Entspannung und Meditation im Wald

Eine Umarmung für Buche, Eiche und Co.

Waldbaden mag belächelt werden, aber es entspannt ungemein. Ein Erlebnisbericht aus Bad Zwischenahn
19.08.2020, 14:35
Lesedauer: 5 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
Eine Umarmung für Buche, Eiche und Co.

Die Buche umarmen – das ist Teil des Waldbadens in Bad Zwischenahn.

Marie-Chantal Tajdel

Der Weg in den Wald führt zunächst nicht in die Stille. Ein Lastwagen hat sich in die kleine Lichtung gezwängt und lädt Baumstämme auf. Es brummt, knirscht und knallt. „Es ist nirgendwo ganz still“, sagt Sigrid Höpken mit einem Augenzwinkern und lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie ist Psychotherapeutin und Pädagogin und hat in Gristede im Auftrag der Bad Zwischenahn Touristik bei mehr als 35 Grad Celsius eine kleine Gruppe in den Wald geführt, um dort zu baden. Nicht in einem See, sondern mit den Sinnen im Grünen.

Waldbaden nennt sich das und mag einigen schon hinlänglich bekannt sein, vielen aber auch nicht. Neun Teilnehmer hat die Gruppe an diesem Tag, und alle schütteln den Kopf, als Sigrid Höpken, ganz in Weiß gekleidet und mit einem weißen Käppi auf dem Kopf, fragt, ob schon mal jemand Waldbaden war oder Bäume umarmt hat.

Bäume umarmen – das mag in den Ohren pragmatischer Zeitgenossen esoterisch klingen, hat aber einen handfesten Hintergrund. Waldbaden wurde in Japan erfunden und wird dort Shinrin Yoku genannt, was so viel heißt wie, mit der Kraft des Waldes, sich selbst entdecken. Shinrin Yoku ist seit den 1980er-Jahren in Japan eine anerkannte Heilmethode. Mittlerweile gibt es dort 63 Waldheilungszentren, in denen man unter Anleitung von medizinisch geschulten Shinrin-Yoku-Führern in den Wald gehen kann. Die wissenschaftliche Anerkennung geht auf den japanischen Arzt Quing Li zurück.

„In Japan arbeiteten die Menschen schon immer viel und leiden wegen des starken Leistungsdrucks unter Stresssymptomen“, erläutert die Therapeutin. Dort gab und gibt es deshalb auffällig viele Selbstmorde. Waldbaden hat aber dazu geführt, dass die Suizidrate mittlerweile zurückgegangen ist, erzählt sie. „Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen aus Japan, dass die Terpene, also die Duftstoffe der Bäume, den Menschen positiv beeinflussen“, sagt Sigrid Höpken. So soll Waldbaden etwa den Blutdruck senken, das Immunsystem verbessern, Stress abbauen oder einen guten Schlaf fördern. Die Methoden des Waldbadens sind ein Zusammenspiel von Meditation, Achtsamkeits- und Atemübungen sowie Naturerlebnissen.

Die Füße auf dem Waldboden spüren.

Die Füße auf dem Waldboden spüren.

Foto: Marie-Chantal Tajdel

Kein Humbug also und ein Grund mehr, sich auf die Suche nach Achtsamkeit in den Wald zu begeben. „Vielleicht finden wir sogar Pilze“, sagt eine Frau. Sigrid Höpken schüttelt leicht den Kopf. „Ich hatte mal einen Teilnehmer, der wollte Waldmeister suchen“, erzählt sie, „aber zum Schluss hat er gar nicht mehr daran gedacht.“ Denn Waldbaden entspannt. Wer sich darauf einlässt und durch das Grün wandelt, verfolgt kein bestimmtes Ziel, lässt sich treiben, hetzt nicht, rennt nicht, plappert nicht, betreibt keinen Leistungssport, sondern lässt sich auf die Waldatmosphäre ein; riecht, hört, fühlt, schweigt und sieht. Auch ob es regnet oder die Sonne scheint, ist egal.

Los geht es mit einer Übung, die auf den ersten Blick mehr als einfach wirkt: Langsam – und darauf liegt die Betonung – durch den Wald gehen. Um das Alltagstempo, den weitausholenden Schritt zu drosseln, kann man auch rückwärts gehen. Jeder entwickelt sein eigenes Tempo, spürt die weiche Erde unter den Füßen, schaut dabei in die Baumkronen, auf Buchen, Farne und Fichtenzapfen. Der Wind säuselt in den Blättern, oder rauscht, als würde in der Nähe ein Bach entlang fließen. Ein Vogel singt sein Lied, eine Grille stimmt mit ihrem gleichmäßigen Zirpen ein. Irgendwo fährt ein Trecker. Das Gras streift weich die nackten Füße.

Die Gruppe zieht sich immer weiter auseinander, schlendert, wird ruhig und ruhiger. Die Stimmung wird im positiven Sinn schläfrig und genussvoll.

Da nähern sich von hinten Schritte. Ein Japaner geht langsam und konzentriert vorbei, schaut in die Baumkronen und murmelt ein Mantra. Dann wendet er sich um und geht zurück. War der junge Mann bestellt? „Nein“, sagt Sigrid Höpken später und lacht.

Weiter geht es in einen kleinen Pfad, der von Tannennadeln bedeckt ist. Es riecht nach Baumharz und süßlichem Holz. Im warmen Sand sind Fußspuren und Abdrücke von Fahrrädern zu sehen. Die Brombeersträucher wuchern über den Wegesrand hinaus.

Die Eiche ragt hoch in den Himmel hinauf und lädt den Waldbader dazu ein, den Baum zu berühren. „Wer mag, kann sich etwas wünschen, Fragen stellen oder Sorgen loswerden“, sagt Psychotherapeutin Sigrid Höpken.

Die Eiche ragt hoch in den Himmel hinauf und lädt den Waldbader dazu ein, den Baum zu berühren. „Wer mag, kann sich etwas wünschen, Fragen stellen oder Sorgen loswerden“, sagt Psychotherapeutin Sigrid Höpken.

Foto: Marie-Chantal Tajdel

Zuvor hat die Waldtherapeutin gesagt, dass die Waldbader sich dort, an dem kleinen Waldpfad, einen Baum suchen sollen. „Welchen Baum ihr euch aussucht, bleibt euch überlassen“, sagt sie. Die kühle Buche, die knorrige Eiche oder die raue Fichte? Der Blick wandert zur Buche, die schief und krumm auf einem kleinen Wall wächst. Seinem Baum nähert sich jeder anders. Die eine legt ihre Hände und die Wange auf die Rinde, eine andere legt sich wie ein Baby zwischen die Blätter auf den Waldboden an den Baum. Ein Mann lehnt sich mit dem Rücken an eine dicke Buche, eine Frau umarmt eine schmale Fichte. Fragen kann man an den Baum stellen oder seine Sorgen loswerden, hat Sigrid Höpken zuvor gesagt. Wer mag, kann sich etwas wünschen.

„Was ihr heute erlebt, sollt ihr weiter praktizieren“, sagt die Waldtherapeutin. Zur Stressreduktion helfe etwa ein Tagesausflug in ein Waldgebiet in der Nähe. Wichtig sei, dass nicht gewandert oder gehetzt werde, sondern langsam geschlendert mit dem Blick im Grün der Bäume, auf dem Waldboden oder in den Baumwipfeln.

Dass Bäume eine Energie haben, sie sich auf den Menschen überträgt, bestätigen nach der Umarmung alle aus der Gruppe. Kraft durchströmt die Waldbader, beinahe wie bei einem Gebet, sagen einige. Andere haben eine Gänsehaut bekommen. Die Minuten vergehen, und die schläfrige Ruhe kommt, bis das Windspiel der Therapeutin die Waldbader aus ihrer Mediation weckt. An einer kleinen Lichtung suchen sich die Teilnehmer weitere Bäume aus. „Und dann seid ihr auch schon tiefenentspannt“, sagt Sigrid Höpken.

Wie wahr. Als die Gruppe anschließend zum Treffpunkt zurück spaziert, sind einige so entspannt, dass die Therapeutin sie ein wenig antreibt, damit sie sich verabschieden und den Teilnehmern ein kleines Geschenk – duftende Tannennadeln – überreichen kann, „und außerdem habe ich gleich noch einen weiteren Termin“, sagt sie. Eine schöne Auszeit war das. Aber nun Willkommen zurück vom Waldbaden im echten Leben.

Info

Zur Sache

Waldbaden in Bad Zwischenahn

Wer in Bad Zwischenahn Waldbaden möchte, hat das nächste Mal an den Freitagen, 11. sowie 25. September, um 15 Uhr die Möglichkeit dazu. Treffpunkt ist der Parkplatz gegenüber dem Rhododendronpark Wiefelstede an der Gristeder Straße, Ecke Köntjeweg. Das Seminar kostet 18 Euro und dauert etwa zwei Stunden. Eine Anmeldung ist telefonisch unter 0 44 03 / 61 91 59 oder unter 0 44 03 / 61 91 60 erforderlich sowie per E-Mail unter fuehrungen@bad-zwischenahn-touristik.de. Die Führung findet auch bei schlechtem Wetter statt. Teilnehmer sollten also an wetterfeste Kleidung denken.

Anfahrt: mit dem Zug von Bremen nach Bad Zwischenahn. Dann geht es mit dem Bus weiter nach Wiefelstede. Von dort entweder mit dem (mitgebrachten) Rad oder in etwa einer Stunde zu Fuß zum Treffpunkt. Mit dem Auto in etwa einer Stunde über die A 28, dann die Ausfahrt Zwischenahner Meer nehmen.

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