Den Wilden Westen erleben

Ein Cowgirl und Großmutter Spinne

In den Weiten Colorados sind auf Ranches und in Reservaten letzte Reste des „Wilden Westens“ erhalten
21.10.2020, 15:21
Lesedauer: 6 Min
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Ein Cowgirl und Großmutter Spinne
Von Martin Wein
Ein Cowgirl und Großmutter Spinne

Die Eisenbahn mit ihren Dampfloks aus den 1920er-Jahren ist in Durango bis heute der wichtigste Arbeitgeber.

Martin Wein

Durango. Fast alle kamen nach Durango. Clark Gable 1952 für „Across The Wide Missouri“ und „Lone Star“, Marlon Brando und Anthony Quinn für „Viva Zapata“, David Niven, Robert Newton und Shirley Maclaine drei Jahre später für „In 80 Tagen um die Welt“. Debbie Reynolds, Henry Fonda, Jimmy Steward und John Wayne standen 1962 hier für „How The West Was Won“ vor der Kamera, Paul Newman und Robert Redford ein paar Jahre später für „Butch Cassidy And The Sundance Kid“. Über 80 Westernfilme wurden vor allem in den 1940er- bis 1960er-Jahren in Durango und seiner Umgebung gedreht.

Kirk Komick weiß zu allen Filmen etwas zu berichten. Jahrelang hat der Geschäftsmann Erinnerungsstücke aus Durangos goldenen Zeiten zusammengetragen und damit die Wände in seinem Rochester Hotel gepflastert. In Shorts, engem Sportshirt und mit einem Thermosbecher voll dünnem Kaffee in der Hand führt der drahtige Mittvierziger durch die Flure des alten Hauses zwei Blocks östlich der Main Street. Filmplakate hat er mit Lichterketten umkränzt, wie es die Lichtspieltheater der 1950er machten. Manche Gäste kämen nur deswegen, sagt Komik, manche aber auch wegen der dicken Blaubeerpfannkuchen.

Doch was ist von diesen Klischees geblieben, was überhaupt nur poetische Überhöhung? Die Suche nach Antworten führt zu Kollegen vom „Durango Herald“. „Est. 1881“ steht an der Fassade. Die Zeitung ist genauso alt wie die 16 000-Einwohnerstadt, die als Depot für die Denver- und Rio Grande-Bahn in einem vielversprechenden Minen-Distrikt am Animas River angelegt wurde. Shane Benjamin ist dort seit zwei Jahrzehnten Redakteur. Man solle sich nicht täuschen lassen von den teuren Autos und schicken Restaurants in der Stadt, warnt er. Draußen auf dem Land, nur zehn Meilen auswärts, sehe es noch ganz anders aus. „Da ist es sehr ländlich und dort sind die Leute sehr konservativ.“ Den Menschen passe es nicht, dass sie in ihrer Freiheit vom Bundesstaat und der Zentralregierung im fernen Washington immer weiter eingeschränkt würden, dass man auf seinem Land nicht mehr machen dürfe, was man wolle.

Durango lebt schließlich nicht schlecht von seinem Image. Die Eisenbahn ist bis heute mit rund 250 Beschäftigten der größte Arbeitgeber. Showne Frederic arbeitet als Zugbegleiter. Jeden Morgen ab 8 Uhr hilft der junge Mann Touristen in die gelben Original-Wagen aus den 1880er-Jahren. Nacheinander stampfen drei schwere Dampfloks vom Typ K 36 und K 37, gebaut 1925, auf unbeschrankten Gleisen durch die Stadt. Endpunkt der 72 Kilometer langen spektakulären Trasse ist der Bergwerksort Silverton hoch oben in den Rockies. 1961 hatte die Eisenbahngesellschaft den Betrieb einstellen wollen. Doch die US-Regierung lehnte den Antrag ab. Zu wichtig ist die Verbindung für das Selbstbild der USA und den Tourismus. „Natürlich verkaufen wir Nostalgie. Aber die Bahn bleibt ein Wirtschaftsfaktor“, freut sich Frederic. Bei aller Nostalgie ist er froh, nicht selbst als Heizer anpacken zu müssen. Sechs Tonnen Kohle müsse der Kollege pro Tour in den Bauch der Lok schaufeln, damit die Hitze im Kessel stimmt. Als Konzession an die Gegenwart fährt heute allerdings ein Schienenfahrzeug mit Feuerwehrspritze in gehörigem Abstand hinterher, um Funkenflug am Gleisrand zu löschen. Auch aus dem Helikopter wird die Strecke überwacht.

Cowgirl Merryl Johnson zeigt Städtern auf der Cedar Ridge Ranch, wie man entspannt aufs Pferd kommt.

Cowgirl Merryl Johnson zeigt Städtern auf der Cedar Ridge Ranch, wie man entspannt aufs Pferd kommt.

Foto: Martin Wein

Wir fahren weiter in das breite Roaring Folk Valley am Fuß des 3952 Meter hohen Mount Sopris. Am Ende wartet Familie Johnson schon mit drei Generationen auf die Gäste. Vor 23 Jahren hat Randy, heute 74 Jahre alt, die Cedar Ridge Ranch gekauft. 7,5 Hektar Grünland mit zwei Tümpeln, einem Schweinekoben und einem Hühnerstall. Sein Bruder sei damals im Alter von 50 Jahren plötzlich verstorben, erzählt Randy später am Lagerfeuer. Da sei ihm aufgegangen, dass es mehr geben müsse als seine Arbeit bei einer großen Bank. Er erfüllte sich seinen persönlichen Traum vom Wilden Westen und zog mit Frau und Kindern aufs Land. Wer bei Johnsons in Zelten mit Außenklo oder einer Hütte – samt bodentiefer Plexiglasscheibe zum Sternegucken – übernachtet, der muss sich allerdings mit ungefiltertem Kaffee begnügen. Dazu kann man sich zwei, drei frische Eier und ein paar dicke Scheiben Schweinespeck in die Pfanne hauen. Kaffeesahne oder Brot sind etwas für Weicheier.

Zu einer Ranch gehören natürlich Pferde. Tochter Merryl zeigt Städtern, wie man mit denen umgeht. Erst schnuppern lassen, dann bürsten, dann klare Ansagen mit den Armen „vom Herz in die Hüften“. Die 29-Jährige braucht weder eine Peitsche noch laute Kommandos, um wie John Wayne auf dem Hengst Joe vor der Kulisse der Mount Sopris zu posen. In der Hinsicht sei das Wild-West-Klischee überholt und überhaupt viel zu männerlastig, lacht sie unter ihrem Stetson.

Vor allem in den US-Western suggerieren überwiegend weiße Schauspieler, die Weiten Nordamerikas wären praktisch jungfräulich in Besitz genommen worden. Die Kehrseite dieser Vorstellung, die gewaltsame Unterdrückung, Vertreibung und vielfach auch Auslöschung ganzer indigener Kulturen, dringt erst allmählich ins Bewusstsein der US-Öffentlichkeit. Erst 2004 hat das Smithsonian-Institut in Washington ein Museum eröffnet, das erstmalig den Kulturen der amerikanischen Indianer gewidmet ist. Die Einsicht kam fast zu spät.

Rickey Hays zeigt im Mancos Canyon jahrhundertalte Petroglyphen.

Rickey Hays zeigt im Mancos Canyon jahrhundertalte Petroglyphen.

Foto: Martin Wein

Ricky Hays weiß davon viel zu berichten. Wir treffen ihn am markanten Chimney Rock unweit der Four Corners am Abhang der Rockies, wo Colorado an die drei Bundesstaaten Arizona, New Mexiko und Utah grenzt. Hays nimmt Gäste mit in den unwegsamen Ute Mountain Tribal Park. Nur in Begleitung darf man das Stammesland betreten, das die US-Regierung den Ute vor knapp 120 Jahren als Reservat zugewiesen hat. Vorher hatten Weiße den Siedlungsraum der Indianer im Großen Becken immer weiter eingeengt und mit fragwürdigen Verträgen beschnitten. Das vermeintlich beste Land hatten sie sich genommen. Später steckten sie Kinder wie Ricky Hays bis in die 1970er-Jahre in Internate, schoren ihnen die Köpfe und verboten ihnen die komplexe Stammessprache. Sie sollten in der weißen Zivilisation aufgehen – zu ihrem eigenen Besten, erzählt der Indianer.

„Wissen ist Macht“, sagt der 62-Jährige und reibt sich den Schweiß aus den Haaren mit den beiden langen Zöpfen. Selbst seine Enkel sprächen nur noch „Englisch und Handy“. Dabei ist Hays der Neffe des letzten Chiefs, der in den 1970er-Jahren das Land vorsichtig für Besucher öffnete. Und er hat trotz Internat nicht vergessen, was er für seine Pflicht hält. Seit 30 Jahren versucht Hays in seinem Sinne zu retten, was zu retten ist – für die 10 000 Mitglieder des Ute-Volkes in ihren sieben Stämmen und ebenfalls für andere Menschen . Im weiten Canyon des Mancos River zeigt er den wenigen interessierten Besuchern und vielen Schulklassen, welche Kultur die Indianer hinterlassen haben und wie weit sie entwickelt waren.

An den Felswänden des Mancos Canyon zeigt er 1200 Jahre alte Sonnenkalender, die demjenigen, der sie lesen kann, präzise den kürzesten und den längsten Tag des Jahres anzeigen. Wichtige Daten für Zeremonien wie den Sonnentanz, zu denen Hays sich mit wenigen anderen noch heute jedes Jahr für mehrere Tage zurückzieht. „Wir machen das, damit unsere Welt nicht ins Chaos stürzt und untergeht“, sagt der Ute-Mann. Schließlich sei das schon dreimal passiert seit Großmutter Spinne das Netz der Welt gewoben und all ihren Kindern und Enkeln Liebe und Fürsorge empfohlen habe. Viele Petroglyphen, schematisierte Zeichnungen von Menschen und Tieren, illustrieren im Mancos Canyon diese Geschichte. Hays hat sich eigens die Erlaubnis von den Hopi-Indianern geholt, die früher dort lebten, dass er sie mit der Welt teilen darf.

Die Reise wurde unterstützt vom Colorado Tourism Office.

Info

Zur Sache

Der Wilde Westen

Anreise: Lufthansa und United Airlines fliegen täglich von Frankfurt nach Denver. Von dort gibt es mit United Inlandsflüge nach Durango.

Reisezeit: für sommerliche Rundreisen Mai bis September

Unterkunft: The Strater Hotel, Durango, altes Eisenbahn-Grand-Hotel mit Ragtime-Bar, Doppelzimmer ab 186 US Dollar, Infos unter www.strater.com; Rochester Hotel, Durango, in einem alten Haus mit Film-Memorabilia, Doppelzimmer mit Frühstück ab 199 US Dollar, Infos unter www.rochesterhotel.com; Cedar Ridge Ranch, Glamping-Erlebnis in komfortabel möblierten Zelten oder Cabins, minimum zwei Nächte, für zwei bis sechs Personen circa 260 US Dollar die Nacht, weitere Infos unter www.cedarridgeranch.com.

Besichtigen: Durango & Silverton Schmalspurbahn: Unterschiedlich lange Ausflüge und Pakete ohne Winterpause, Bahnmuseum kostenlos, Infos unter www.durangotrain.com/german-visitors; Ute Mountain Tribal Park: Halb- und Ganztagesausflüge mit indianischem Guide, Infos: www.utemountaintribalpark.info

Weitere Informationen zu Colorado unter www.colorado.com/deutsch

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