Bremen Bremer Start-up entwickelt biologisch abbaubare Kaffee-Kapseln

Bremen. Es surrt und brummt, dann schießt der Strahl aus der Öffnung der Espresso- maschine, die kleine Tasse füllt sich. Es duftet nach Kaffee.
04.06.2015, 00:00
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Von Tobias Meyer

Es surrt und brummt, dann schießt der Strahl aus der Öffnung der Espresso-

maschine, die kleine Tasse füllt sich. Es duftet nach Kaffee. David Wolf-Rooney greift nach dem Espresso, riecht dran. Nimmt einen Schluck und lächelt. Das ist sein Produkt. „Das wird die Welt der Kaffeekapseln revolutionieren“, sagt der 53-Jährige.

Zweieinhalb Milliarden Kaffeekapseln wurden 2014 in Deutschland verkauft, ein Großteil von den Erfindern der Nestlé-Tochter Nespresso. Der Markt läuft sehr gut, allein im vergangenen Jahr lag das Wachstum laut dem Deutschen Kaffeeverband bei 40 Prozent (2013: 27 Prozent). Doch die Entwicklung ruft viel Kritik hervor: 4000 Tonnen Müll im Jahr verursachen die Portionskaffees laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Bei der Gewinnung von Aluminium aus Bauxit entsteht giftiger Rotschlamm, die Herstellung ist ressourcenintensiv – bei der Herstellung von 100 Kapseln entstehen etwa acht Kilogramm CO2. „Auf sechs Gramm des Genussmittels kommen zwei bis drei Gramm Aluminium und Plastik“, sagt Thomas

Fischer, DUH-Leiter für Abfallpolitik und Kreislaufwirtschaft. „Das ist ein absoluter Verpackungswahnsinn.“

Ein Wahnsinn, dem David Wolf-Rooney eine Alternative entgegensetzen will. Zwei Jahre lang hat der gebürtige Neuseeländer mit einem Expertenteam an einem Modell getüftelt, das komplett biologisch abbaubar ist. 38 Investoren aus sechs Ländern haben dafür insgesamt eine halbe Million Euro zur Verfügung gestellt.

Mehr als 10 000 Kapseln wurden getestet, vom wenig stabilen, farblosen Prototyp bis hin zur festen bunten Kapsel, die laut dem 53-Jährigen mit allen knapp 30 auf dem Markt erhältlichen Espressomaschinen kompatibel ist. „Ich habe zeitweise nicht mehr daran geglaubt, dass wir das schaffen“, sagt Wolf-Rooney. „Das war eine Wahnsinns-Herausforderung.“ Jetzt steht er in dem Lager seiner Firma Velibre am Neuen Steindamm, einem schmucklosen Gebäude in Bremen-Burg. Um ihn herum liegen Kartons, Hunderte, mit mehr als 200 000 Kapseln. Auf ihnen kleben Hinweise auf die Herkunft: „SA“ steht auf ihnen, Südafrika. Dort produziert ein Partner der Firma die Kapseln in einem eigenen Werk, und von dort kommt auch der Kaffee: drei Espresso- und zwei Lungo-Sorten, unter anderem gemischt aus brasilianischen Cerrado-, äthiopischen Sidamo- und klassischen Arabica-Bohnen. Die Pakete zu je 14 oder 42 Kapseln werden vorerst nur über den Online-Shop vertrieben.

Doch Sorten gibt es viele auf dem Markt, auf dem der Kaffee hochgerechnet oft bis zu drei Mal so teuer ist wie die herkömmliche Variante: Ein Kilogramm Nespresso-Kapseln kostet zwischen 70 und 84 Euro; die Discounter-Varianten belaufen sich auf um die 20 Cent pro Stück. Wolf-Rooney will deshalb beim Verbraucher damit punkten, dass seine Kapseln (zu 33 bis

35 Cent/Stück) nach eigenen Angaben zu 100 Prozent biologisch abbaubar sind. Sie bestehen aus aliphatischem Biokunststoff auf Erdöl- und Kohlenwasserstoffbasis, der aufgrund seines chemischen Aufbaus von Mikroorganismen überall dort vollständig zersetzt werden könne, wo Bakterien existieren: in Süß- und Meerwasser etwa, im Erdboden sowie im Kompost. „Alle Bestandteile sind zudem nach Lebensmittelrecht zertifiziert“, betont Rooney.

Die Kapseln sollten nur auf dem Hauskompost entsorgt werden. „Das ist grundsätzlich das Problem bei den sogenannten Bio-Kapseln“, sagt Fischer vom DUH. „Die meisten landen im Hausmüll und werden dann verbrannt. Das bringt der Umwelt gar nichts.“ Bereits bei den herkömmlichen Alu-Kapseln sei das Problem, dass nur etwa 60 Prozent im Gelben Sack landen, und das aufgrund von Kaffeeresten eine Vielzahl nicht recycelt, sondern ebenfalls aussortiert und verbrannt werde. Zu dem Produkt von Velibre kann er jedoch noch nichts sagen, weil es ihm unbekannt ist. „Grundsätzlich muss man aber hinterfragen, ob bei dem Abbau der Kapsel auch Nährwerte freigegeben werden, die der Umwelt nützen.“

Walter Hasenclever, Sprecher von Velibre, verneint das. „Natürlich kann man immer noch etwas besser machen. Für uns war erst einmal wichtig, dass unsere Kapseln keinen Müll produzieren.“ Dadurch sei auch der Kaffeegenuss aus Kapseln „endlich ökologisch vertretbar“. Er hofft, dass sich Kapseltrinker umentscheiden – vermutet die größere Zielgruppe aber bei umweltbewussten Menschen, die bislang auf Espressomaschinen dieser Art verzichtet haben.

„Der Markt hat so viel Potenzial“, sagt Wolf-Rooney, der zehn Jahre in Russland für die Ölindustrie gearbeitet und dort im sogenannten Bereich New Business tätig war. Die Konkurrenz in dem Bereich sei im Moment noch gering. Der 53-Jährige ist davon überzeugt, dass das Volumen des Kapselmarkts bis 2020 weltweit auf 30 Milliarden Euro anwächst. Spätestens bis dahin will er dort einen Anteil von einem Prozent abdecken. „Das würde bedeuten, dass Velibre dann 300 Millionen Kapseln jährlich verkauft.“ Bis zum Ende des Monats will das Start-up das Lager erst einmal auf eine halbe Million Kapseln aufstocken und anschließend weitere Investoren gewinnen. Jede Revolution fängt klein an.

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