Basel lockt mit etwa 40 Museen

Bedeutende Basler Begegnungen

Besucher von Basel, der Weltstadt am Rhein im Dreiländereck, haben die Qual der Wahl zwischen rund 40 Museen. Die Schau „Übermensch Friedrich Nietzsche und die Folgen“ ist bis zum 22. März zu sehen.
03.03.2020, 12:45
Lesedauer: 6 Min
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Bedeutende Basler Begegnungen
Von Sigrid Schuer

Basel. Gefühlt alle 200 000 sind in dieser 20. Museumsnacht unterwegs. 200 000, so viele Menschen hat’s in Basel und etwa 40 Museen. Dementsprechend voll ist es in den Straßen bis um zwei Uhr in der Früh. Trotz des permanent fallenden Schnürlregens bilden sich vor den Ausstellungshäusern lange Schlangen. So groß ist die Begeisterung. Spielzeug Welten Museum Basel? Auf absehbare Zeit kein Reinkommen. Bis Anfang April werden dort Luxuskreationen von Damenhandtaschen von Chanel bis Gucci präsentiert. Der Name der Schau ist Programm: „Ikonen und Wertanlagen“. Schließlich ist man in der schönen Schweiz.

Rund um das Basler Münster gibt es gleich mehrere Museen zu entdecken. Wie das Kunstmuseum Basel, das gleich aus drei Häusern besteht. Besonders augenfällig ist der vor drei Jahren von dem Architektenduo Christ und Gantenbein gestaltete Teil. Dann das Museum der Kulturen, mit mehr als 300 000 Exponaten eines der bedeutendsten ethnografischen Museen Europas. Es wurde vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron zwischen 2008 und 2011 umgebaut, das gefaltete Dach ist mit schimmernden Glasfliesen und die Fassade mit hängenden Gärten versehen. Dort trifft in dieser Nacht Tanzperformance auf Schattenspiel und auf Feuershow zu Pop-Musik-Moves. Das inzwischen ausgelagerte Naturhistorische Museum ist nur einen Katzensprung entfernt.

Ähnlich wie das Antikenmuseum, in dem noch bis 22. März die „Wahre Geschichte der Gladiatoren“ erzählt wird. Schlag Mitternacht ist es mit jungem Volk überfüllt. Denn einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter hält dort einen ausdrücklich nicht jugendfreien Vortrag über die Gladiatoren und ihre Frauengeschichten und das zieht. Fazit: „Wer ein Held im Kampf ist, ist auch einer im Bett“, wie es in einer Radiorezension von „Romeo und Julia“ einmal so süffisant formuliert wurde. Selbst die feinen Römerinnen standen demnach auf die sagenhafte Potenz der Gladiatoren.

Alles andere als poppig klingt’s unterdessen im Basler Münster, dessen 1000-jähriges Bestehen 2019 begangen werden konnte. Im Halbstundentakt gibt es Führungen, gefolgt von Konzerten des Sinfonieorchesters Basel. Gerade lauschen die Menschen andächtig den Klängen von Richard Strauss’ Konzertsuite „Till Eulenspiegels lustige Streiche“.

Ob die Musik wohl auch Erasmus von Rotterdam gefallen hätte? Der große niederländische Humanist wurde 1536 im Münster bestattet, darauf verweist ein Marmor-Epitaph. Er lehrte und lebte in Basel, das Anfang des 16. Jahrhunderts eines der Zentren der Buchdruckkunst war, aber auch in der benachbarten, alten Universitätsstadt Freiburg. Um zwei Uhr in der Früh ist für die vielen Teens und Twens in dieser, trotz eher ungemütlicher Außentemperaturen, heißen Basler Nacht noch lange nicht Schluss. Die „Tanzfüdli“ können die Dancefloors der Clubs und auch der Museen noch lange rocken. Die nächsten heißen Winternächte werden dann Anfang März beim „Morgestraich“ zu erleben sein, in der farbenfrohen Basler Fasnacht. Übrigens: Benedikt von Peter hat angekündigt, als neuer Intendant Basel ebenfalls rocken zu wollen, wie er es zuvor schon in Bremen und Luzern getan hat.

Apropos Basler Universität, sie wurde 1460 gegründet: Auch der junge Friedrich Nietzsche lehrte, wenn auch lediglich eine Dekade dort, von 1869 bis 1879. Der Philosoph ist der eigentliche Grund für diese Reise nach Basel. Noch bis 22. März wird im Historischen Museum, das in der ehemaligen Barfüsserkirche beheimatet ist, zusätzlich zu dem Prunkstück, dem Münsterschatz, die spannende Ausstellung „Übermensch – Friedrich Nietzsche und die Folgen“ gezeigt. Anlass ist der 175. Geburtstag des Philosophen und der 150. Jahrestag seiner Antrittsvorlesung an der Universität Basel. Credo des jungen, aus Hamburg stammenden Kurators Benjamin Mortzfeld: „Nietzsche for Beginners“ oder „Keine Angst vor dem sprachgewaltigen Übermenschen“. Anhand der stringent inszenierten Schau und des kompakt komponierten Kataloges lässt sich das ambivalente Mysterium Nietzsche erforschen, ohne sich durch philosophische Bibliotheken wühlen zu müssen. Gezeigt werden viele Originalmanuskripte, Erstausgaben und Exponate aus aller Welt, die in der Ausstellung mit bunten Schnüren, die Geistesblitzen gleichen, verbunden sind.

Nebenbei bemerkt: Im benachbarten Freiburg befindet sich der einzige Nietzsche-Lehrstuhl Deutschlands, geleitet von Professor Urs Andreas Sommer. Ein Blick auf das Schwarze Brett des Freiburger Audimax zeigt, dass dort „Nietzsches Philosophien“ in allen Facetten im Studium generale beleuchtet werden. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass Nietzsche heute vielleicht so angesagt ist, wie er es seit der Hochzeit seiner Rezeption zwischen 1894 und 1914 nicht mehr war. Nietzsche, der Netzstar, Nietzsche, die Zitatenschleuder, wie es Thomas Vetsch von Schweiz Tourismus auf den Punkt bringt. Nietzsche, der Provokateur, der postulierte: „Gott ist tot“ und – so nachzulesen in „Also sprach Zarathustra“ und vom Volksmund leicht verfremdet – „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht“. Aber eben auch: Nietzsche, der Unverstandene und Missinterpretierte. Seine Aphorismen bieten eine Projektionsfläche für jedermann und jede Frau, und das ist nicht ungefährlich. „Ich bin wie Dynamit“ lautet ein Aphorismus des intellektuellen Überfliegers, der menschlich, allzu menschlich und tragisch, allzu tragisch wie Ikarus ins Verderben stürzte und 1888 in geistiger Umnachtung versank. Den „Übermenschen“ und sein Werk „Wille zur Macht“ vereinnahmte Hitler für seinen kruden Rassenwahn. Dabei habe Nietzsche alle Antisemiten zutiefst verabscheut, erläutert Kurator Mortzfeld. Die Ausstellung zeigt aber, wie seine jüngere Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche mit ihrem Mann im Dschungel Paraguays die rassistische Kolonie „Nueva Germania“ gründete.

Ein ausgesprochener Nietzsche-Fan ist auch Moritz Suter. „Er war ein bedeutender Denker“, betont der Pilot, der einst die Cross Air gründete, die dann von der Suisse Air übernommen wurde. Beide gingen dann schließlich in der Lufthansa auf. Der 76-Jährige flaniert über den Münsterplatz. Guide Marie Götz, die die zeitgenössische Architektur Basels mit visionären Bauten von Herzog & de Meuron und Zaha Hadid, aber auch den Museumsbauten von Mario Botta und Renzo Piano nahe bringt, stoppt für ein kurzes Schwätzchen. Sie stellt Suter der Gruppe aus Deutschland vor. Nach der Verabschiedung hält er noch einmal an, um die Gruppe spontan auf einen Secco in seine Wohnung einzuladen. Ein geräumiges Palais mit Terrasse, eigener Fischfangstelle und hinreißendem Blick über den Rhein. Die Wände: voller Bücher und großformatiger, farbenfroher, zeitgenössischer Kunst. Moritz Suter weist auf Basels älteste Brücke hin, die seit 1226 über den Rhein führt. Mit den Handelswegen der europäischen Seidenstraße bis nach Paris legte die Schweiz unter anderem den Grundstein für ihren Reichtum. Nachdem Kardinal Richelieu die Hugenotten aus Frankreich vertrieben hatte, ließen sich viele von ihnen als Seidenbandweber in Basel nieder. Und Suter erzählt die Geschichte seines Vorfahren, des Münchner Hofmalers Gustav Schöpf. Bis heute sind 83 Briefe in Suters Besitz, die Schöpf einst von König Ludwig I. erhielt.

Doch zurück zu Friedrich Nietzsche und der ihm gewidmeten Übermensch-Ausstellung im Historischen Museum. Ganz anders als die Gladiatoren aus dem Antikenmuseum war der vergrübelte Philosoph keineswegs ein Held im Bett, dafür aber ein geistiger Titan, was ja auch attraktiv ist. Fünf oder sechs Heiratsanträge habe Nietzsche in seinem Leben gestellt, so Kurator Mortzfeld, keiner war von Erfolg gekrönt, genauso wenig wie es seine Werke zu Lebzeiten waren. „Meine Zeit wird kommen“, da war sich Nietzsche ganz sicher. Besonders bitter und einschneidend war für den Pfarrerssohn die Zurückweisung durch Lou Andreas-Salomé. Hatte er sie doch bei ihrem ersten Zusammentreffen in Rom angeschwärmt: „Von welchen Sternen sind wir einander zugefallen?“ Die brillante deutsch-russische Intellektuelle ging mit ihm und seinem Freund Paul Rée eine platonisch grundierte Ménage à trois ein, aus der Nietzsche schließlich ausgeschlossen wurde.

Zwiespältig war auch das Verhältnis zu dem von Nietzsche einst vergötterten Richard Wagner, dem er das in Basel veröffentlichte Werk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ widmete. Viele von Nietzsches Hoffnungen ruhten auf den Bayreuther Festspielen, von deren Schicki-Micki-Zirkus er sich dann aber genauso abgestoßen fühlte wie von der christlichen Symbolik des „Parsifal“. Für ihn galt die reine Lehre: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Solche populären Nietzsche-Zitate flimmern in der Schau über Monitore. Wagner habe grob reagiert, erläutert Mortzfeld, indem er über die vielfältigen Leiden des ständig kränkelnden Nietzsche Dritten gegenüber lästerte. Die Freundschaft und Wertschätzung füreinander kippte schließlich in eine erbitterte Feindschaft: „Nietzsche contra Wagner“ ist denn auch der Titel seines letzten Buches, das er in Turin 1888 vor dem Fall in den Wahnsinn schrieb.

Die Reise wurde unterstützt von Basel Tourismus.

Info

Zur Sache

Basel

Anreise: Basel ist bequem mit dem Zug von Bremen aus in etwas mehr als sieben Stunden zu erreichen.

Übernachtung: Pullman Basel Europe, Clarastraße 43, Preise ab 158 Euro.

Restaurant-Tipp: Die historische Schlüsselzunft, Freie Straße 25.

Ausstellung: „Übermensch – Nietzsche und die Folgen“ bis Sonntag, 22. März im Historischen Museum, Barfüsserplatz 7. Eintritt: 20 Schweizer Franken, ermäßigt 13. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Vom 2. bis 4. März geschlossen.

Informationen unter info@basel.com.

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