Serge Autexier sprach im Haus der Wissenschaft über mitdenkende Systeme, die Pflegebedürftigen künftig das Leben erleichtern könnten

Der intelligente Rollstuhl kommt morgens ans Bett

Autonom fahrende Rollstühle und intelligente Kleiderschränke sind zumindest in den Forschungslaboren des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz keine Science Fiction mehr. Serge Autexier hat bei Wissen um elf einen Vortrag gehalten unter dem Motto „Ein Blick in die Zukunft: Die mitdenkende Seniorenwohnung Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL) – Ideen und Herausforderungen einer adaptiven Technologieunterstützung“.
02.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ina Schulze

Autonom fahrende Rollstühle und intelligente Kleiderschränke sind zumindest in den Forschungslaboren des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz keine Science Fiction mehr. Serge Autexier hat bei Wissen um elf einen Vortrag gehalten unter dem Motto „Ein Blick in die Zukunft: Die mitdenkende Seniorenwohnung Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL) – Ideen und Herausforderungen einer adaptiven Technologieunterstützung“.

Die Menschen werden älter und damit auch pflegebedürftiger. „Das Pflegepersonal steht aber nicht 24 Stunden zur Verfügung“, weiß Serge Autexier, Senior Researcher am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Die Wissenschaftler des Zentrums stellen sich die Frage, wie man bis ins hohe Alter ein selbstständiges und hinzukommend aktives Leben führen kann. In der Reihe Wissen um elf im Haus der Wissenschaft sprach Serge Autexier über den Stand der Entwicklung.

Es geht vor allem um Technologien, die Menschen im Alltag unterstützen sollen. Ein Expertenteam testet alters- und mobilitätsgerechte Assistenzsysteme im „Bremen Ambient Assisted Living Lab“ (BAALL), einer 60 Quadratmeter großen Labor-Wohnung. „Alles funktioniert, sogar die Toilette“, sagt Autexier, der in Oberneuland wohnt. Der Rollstuhl stimmt sich in einer solchen Wohnung mit Bett, Mikrowelle und Waschbecken ab, indem zahlreiche Einzelkomponenten zu intelligenten Gesamtlösungen kombiniert werden. Wie diese verlässlich funktionieren, ist eine der großen wissenschaftlichen Herausforderung. Wenn es Zeit ist aufzustehen, fahren die Rollläden automatisch hoch, das Licht geht an, der Rollstuhl kommt an das Bett gefahren, und der Kleiderschrank schlägt vor, was man angesichts des Wetters anziehen sollte. Anschließend erinnert das System die Bewohner der intelligenten Wohnung daran, etwas zu essen und zu trinken und die richtigen Medikamente einzunehmen. Das ist schon heute Realität – zumindest im interaktiven Forschungslabor des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Dort fahren Rollstühle eigenständig durch die Wohnung, und Türen öffnen und schließen sich automatisch.

Es ist auch denkbar, dass das System sich direkt mit dem Hausarzt abstimmt. „Es fließen Informationen aus den eigenen vier Wänden nach draußen“, sagt Serge Autexier. Das ist natürlich ein kritischer Aspekt, den es genauestens zu untersuchen gilt, da das Privatleben geschützt bleiben soll. „Für Menschen, die so eine technische Möglichkeit nutzen wollen, soll die Technik keine Bedrohung sein“, sagt Autexier. Mit den aktuellen Technologien könnte man schon eine Menge bewerkstelligen, nur müsse man nun auch die entsprechenden Bedürfnisse mit einbinden. Ein intelligenter Rollstuhl ist auf nur eine Behinderung ausgerichtet. Was ist aber, wenn die Nutzerin oder der Nutzer auch noch eine Sehbehinderung hat oder die Hände unwillkürlich bewegt? Der Test-Rollstuhl kann sich zum Beispiel schon sehr präzise lokalisieren und navigieren. Er erkennt Hindernisse und kann ihnen ausweichen.

Dabei befand sich zunächst der 2D-Laserscanner in zwölf Zentimetern Höhe, sodass Tischkanten oder auch Treppenstufen nicht sichtbar waren. „Da wo der Mensch sitzt, da muss eigentlich das System hin“, sagt Autexier. Als nächsten Schritt haben die Wissenschaftler einen 3D-Lasersensor über dem Rollstuhl angebracht, um ein genaueres Bild von der Umgebung in das System zu integrieren.

Dabei müsse man auch darüber nachdenken, wie schnell ein Rollstuhl fährt, wann ein Hindernis erkannt wird und wie schnell diese Information dann zum Bremsen oder Ausweichen übermittelt und der Befehl umgesetzt wird. Auch Rollatoren könnten in naher Zukunft mit einer Art Navigationsgerät ausgestattet werden, die einem nicht nur den richtigen Weg anzeigt, sondern auch den einfachsten Weg ohne Hindernisse und mit vielen Sitzmöglichkeiten. „Spannender ist die Forschung mit solchen Geräten im Innenbereich, wo es enger ist oder bei beweglichen Hindernissen“, sagt der interdisziplinär arbeitende Wissenschaftler, dem es nicht darum geht, Menschen zu ersetzen, sondern ihnen das Leben zu erleichtern, wenn eben keine Hilfe zur Stelle ist. Außerdem dürfe man sich nicht allein auf technische Systeme verlassen, sondern müsse noch seinen Verstand gebrauchen. Herausforderungen für die Wissenschaftler sind Robustheit und Sicherheit. Darüber hinaus müssen die Systeme einfach und verständlich sein und es sollte klar sein, warum gerade ein Licht eingeschaltet oder eine Tür geschlossen wird.

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