Bahn trifft auf Bergwelt

Dampfbahn-Spektakel in den Alpen

Von Juli bis September ziehen perfekt restaurierte Lokomotiven Nostalgiezüge zum Rhonegletscher
19.08.2020, 14:58
Lesedauer: 5 Min
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Von Robin Daniel Frommer
Dampfbahn-Spektakel in den Alpen

Mit der kobaltblau lackierten Lok geht es (hier ab Realp) auf eine besondere Bahnreise durch die Berge.

Robin Daniel Frommer

Gleich drei Anlässe feiert die Schweizer Gebirgsbahngesellschaft Furka-Dampfbahn am Wochenende, 22. und 23. August: Die Rückholung ihrer Traditionsloks aus Vietnam jährt sich bereits zum 30. Mal; vor 20 Jahren wurde die meterspurige Zahnradstrecke zwischen Realp (Kanton Uri) und Gletsch wiedereröffnet und seit zehn Jahren dampft es auch im Wallis wieder zwischen den Orten Gletsch und Oberwald.

Die kobaltblau lackierte Lok faucht ungeduldig. Thomas Ruch klettert aus dem offenen Seiteinstieg der wackeren Hundertjährigen; als Lokführer weiß er den Halt unterhalb des Rhonegletschers zu nutzen, um Achsen, Gestänge, und Lager des Dreikupplers zu prüfen. „Die Hitzeentwicklung ist bei Talfahrt an den Linealen am stärksten“, erläutert er bereitwillig – die kalte Zigarre behält er dabei zwischen den unter seinem struppigen Schnurrbart zusammengepressten Lippen. „Die Bergstrecke mit Steigungen und Gefällen von bis zu 110 Promille ist kein simpler Spaziergang für die Lok“, erläutert er rasch, „die 60 Tonnen Last beanspruchen sowohl Zylinder als auch die Zahnstangen in hohem Maß“. Und er erklärt den staunenden Fahrgästen: „Nur ein Drittel des Vortriebs übertragen die Zahnräder, den Löwenanteil steuern immer Adhäsion und Zylinder bei.“

Die Siedlung Gletsch liegt auf der Walliser Seite des Furka-Scheiteltunnels, auf 1762 Metern Höhe, direkt unterhalb der in Serpentinen gewundenen Straße zum Grimsel-Pass und in Sichtweite des noch immer beeindruckenden Rhonegletschers. Der winzige Ort besteht nur aus den Gebäuden des noch zu renovierenden Hotels Glacier du Rhône, dem Bahnhof der Furka-Dampfbahn, einer kleinen Käserei und einer ehemaligen Tankstelle. Bewohnt wird Gletsch nur zwischen Juni und September. In den anderen Monaten sind die Passstraßen der Umgebung gesperrt und auch die Züge gehen spätestens Anfang Oktober in den Winterschlaf.

Mitreisende erleben Nostalgie pur.

Mitreisende erleben Nostalgie pur.

Foto: Robin Daniel Frommer

Am benachbarten Gleis dampft der Gegenzug aus Oberwald ein. Zuglok ist die, im Jahr 1924 ebenfalls in Winterthur gebaute, vierachsige Lok „704“ mit dunkelgrünem Führerhaus. Wie ihre kleineren Schwestern versah die 600 Kilowatt (816 PS) starke Maschine von 1947 bis 1975 Dienst in Vietnam, auf der Bergstrecke zwischen Song Pha und Dà Lat. Doch im September 1990 gelangte sie im Rahmen der Rückholaktion „Back to Switzerland“ wieder in die Schweiz. Ein echtes Husarenstück, so versichern die immer rarer werdenden Zeitzeugen unisono. In den Dampflokwerkstätten in Chur und Uzwil investierten erfahrene ehrenamtliche Helfer mehr als 48 000 Arbeitsstunden in die Aufarbeitung der „704“. Eine baugleiche Maschine, die zerlegte „708“ (mit dem Baujahr 1930), wartet noch auf ihre erneute Montage.

Anhaltende Gletscherschmelze

Nur sehr wenige Fahrgäste nutzen den mittäglichen Halt in Gletsch, um den Nostalgiezug längere Zeit zu verlassen oder um dem seit 150 Jahren rasch schrumpfenden Rhonegletscher eine Stippvisite abzustatten. In den beiden zurückliegenden Jahrzehnten hat sich die Oberfläche aller Schweizer Gletscher durch globale Erderwärmung und Treibhauseffekt um 15 Prozent verkleinert. In nahezu allen Szenarien rechnen Geologen in den nächsten 100 bis 200 Jahren sogar mit einem vollständigen Verschwinden fast aller Gletscher in Lagen unterhalb von 3000 Metern. Das Schmelzwasser des Rhonegletschers, dessen Zunge um 1850 noch bis unmittelbar an den Ort Gletsch heranreichte, bildet seit 2007 hinter einer Felsbarriere einen neuen See, den Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in den nächsten beiden Jahrzehnten bis auf eine Länge von 1,6 Kilometern, eine Breite von 600 Metern und eine Tiefe von 124 Metern anwachsen sehen. Die Konsequenzen der sich permanent verändernden Gebirgslandschaft sind letztlich weder für Klima und Umwelt noch für den Tourismus in ihrer ganzen Konsequenz absehbar. In jüngst berechneten Simulationen zeigte auch der mächtige Aletschgletscher ein ähnliches Verhalten, wenn auch deutlich langsamer. Effizienter Klimaschutz bleibt weltweit ein ultimatives Gebot der Stunde.

Die Drehscheibe in Gletsch. Im August 2010 wurde der letzte instand gesetzte Streckenabschnitt zwischen Gletsch und Oberwald wieder in Betrieb genommen.

Die Drehscheibe in Gletsch. Im August 2010 wurde der letzte instand gesetzte Streckenabschnitt zwischen Gletsch und Oberwald wieder in Betrieb genommen.

Foto: Robin Daniel Frommer

Auch an Bord der Nostalgiezüge der Furka-Dampfbahn ist der sich zurückziehende Rhonegletscher natürlich ein Thema – besonders bei den Wiederholern, die bereits bei früheren Reisen auf der Strecke unterwegs waren. Besonders während der Talfahrt ab Muttbach-Belvédère, wird der weithin sichtbare Unterschied vielfach und unüberhörbar kommentiert. Schweizer mögen zwar das größte Kontingent unter den Dampfbahn-Fahrgästen stellen, doch es gibt auch Passagiere mit weit längen Anreisewegen. Nur ein Beispiel: An einem Fensterplatz des vierachsigen Reisezugwagens sitzt die drahtige Australierin Chook Leong aus Adelaide. Sie hat die Fahrt von ihrer Nichte in Gossau geschenkt bekommen. Sie bestaunt die grandiose Bergwelt einfach nur in sich gekehrt und offensichtlich glücklich.

Eine Brücke im Winterschlaf

Ende September geht die Dampfbahn auf der Furka-Bergstrecke alljährlich ins Winterquartier. Das rollende Material und die gesamte Zahnradstrecke muss für die kalte Jahreszeit fit gemacht werden: Um Lawinen keinen Angriffspunkt zu bieten, wird die dreiteilige Steffenbachbrücke in jedem Herbst komplett abgebaut, zusammengefaltet und dicht an den Berghang geschmiegt. Jeweils vor dem Saisonstart in der zweiten Junihälfte wird das 32 Tonnen schwere Klapp-Viadukt wieder aufgeschlagen. Trotz der architektonischen Meisterleistung des Schweizer Bauingenieurs Rudolf Dick aus dem Jahr 1923 ist das Auf- und Abschlagen der Steffenbachbrücke ein enorm hoher, mehr als sechs Stunden in Anspruch nehmender, Aufwand, der einzig und allein durch den Einsatz freiwilliger Eisenbahnenthusiasten möglich wird – die meisten sind Rentner oder Pensionäre, oft aus bahnnahen Berufen. Die Schweizer nennen solche Einsätze traditionell „Fronarbeit“.

Seit 1983 sind sie in einem Verein für Erhalt, Aufarbeitung und Betrieb der alpinen Dampfeisenbahn organisiert, der auch in Deutschland neun Sektionen (von Rhein-Neckar über Stuttgart bis Berlin-Brandenburg) unterhält und zum Glück für alle Freunde dieser einzigartigen Gebirgsbahn ebenso emsige wie spendable Mitglieder zählt. „Entweder man liebt es oder man lässt es“, beschreibt Lokführer Thomas Ruch seine seit 1992 ausgeübte Freizeitbetätigung bei der Furka-Dampfeisenbahn. Auch im Hauptberuf steuert er Züge. „Insgesamt ist eine Dampflok aber viel diffiziler zu fahren, als eine moderne E-Lok. Alleine das Vorbereiten einer kalten Dampflok kostet sechs Stunden Zeit, das einer vorgeheizten Maschine immerhin auch noch zweieinhalb.“

Info

Zur Sache

Wallis und Uri

Anreise: Die Schweiz ist das am besten von der Eisenbahn erschlossene Land der Erde. Daher bietet sich die bequeme und nachhaltige Anreise auf der Schiene dort in besonderer Weise an. Siehe dazu auch die unterschiedlichen SBB-Bahnpässe im Internet unter www.myswitzerland.ch/bahnreisen.

Dampfbahnfest: Im Rahmen des Dampfbahnfests am 22. und 23. August werden stilechte Zubringerzüge, teils mit historischen Garnituren, ab Brig, Interlaken, Luzern oder Zürich angeboten. Alle Infos gibt es unter www.sbbhistoric.ch/dampfbahnfest und www.dfb.ch.

Unterkünfte: Hotel Grimsel Passhöhe; bewährtes Haus in spektakulärer Lage. Auf 2164 Meter Höhe am Pass vom Berner Haslital nach Goms; mit Restaurant und Seeterrasse in weiter Gebirgslandschaft. WLAN und Parkplätze kostenlos. Passstraße von Mitte Juni bis Anfang Oktober geöffnet. Doppelzimmer ab 200 Franken. Grimselpass, CH-3999 Oberwald Telefon: 00 41 / 3 39 73 / 11 37, Internet: www.hotel-grimselpass.ch. Hotel Nufenen: inhabergeführtes, ausgesprochen behagliches Hotel in der Ortsmitte von
Ulrichen, dem Geburtsort Sepp Blatters. Gute Küche. Doppelzimmer ab 150 Franken. Furkastrasse 19, CH-3988 Ulrichen, Telefon unter 00 41 / 2 79 73 / 16 44, Internet: www.hotel-nufenen.ch. Pension Furka: mitten im Dorf
Realp, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs (Dampfbahn, Bahnverlad und SBB). CH-6491 Realp, Telefon: 00 41 / 4 18 87 / 14 24, Doppelzimmer ab 144 Franken; Informationen unter www.pension-furka.ch.

Literatur: ADAC Reiseführer plus Schweiz, von Robin Daniel Frommer und Rolf Goetz, 192 Seiten mit Maxi-Faltkarte, 14,99 Euro.

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