Deutscher Anlagenbauer beherrscht die sichere Verbrennung von Kampfstoffen / Auch in Syrien einsetzbar

Chemiewaffen gehen in Flammen auf

Allein in Syrien lagern zahlreiche Chemiewaffen und zig Tonnen toxischer Substanzen für den Bau von weiteren Granaten. Ein württembergischer Anlagenbauer hat ein Gerät zu ihrer Vernichtung entwickelt: Sie werden schlichtweg verbrannt.
14.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Schäfer

Allein in Syrien lagern zahlreiche Chemiewaffen und zig Tonnen toxischer Substanzen für den Bau von weiteren Granaten. Ein württembergischer Anlagenbauer hat ein Gerät zu ihrer Vernichtung entwickelt: Sie werden schlichtweg verbrannt.

Wenn nach internationaler Übereinkunft derzeit in Syrien die Chemiewaffenbestände vernichtet werden und syrische Militärs deshalb unter Beobachtung mit Schneidbrenner oder Winkelschleifer ihr kriegerisches Gerät traktieren, so ist das nur die halbe Miete. Denn die Aktion stellt sicher, dass keine neuen Chemiewaffen produziert werden und die Verwendung bestehender Waffen unterbunden wird. Doch was passiert mit den auf 1000 Tonnen geschätzten chemischen Substanzen, die einsatzbereit in Granaten und unabgefüllt in Fässern lagern? Die Entsorgung hochtoxischer Substanzen verlangt spezielle Techniken und Anlagen mit zusätzlichen Sicherheitsauflagen, um nicht zuletzt auch das Betriebspersonal zu schützen.

Kampfstoffe wie das in Syrien vermutete Sarin, aber auch Senfgas, Vx, Tabun und viele andere, sind meist organische Substanzen, die die Haut verätzen, das Lungengewebe zerstören oder die zelluläre Kommunikation zwischen Nerven unterbinden. Bei Sarin erlahmt die Atmung. Die Menschen ersticken. Kleinste Mengen, die bei der Kampfstoffbeseitigung frei werden, können auch die Arbeiter verletzen.

Verbrennung bei 1200 Grad Celsius

Kersten Christoph Link kennt die Gefahren. Der Chemieingenieur ist Technik-Vorstand des Böblinger Anlagenbauers Eisenmann und gut vertraut mit der Entsorgung von Chemiewaffen. Sein Unternehmen hat in den vergangenen Jahren etliche Anlagen beispielsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion geliefert, wo gemäß internationaler Vereinbarungen sämtliche Bestände vernichtet und entsorgt werden sollen. „Der Kreis der Unternehmen, die das können, ist überschaubar“, behauptet Link. Die Expertise der Böblinger ist inzwischen soweit gediehen, schlüsselfertige Anlagen zu liefern, wie es in einer Unternehmensbroschüre heißt – vom Bau des Gebäudes über die Entsorgungsanlage selbst bis zur Schulung des Betriebspersonals.

Da chemische Kampfstoffe überwiegend organische Substanzen sind, die viele Kohlenstoff- und Wasserstoffatome enthalten, sind sie brennbar. Das machen sich die Techniker zunutze. „Am Anfang steht immer ein Verbrennungsprozess“, erklärt Link. Die entstehenden Rauchgase und Abwässer sind weniger giftig und wandern dann durch weitere Reinigungs- und Entsorgungsstufen. Dieses Know-how hat sich Eisenmann in seinem Kerngeschäft, dem Anlagenbau, erarbeitet. Die Ingenieure haben früh erkannt: Jede Anlage belastet auch die Umwelt, etwa durch Abgase und Abwasser. Der Geschäftsbereich Umwelttechnik nimmt daher die Aspekte Verbrennung, Entsorgung und Recycling in den Fokus. Die giftige Abluft von Lackieranlagen beseitigt Eisenmann beispielsweise durch einen Verbrennungsprozess. „Wir haben alle Kompetenzen im Haus und können auf 50 Jahre Erfahrung im Bereich der Umwelttechnik zurückgreifen“, sagt Link. Da war es ein logischer Schritt, sich an internationalen Ausschreibungen für Entsorgungsanlagen für Chemiewaffen zu beteiligen.

Wichtig für die Entsorgung in einer Anlage ist zunächst ein kontinuierlicher Stofffluss der Kampfstoff-Chemikalie. Auf einer automatischen Dosierstrecke wird der Kampfstoff Sarin etwa durch Anbohren einer Granate entnommen und kontinuierlich einem Verbrennungsofen von oben zugeführt. Von unten strömt Erdgas in die Brennkammer und füttert die Verbrennung bei Temperaturen von 1200 Grad Celsius. Der Kampfstoff wird mit möglichst viel Turbulenz in den Brennreaktor gesprüht, daher auch der Name „Turaktor“. Die turbulente Strömung sorgt für eine möglichst feine Verteilung und den vollständigen Abbrand der Chemikalie. Übrig bleiben eine Schlacke, die am Reaktorboden entnommen und deponiert wird, sowie giftige Rauchgase, die in weiteren Prozessstufen gereinigt werden.

Ein geordneter Entsorgungsbetrieb wird im Bürgerkrieg von Syrien kaum möglich sein. Flexible und mobile Lösungen sind gefordert. Um die Kampfgase Lewisit und Senfgas aus Weltkriegsbeständen in Albanien zu entsorgen, hat Eisenmann eine modulare Anlage in Seecontainern vormontiert und später in einem Zelt betrieben. Die Kampfstoffe schwappten noch in Fässern. Mitsamt ihren Behältnissen wurden die Chemikalien komplett in einem Kammerofen verbrannt. Über Kontakte nach Syrien, etwa vermittelt durch das Auswärtige Amt, möchte Link noch nicht reden. Er sagt nur: „Wir sind bereit.“ Aus seiner Erfahrung weiß der Verfahrensingenieur, dass der eng gesteckte Zeitplan der Vereinten Nationen für die Chemiewaffenvernichtung in Syrien kaum einzuhalten sein wird. Allein Bau, Lieferung und Inbetriebnahme einer Anlage vor Ort könnte ein Jahr dauern. Wer die Anlage dann in Syrien betreibt, und wie sicher und verlässlich die Entsorgung in einer Bürgerkriegsregion gelingen kann, bleibt offen.

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