Wegen einer rätselhaften Oxidschicht auf den Brennelementen droht dem AKW Brokdorf das endgültige Aus

Das rostende Atomkraftwerk

Brokdorf. Kein deutsches Atomkraftwerk war so umstritten und so umkämpft wie Brokdorf. Zehntausende zogen in den 1970er- und 80er-Jahren durch die Wilster Marsch, versuchten den Platz zu stürmen und lieferten sich am Zaun des Kraftwerks blutige Auseinandersetzungen mit der Polizei.
13.06.2017, 00:00
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Von Reimar Paul
Das rostende Atomkraftwerk

Schafe weiden auf einer Wiese neben dem AKW Brokdorf. Die Anlage darf wegen rostioger Brennstäbe vielleicht nie wieder hochgefahren werden.

Christian Charisius, dpa

Brokdorf. Kein deutsches Atomkraftwerk war so umstritten und so umkämpft wie Brokdorf. Zehntausende zogen in den 1970er- und 80er-Jahren durch die Wilster Marsch, versuchten den Platz zu stürmen und lieferten sich am Zaun des Kraftwerks blutige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Einen längeren Baustopp oder die vorzeitige Abschaltung von Brokdorf erreichten die Demonstranten nicht. Jetzt steht der Meiler wegen eines rätselhaften Rostbefalls der Brennstäbe schon seit mehr als vier Monaten still. Ob und wann er wieder angefahren wird, um Strom zu produzieren, ist unklar.

Bei der bislang letzten planmäßigen Revision Anfang Februar hatten Ingenieure entdeckt, dass etliche Brennstäbe im Reaktor sehr stark oxidiert sind. Oxidablagerungen auf den atomaren Brennelementen sind im Prinzip nichts Besonderes: Sie entstehen, wenn sich ihre metallene Außenhaut mit Sauerstoff und Wasserstoff im Kühlwasser verbindet. Grenzwerte legen fest, wie dick diese Schicht nach einer bestimmten „Brennzeit“ im Reaktor sein darf. Denn eine zu starke Oxidation kann die Schutzhülle der Brennstäbe angreifen und brüchig machen. Im schlimmsten Fall könnte die darin enthaltene Radioaktivität freigesetzt werden.

Der Grenzwert liegt für die gesamte Einsatzdauer eines Brennelementes, in der Regel sind das etwa fünf Jahre, bei einer Oxidschichtdicke von höchstens 100 Mikrometer – ein Mikrometer entspricht einem tausendstel Millimeter.

Dieser Grenzwert war in Brokdorf bei mehreren Brennstäben erreicht oder überschritten, obwohl sie erst zwei Jahre im Einsatz waren. In einem Fall wurde nach Angaben des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums punktuell sogar eine Oxidschicht von 152 Mikrometer gemessen.

Minister Robert Habeck (Grüne), im Norden für die Atomaufsicht zuständig, verfügte umgehend, dass das AKW nach Ende der Revision nicht wieder hochgefahren werden durfte. Er sprach von einem ernsten Fall: „Besorgniserregend ist vor allem, dass die Prozesse im Reaktorkern offensichtlich anders ablaufen als erwartet“, sagte er. „Ein solch schnelles und starkes Anwachsen der Schicht ist in Deutschland noch nicht bekannt geworden und sprengt alle bisherigen Prognosen“. Erst wenn der Betreiber die Ursache geklärt und nachvollziehbar dargelegt habe, wie er eine so extreme Rostanfälligkeit der Brennstäbe künftig vermeiden wolle, könne das AKW wieder ans Netz gehen.

Doch diese Klärung ist offensichtlich nicht so einfach. Erst im Mai legte Betreiber Preussen-Elektra – die Firma ist ein Spaltprodukt aus dem Zerfallsprozess von Eon und für die Kernkraftsparte des Konzerns zuständig – einen vertraulichen Schadensbericht vor. Dieser werde derzeit ausführlich geprüft, sagte eine Sprecherin Habecks. Es lasse sich nicht einschätzen, wie lange diese Prüfung dauern werde. Wann eine Entscheidung über die mögliche Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks fällt, sei erst recht nicht abzusehen. „Für die Zukunft muss ausgeschlossen sein, dass sich erneut Oxidschichten bilden, die den Grenzwert überschreiten“, heißt es im Ministerium. „Dafür ist ein Verständnis der Ursachen erforderlich.“

Es erscheint nicht einmal ausgeschlossen, dass die Gutachter des Ministeriums die Konsequenzen, die Preussen-Elektra aus dem Schaden zieht, nicht akzeptieren. Dies könnte sogar ein dauerhaftes Betriebsverbot für Brokdorf nach sich ziehen. Nach dem Atomgesetz darf das AKW noch bis zum Jahr 2021 laufen. Für jeden Tag, an dem das Kraftwerk keinen Strom produziert, entstehen dem Betreiber nach eigenen Angaben Verluste von bis zu einer Million Euro pro Tag. Eine vorzeitige Stilllegung würde das Unternehmen deshalb wohl vor Gericht anfechten. Der mit dem Gesetz über die Kosten bei der Atommüllbeseitigung notdürftig ausgehandelte Burgfrieden zwischen Staat und Betreiber wäre damit passé.

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