Bergort wird zum Ski-Mekka Wintergrüße aus Cortina d’Ampezzo

Im Februar ist das venezianische Bergdorf Austragungsort der Alpinen Ski-WM. Doch neben den Athleten spielen auch einige Gastronomen eine wichtige Rolle.
06.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Eva Keller

Die Kachelöfen einheizen, damit sie bald wieder wohlige Wärme verströmen. Die Terrasse vom Schnee der Nacht befreien. In der Küche nach dem Rechten schauen: Sind genügend Knödel geformt, wie sieht es eigentlich mit dem Ragout aus – und was macht die Polenta? Wenn Renata Ghedina und ihr Team alle Vorbereitungen getroffen haben, belohnt sich die Chefin mit einem Moment des Innehaltens: Die Ruhe vor dem Sturm zelebriert die 55-jährige Wirtin des Rifugios Pomedes, seit sie denken kann: Mit einem Cappuccino und einem liebevollen Blick über das gesamte Ampezzaner Tal, aus dem die Spitzen von Croda da Lago (2715 Meter), Cristallo (3218 Meter) und Sorapiss (3205 Meter) markant hervorstechen. Jetzt kann der Tag kommen.

Vor zehn Uhr morgens schaut kaum jemand vorbei. Schließlich ist man in Italien, wo die Uhren entspannter ticken. Dolce Vita statt Pistenfresser-Zwang. Das färbt übrigens auch erstaunlich schnell auf Urlauber aus dem Norden ab. Renata kann jeden sehen, der kommt. Einfach kurz nach hinten zum Dreier-Sessel schauen, der unmittelbar vor der Punta Anna hält, einem kleinen Gipfel im mächtigen Tofana-Massiv. „Es gibt keinen anderen Weg zu uns“, sagt Renata, die ihren Adlerhorst als „schönsten Ort der Welt“ beschreibt.

Den hat ihr Großvater Luigi gebaut – der legendäre Luigi Ghedina, der 1939 mit Freunden die Eichhörnchen-Gruppe gründete, in die nach wie vor nur die besten Kletterer aufgenommen werden und die weltweit für ihre Verdienste in der Vertikalen bewundert wird.

Er war es übrigens auch, der eigenhändig die Punta Anna Ferrata als einen der bekanntesten Klettersteige der Dolomiten anlegte. Doch unmittelbar vor den Olympischen Winterspielen 1956 arbeitete er über Monate als sein eigener Packesel: Die Lifte waren noch nicht fertig, oben wurde für die Spiele aber unbedingt ein Restaurant gebraucht. So schleppte Luigi einen Großteil des Baumaterials auf dem Rücken auf 2340 Meter Höhe hinauf.

„Wir haben viel renoviert, aber bewusst den Charakter des schlichten Rifugios erhalten“, sagt seine Enkelin Renata. Dieses einzigartige Ambiente wissen alle zu schätzen. Auch die Funktionäre und Spitzensportler, die sich während der Alpinen Ski-Weltmeisterschaft von 7. bis 21. Februar bei Renata aufwärmen. Woran man Deutsche erkennt? „Sie bestellen auch mittags noch Cappuccino“, sagt die Wirtin, die nichts von Klischees hält, sie aber oft bestätigt sieht.

Zur Alpinen Ski-WM werden 600 Athleten aus 70 Nationen erwartet. Wie es derzeit aussieht, können Zuschauer die Wettkämpfe nur in Übertragungen verfolgen. Man wird fast ein wenig neidisch auf Renata, die in der ersten Reihe sitzt: Denn bei ihr müssen die meisten „in echt“ vorbei. Etwa wenn es zur Skirennstrecke Olimpia delle Tofane geht, mit dem „TV-Felsen“, der aus den Frauen-Weltcup-Rennen bekannt ist, und auf dem die Damen in Abfahrt, Super G und Riesenslalom antreten. Oder zur neu modellierten Piste Vertigine, auf der die Herren in Abfahrt und Super G um Sekundenbruchteile kämpfen. Ein wenig weiter unten ist Labirinti, die Piste für den Riesenslalom der Männer präpariert, während auf der Col Drusciè A beide Geschlechter im Slalom über die schwarze Piste sausen, auf der Toni Sailer anno 1956 sein drittes Gold holte.

Cortina d’Ampezzo liegt auf 1224 Metern Höhe mitten im Unesco-Weltnaturerbe der Dolomiten und gehört damit zu den traditionsreichsten Wintersportorten Europas. In Venetien, wo italienische Lebensart auf hochalpine Schönheit trifft, eröffnet sich Urlaubern nicht nur deshalb eine besondere Welt.

Das einzigartige Flair hat auch viel zu tun mit den Regole, den Gesetzen der ersten Siedler, die noch heute das Leben bestimmen. Die Natur oder mit anderen Worten Wald und Weideflächen sind seit jeher für alle da und müssen im Interesse des Gemeinwohls geschützt werden. Das ist eine Verwurzelung in der Tradition, die sich längst als Plus in Sachen Verantwortung und Nachhaltigkeit herausgestellt hat. So verwundert es nicht, dass im Zuge der Alpinen Ski-WM gerade einmal eine zusätzliche Piste angelegt wurde und zwei Aufstiegshilfen neu sind. Augenmaß und Bedacht sind die Leitlinien in die Zukunft, auch im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele, die 2026 in Cortina d’Ampezzo ausgetragen werden.

All das bedeutet keinen Stillstand, im Gegenteil: Man besinnt sich in Cortina
d’Ampezzo auf seine Stärken und optimiert mit Weitblick. So steht auch das alte Zeitmesshäuschen am unteren Ende der Olimpia delle Tofane noch. Wo früher die Zeiten der Athleten mit der Hand genommen wurden, erwartet inzwischen Michael Oberhammer seine Gäste – in einem noblen Restaurant mit stylishem Ambiente. Es heißt jetzt Baita Piè Tofana und der 46-Jährige hat etwa 700 erlesene Weine im Angebot, die fast noch wichtiger sind als die Speisekarte. Für Besucher der Region, die zum Skifahren oder vielleicht wegen der Olympischen Winterspiele kommen, heißt das aber auch: Einfach kosten und den Spirit spüren, der den Sehnsuchtsort Cortina auszeichnet. Bei Renata, bei Michael und im gesamten Bergdorf.

Info

Zur Sache

Cortina d’Ampezzo

Skifahren im Überblick: Cortina d’Ampezzo punktet mit 120 Pistenkilometern, 36 Aufstiegsanlagen und Rifugios zur Einkehr zwischendurch. In den Gebieten Tofana, Faloria-Cristallo und Cinque Torri-Lagazuoi finden sportlich Ambitionierte ebenso ihre Lieblingspisten wie Genießer. Der Tagesskipass kostet 60 Euro für Erwachsene und 42 Euro für Jugendliche in der Hochsaison. Darf es noch mehr sein? Im Verbund Dolomiti Superski sind insgesamt zwölf Top-Skigebiete mit zusammen 1200 Pistenkilometern vereint. Erwachsene zahlen für den Tagesskipass 64 Euro, Jugendliche 45 in der Hochsaison.

Weitere Informationen: Cortina Marketing, Via Marconi, 15/B, I-32043 Cortina d‘Ampezzo – Belluno, Telefon: 00 39 / 4 36 / 86 90 86, E-Mail: infopoint@cortinamarketing.it, Internet: www.cortina.dolomiti.org

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