Größeres Infarktrisiko Bremer Studie: Armut geht aufs Herz

Soziale Benachteiligung hat einen direkten Einfluss auf Gesundheit und auf die Lebenserwartung. Diesen Zusammenhang belegt eine Studie des Bremer Instituts für Herz- und Kreislaufforschung.
23.01.2018, 00:00
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Von Sabine Doll und Antje Stürmann

Soziale Benachteiligung hat einen direkten Einfluss auf Gesundheit – und auf die Lebenserwartung: Diesen Zusammenhang hat jetzt eine Studie des Bremer Instituts für Herz- und Kreislaufforschung der Stiftung Bremer Herzen belegt. Die Studie wurde international publiziert.

Konkret haben die Bremer Forscher die Fragestellung untersucht: Welchen Einfluss hat das Wohnviertel und somit der soziale Status auf das Herzinfarktrisiko von Bremerinnen und Bremern? Das Ergebnis: „Menschen aus sozial benachteiligten Stadtteilen wie Gröpelingen und Tenever erleiden deutlich häufiger einen Herzinfarkt, besonders wenn sie jünger als 50 Jahre sind, als in Stadtteilen mit hohem sozialen Status wie Borgfeld und Schwachhausen“, sagt der Vorsitzende der Stiftung Bremer Herzen, Rainer Hambrecht, dem WESER-KURIER. Der Herzspezialist ist Chefarzt am Klinikum Links der Weser.

Herzspezialist fordert besseren Nichtraucherschutz

Hambrecht fordert mehr Präventionsprogramme in diesen Stadtteilen. „Man muss an die Schulen gehen. Aber auch Betriebe müssen mehr in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren, mindestens Rauchentwöhnungsprogramme anbieten. Auch die Beratungsstellen in den Stadtteilen müssen gestärkt werden.“ In Bremen sei zudem das Nichtraucherschutzgesetz deutlich inkonsequenter umgesetzt als in anderen Bundesländern, um Passivraucher vor den Folgen des giftigen Tabakrauchs zu schützen und Rauchen per se gesellschaftlich stärker zu ächten.

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Ein deutliches soziales Gefälle zeigt sich in der Studie auch beim Sterblichkeitsrisiko innerhalb der folgenden fünf Jahre nach dem Infarkt. Sie ist bei Menschen unter 50 Jahren aus den sozial benachteiligten Stadtteilen fast sechsmal höher. Ähnliches zeige sich bei dem Risiko für Komplikationen, das in den fünf Jahren nach dem Infarkt um das Fünffache erhöht sei. Als Grund nennen die Autoren Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht, aber auch eine schlechtere sogenannte Sekundärprävention. Damit sind unter anderem die Einnahme von Medikamenten sowie Kontrolluntersuchungen beim Arzt gemeint.

„Diese Ergebnisse sind absolut frustrierend, weil sie ein Dokument der sozialen Spaltung sind“, betont Hambrecht. Kooperationspartner der Studie ist das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, das die statistische Auswertung übernommen hat. Insgesamt wurden die Daten von 3462 Frauen und Männern aus Bremen untersucht, die zwischen Januar 2006 und Dezember 2015 erstmals einen schweren Herzinfarkt erlitten. „Davon waren 71 Prozent Männer, 44 Prozent waren Raucher, 21 Prozent hatten Diabetes, 23 Prozent waren fettleibig“, so die Forscher.

Benachteiligung in Gröpelingen, Tenever und Ohlenhof besonders groß

Grundlage für die Studie war der soziale Benachteiligungsindex, den der Bremer Senat erstmals 1993 aus mehr als 20 Sozialindikatoren für die Bremer Ortsteile entwickelt und 2009 aktualisiert hat. In diesen Index fließen Merkmale wie Einkommen, Bildungsgrad, Beruf, Wahlbeteiligung und Arbeitslosigkeit ein. Danach ist die Benachteiligung in Gröpelingen, Tenever und Ohlenhof besonders ausgeprägt, während Oberneuland, Borgfeld und Schwachhausen die geringste Benachteiligung zeigen.

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Mithilfe der Postleitzahlen der Patienten haben die Forscher die Herzinfarkt-Patienten in vier verschiedene Gruppen eingeteilt – von Gruppe 1 mit hohem sozialen Status bis Gruppe 4 mit niedrigem sozialen Status. Am stärksten ausgeprägt ist das Gefälle bei jüngeren Patienten unter 50 Jahren. „Hier ist die Häufigkeit von Infarkten im Vergleich zur ersten Gruppe um mehr als das Zweifache erhöht, und zwar bei Frauen und Männern“, so Hambrecht. Eine positive Nachricht der Studie: Bei Art und Qualität der Behandlung sowie der Zeit vom Eintreffen im Krankenhaus bis zum lebensrettenden Erweitern der Gefäße im Herzen spiele der soziale Status in Bremen keine Rolle.

Wie Rainer Hambrecht forderten zuletzt auch Vertreter des Vereins Pro Rauchfrei besseren Nichtraucherschutz, er werde in Niedersachsen und Bremen gleichermaßen lasch umgesetzt, sagte der Vorsitzende Siegfried Ermer. Laut Hambrecht sind in Bremen nur 57 Prozent der Gaststätten rauchfrei, weil das Nichtraucherschutzgesetz zu viele Ausnahmen zulasse. Wenn das befristete Gesetz im Sommer neu beschlossen wird, müssten die Ausnahmen abgeschafft werden. Auch Sportveranstaltungen sollten rauchfrei sein, sagt er. Um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern, sei zudem mehr Sportunterricht nötig.

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