Reisen nach Corona

Nachhaltigkeit sexy machen

Reisen nach Corona wird anders und vielleicht sogar den Massentourismus verändern - oder?
14.07.2020, 12:03
Lesedauer: 4 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel

Bremen. Gedrängel am Büfett, ausgelassene Partys am Pool oder ein Lachsgericht auf den Malediven. Tourismus für die Massen, Tourismus ohne Nachhaltigkeit – das kann und wird es nach Corona nicht mehr geben. Oder doch? Darüber hat eine Gruppe von Reiseexperten diskutiert. Professor Harald Zeiss, Vorstandsvorsitzender der Nachhaltigkeitsinitiative Futouris und Professor an der Hochschule Harz für nachhaltigen Tourismus, ist sich nicht so sicher, in welche Richtung sich die Branche entwickeln wird: „Der Tourismus ist von der Corona-Krise extrem hart betroffen und steht finanziell mit dem Rücken an der Wand. Da bleibt die Frage, wie viele dann noch an Nachhaltigkeit denken.“ Sie sei zwar seit Jahren auf der Agenda von Touristikern, aber ein
Nischenthema. Andererseits habe der Stillstand die Menschen dazu gebracht, die Krise als ein Zeichen zu sehen. Beide Strömungen – mehr Nachhaltigkeit und Geld verdienen – liefen momentan parallel. „Ich weiß nicht, welche dominieren wird.“

Barbara Bamberger von Teneriffa Tourismus glaubt, dass die spanische Kanareninsel auf einem guten Weg ist, um nachhaltiger zu werden – trotz Massentourismus und großer Hotelkomplexe. „Fast die Hälfte der Insel steht unter Naturschutz“, betont sie. „Und wir weisen unsere Partner immer wieder darauf hin, dass sie regionales Essen und Weine sowie Aktivitäten wie Radfahren und Wandern anbieten sollen, um so auch die lokale Wirtschaft anzukurbeln“, sagt sie. Und das funktioniere immer besser; zumindest vor Corona. Nun blickt sie bei dem Punkt mit Sorge in die Zukunft. Denn der Plastikmüll, den die Inselregierung mehr und mehr von Teneriffa verbannt hat, kommt mit den Hygieneregeln rund um Corona zurück. „Das ist ein Dämpfer, den wir nicht toll finden.“

Dass regionale Produkte und die lokale Bevölkerung der Schlüssel zur Nachhaltigkeit sind, das sieht auch Hans Pfister, Hotelier für nachhaltigen Luxus-Tourismus in Costa Rica, so. „Die Natur hat eine Pause bekommen, aber die Menschen leiden, haben keine Arbeit, und die Wilderei nimmt wieder zu“, sagt er. „Deshalb ist es wichtig, dass die Hotels wieder öffnen und die Menschen wieder arbeiten können.“ Dem stimmt auch Ingo Lies, Gründer von Chamäleon Reisen und Yolo, zu. „Je ärmer eine Region ist, desto stärker sind die Auswirkungen.“ In den Nationalparks Afrikas würden den Nashörnern vorsorglich ihre Hörner abgenommen, um sie vor Wilderei zu schützen, und damit sie eine kleine Chance haben zu überleben, berichtet er. „Aber die Menschen haben Hunger und schießen deshalb in den Nationalparks die Gnus ab.“ Deshalb sei es wichtig, dass auch in Afrika der Tourismus wieder angekurbelt wird. „70 Prozent der Zahlungen unserer Gäste landen in dem Land, in das sie reisen“, betont der Chamäleon- und
Yolo-Chef. Dieses Geld falle gerade weg. Er lässt daher auch nicht das Argument gelten, dass man ein schlechtes Gewissen haben müsse, wenn man eine Fernreise mache. „Wir müssen uns ändern wollen“, sagt er. „Und deshalb weniger und bewusster reisen.“

Hans Pfister geht sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt, dass „gut gemachter Tourismus besser als Entwicklungshilfe ist“. Nutze der Tourismus lokale Produkte und werden Einheimische eingestellt, dann werden dadurch Natur und Gemeinden gefördert. Auch Flüchtlingsströme könnten durch Beschäftigung vor Ort eingedämmt werden, sagt er. „Dadurch nimmt Tourismus eine wichtige Rolle ein, der wir uns gerade erst so richtig bewusst werden.“

Das bemerken auch die Touristiker auf den Kanaren. „Keiner hätte gedacht, dass vom Tourismus so viele indirekte Jobs abhängen“, sagt Barbara Bamberger. Dieses Wissen müsse man nun nutzen, um auch den großen Hotels nahezubringen, mehr lokale Produkte zu nutzen. Die Gäste sollen zwar ihren Urlaub genießen, aber auch mitbekommen, dass Menschen vom Tourismus leben sowie die Kultur der Kanaren und ihrer Bewohner verstärkt wahrnehmen.

Doch bedeutet ein bewussterer Umgang mit Reisen das Ende von Massentourismus? „Der Wachstum im nachhaltigen Bereich muss schrittweise vollzogen werden“, sagt etwa Ingo Lies. „Wir müssen aus den Fehlern der vergangenen Jahre lernen. Dabei geht es um Veränderung, aber nicht um Schwarz oder Weiß.“ Auch Barbara Bamberger glaubt, dass sich Massentourismus und Nachhaltigkeit die Hand geben können. Dabei müsse der Blick vor allem auf das Lokale gerichtet werden.

Luxusreisen-Experte Hans Pfister sagt, dass ein kleines Hotel nicht zwangsläufig alles richtig machen muss und es im Gegenteil auch große Hotels gibt, die viel richtig machen. Nachhaltigkeit sei aber kein Modell, das man sich einfach auf die Fahnen schreibt, denn dann werde es schnell zum Greenwashing, also zu einem bloßen Etikett ohne Inhalt. „Wir sind nachhaltig, weil wir daran glauben“, sagt er.

Mittlerweile ist das Thema in allen Altersgruppen angekommen. „Allerdings hat der Tourismus den Fehler gemacht, davon zu wenig öffentlich zu machen“, sagt Ingo Lies. Denn vor allem die großen Player auf dem Markt würden Nachhaltigkeit zu wenig thematisieren. Außerdem ist das Angebot für nachhaltige Reisen zu gering. „Aber die Nachfrage besteht“, sagt er. Das bestätigt auch Barbara Bamberger indirekt. Sie sagt, dass es auf Teneriffa viele Angebote und Produkte in dem Segment gebe und auch die Nachfrage stimme. „Trotzdem wissen ganz viele Touristen nichts von diesen Konzepten. Deshalb müssen wir da vielleicht noch besser werden.“

Das sieht auch Harald Zeiss so, glaubt aber, dass man das Thema Nachhaltigkeit vor allem sexy machen müsse. „Denn mit dem alten Modell des Konsums werden wir nicht in die Zukunft kommen.“ Deshalb müsse man die Menschen mehr einbinden. Hans Pfister ist sich deshalb sicher, dass „die Welt besser und nachhaltiger mit Tourismus ist – auch wenn der nicht perfekt ist“.

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