend lautet: Als Trumpf beim Elektro-Poker gilt nicht mehr zwangsläufig die reine Speicherkapazität, sondern die Ladegeschwindigkeit. Deshalb wird statt wie bisher mit 400 Volt Systemspannung nun auch mit 800 Volt operiert. Vorreiter dieser Architektur war Porsche mit dem Taycan, der mit Ladeleistungen von bis zu 270 Kilowatt den Weg vorzeichnete – aber in der Luxusklasse. Nun bringt die Hyundai-Kia Motors Corporation als erster Volumenhersteller diese Technik in die Mittelklasse: Hyundai beim Ioniq und Kia im EV6, der ab Herbst ausgeliefert wird. Den haben wir uns schon mal näher angesehen.

Die Koreaner haben dafür eine neue Elektroplattform namens E-GMP (Electric Global Modular Platform) entwickelt, die aktuell den Einbau von Akkus mit Speicherkapazitäten von 58 und 77,4  kWh sowie Antriebsleistungen von bis zu 600 PS ermöglicht. Vor allem aber erlaubt sie die Benutzung von Schnellladestationen sowohl mit 400- als auch mit 800-Volt-Technik. Das lässt die bisher bestimmende Frage, wie weit man mit einer Akkuladung kommt, in den Hintergrund treten. Weil sich der leer gefahrene Speicher bei entsprechender Infrastruktur ja ratzfatz wieder auffüllen lässt.

Schneller ans Ziel trotz häufigerer Ladestopps – das geht tatsächlich

Die Rechnung lautet: Mit hohen Reisegeschwindigkeiten kommt der EV6 auch bei mehreren kurzen Boxenstopps letztlich trotzdem schneller ans Ziel. Im Idealfall soll es nur 18 Minuten dauern, um die Batterie mit einem Ladezustand von 10 Prozent wieder auf 80 Prozent ihrer Kapazität zu bringen. Anders ausgedrückt: Eine fünfminütige Pause reicht aus, um Reichweite für 100 Kilometer zu zapfen.

Dass die Gleichung mit den kurzen Ladestopps aufgehen kann, bewies kürzlich das Fachblatt „auto motor und sport“ bei der Rekordfahrt mit einem Taycan. In 24 Stunden sollte der E-Sportler auf einer Rennstrecke so weit wie möglich kommen. Am Ende standen 3036 Kilometer Strecke entsprechend 126,5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit – und das trotz 30 Ladestopps. Bei denen wurde nie auch nur annähernd vollgeladen, sondern lieber kurz und heftig in jenem Arbeitsfenster, in dem der Akku maximal Strom aufnahm. Diesem Grundgedanken folgt auch der Kia, kostet aber nicht mal halb so viel wie der Porsche.

Also: Platz nehmen in diesem rollenden Schnelllader aus Fernost. Mit einer Länge von 4,68  Metern und einem Radstand von 2,90 Metern ist der EV6 ein ausgewachsenes Mittelklassemodell – bietet aber, die E-Architektur macht's möglich, das Raumangebot der Oberklasse. Denn auf der bequemen Rücksitzbank finden auch drei Menschen mit langen Beinen bequem Platz. Großgewachsene müssen indes ein wenig den Kopf einziehen: Die coupéhafte Dachlinie des als, natürlich, Crossovermodell gezeichneten Kia schränkt in Kombination mit dem Panoramadach die Innenraumhöhe ein.

Davon unberührt: der mit 520  Litern Volumen mehr als passable Kofferraum. Wer die Rücklehnen komplett umlegt, kann sogar 1300 Liter Transportgut ins Heck wuchten. Ladekabel und anderes Kleinzeugs lässt sich im Frunk genannten Stauraum unter der vorderen Haube verstauen.

Vom Fahrersitz aus eröffnet sich der Blick auf ein Informations-Panorama, das sich in einem horizontalen Bogen über zwei Zwölf-Zoll-Bildschirme erstreckt. Das alles sieht nicht nur cool aus, sondern lässt sich auch kinderleicht bedienen – größtenteils über den mittigen Touchscreen, bei einigen Funktionen aber dankenswerterweise auch noch über konventionelle Tasten. Die wichtigsten Informationen werden gegen Aufpreis über ein Head-up-Display ins Sichtfeld des Fahrers projiziert, per Augmented Reality ploppen zudem Richtungshinweise in Pfeilform im Bild auf. Nach fünf Minuten Eingewöhnungszeit sollte sich jeder im EV6 zurechtfinden. Und auch wohlfühlen.

Denn die im Kia verbauten Materialien sind hochwertig, die Verarbeitungsqualität ist dabei tadellos. Beim Design orientiert sich der EV6 an zwei Studien, die Kia 2019 in Genf und Shanghai präsentierte – ohne jedoch das Design von damals komplett zu übertragen. Der Crossover zeigt sich mit stark gewölbter Motorhaube, sanft abfallendem Dachverlauf und einem markanten Heck mit einer abstehenden Karosseriesicke. Sie nimmt das Heckleuchtenband sowie die Blinker auf – und ermöglicht zudem eine außergewöhnliche Lichtsignatur, die sich weit in die Flanken hineinzieht und optisch eine schwungvolle Linie mit den Schwellern in Trittbrettform bildet.

In der Seitenansicht dominieren klare Flächen mit wenigen Sicken und rundlich ausgestellten Radhäusern. Hingucker ist hier die scheinbar durchbrochene C-Säule, wodurch das Dach zu schweben scheint.

Wie viel Leistung darf es denn sein? 170 PS? Oder irre 585 PS?

Versenkbare Türgriffe – schon bei verschiedenen Jaguar-Modellen eine hübsche Show – verschaffen dem EV6 zusätzliche Aufmerksamkeit. Schmale LED-Scheinwerfer dominieren eine Front, die, ganz E-Auto, ohne einen Grill im klassischen Sinne auskommt. Zwei ausgeprägte Sicken auf der Haube leiten den Blick zur flach stehenden Windschutzscheibe. A-, B- und C-Säulen in Schwarz vermitteln ein durchgehendes Fensterband.

Die technischen Daten versprechen einiges an Fahrvergnügen. Die heckgetriebene Basisversion mit dem kleineren Akku hat bereits eine Spitzenleistung von 125 kW/170 PS, alternativ gibt es als GT Line eine Version mit 168 kW/228 PS. Sie ist mit dem 77,4 kWh großen Akku verknüpft – was unter Idealbedingungen bis zu 510 Kilometer Reichweite und bis zu 185 km/h Spitzentempo ermöglichen soll.

Als eine Art Beweis, dass man im Konzert der E-Höchstleister mitzuspielen vermag, schiebt Kia im Herbst 2022 noch die heftige GT-Version nach. Die hat dann einen zweiten Elektromotor und somit Allradantrieb – was bei 430 kW/585 PS Leistung und 740 Newtonmeter Drehmoment auch besser ist. Der Top-EV6 stürmt in 3,5 Sekunden auf 100 km/h, gebremst wird sein irrer Vorwärtsdrang erst bei 260 km/h. Puh. Da werden sich VW ID.4 GTX und das Tesla Model Y anstrengen müssen, um Schritt zu halten – auf der Straße wie an der Ladesäule.

Die Preisgestaltung an der Basis geht dabei in Ordnung. Für das EV6-Einstiegsmodell mit 58 kWh großem Akku ruft Kia 44.990 Euro auf – vor Abzug der Förderung. Das sind etwa 800 Euro weniger, als derzeit für den deutlich kürzeren e-Niro mit der 64 kWh fassenden Batterie fällig werden.

Kostet die nächststärkere GT  Line schon glatte 10.000  Euro mehr, sind wir bei der GT-Topversion schon bei 65.990 Euro. Was – wohl kein Zufall – fast exakt dem Preis der Performance-Variante des Tesla Model Y (65.620  Euro) entspricht, die etwa zeitgleich auf den deutschen Markt kommt. Was sagt uns das? Die Zeiten, da sich Kia mit Dumpingpreisen seinen Platz in Deutschland erobern musste, sind vorbei. Schließlich geht es ja auch weiter, immer weiter.

Info

Modell: Kia EV6 GT Line 2WD

Motor: E-Motor (Hinterachse)

Leistung: 168 kW/228 PS

Drehmoment: 350 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h

Beschleunigung (0–100km/h): noch k.A.

Batteriekapazität: 77,4 kWh

Verbrauch (ø nach WLTP): noch k.A.

Reichweite: bis 510 km

CO2-Ausstoß (nach WLTP): 0 g/km (lokal)

Kofferraumvolumen: 520 Liter + 52 Liter vorne

Basispreis: 54.990 Euro

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