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Der lange Weg ins All

Bremen hatte nicht nur einen ­Gagarin, sondern gleich drei. Hans E.
23.10.2017, 00:00
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Der lange Weg ins All
Von Maren Beneke

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remen hatte nicht nur einen ­Gagarin, sondern gleich drei. Hans E. W. Hoffmann, Winfried Ruhe und Horst Billig hießen die Jungingenieure, die den Ruhm Bremens als erfolgreicher Raumfahrtstandort begründen sollten. 1961, im selben Jahr wie der Raumflug des Kosmonauten, hatten die drei Männer eine schwere Aufgabe zu bewältigen: Innerhalb eines halben Jahres sollten sie eine Machbarkeitsstudie für die Oberstufe der geplanten Europa-Rakete erstellen. Erst wenige Monate zuvor hatte die Bundesregierung beschlossen, sich am britisch-französischen Projekt einer Europa-Rakete zu beteiligen.

In Norddeutschland reagierte man sofort: Die Luftfahrtfirmen Weser-Flugzeugbau, Hamburger Flugzeugbau und Focke-Wulf schlossen sich zum Entwicklungsring Nord für gemeinsame Raumfahrtaktivitäten zusammen. Das Unternehmen, besser bekannt unter dem Kürzel Erno, beauftragte die „drei Gargarins“ mit der Machbarkeitsstudie. Hoffmann, Ruhe und Billig schafften das fast Unmögliche: Die Hansestadt erhielt den Zuschlag für die Entwicklung einer Oberstufe.

Richtungsweisende Entscheidungen für den Raumfahrtstandort brachte auch die Ministerratskonferenz 1973: Ein eigenes Trägersystem (Ariane), einen eigenen Nachrichtensatelliten (European Communication Satellite, ECS) und ein eigenes Forschungslabor für den Weltraum (Spacelab) wollten die Minister haben. Die Hansestadt konnte in allen Kategorien punkten: Erno gewann unter anderem den Spacelab-Hauptauftrag, die Integration der zweiten Ariane-Oberstufe und bei ECS ging die Verantwortung für Struktur, Wärmehaushalt und Antrieb an die Weser.

In den Folgejahren durchlebte Erno viele Umstrukturierungen. Aus Erno wurde Ende der 1980er-Jahre die zum Daimler-Konzern gehörige Dasa. Später wurde das Unternehmen mehrfach mit anderen Firmen verschmolzen und umfirmiert: Astrium, EADS, wieder Astrium – und heute ist es ein Teilbereich der Airbus Group.

Während die Erno-Sparte Satellit Ende der 1980er-Jahre abgetrennt wurde und aus Bremen verschwand, entstand in der Hansestadt parallel einer der heute wichtigsten Satellitenbauer. Christa Fuchs und ihr Mann Manfred Fuchs, einst Erno-Leiter Vorentwicklung und Vertrieb, verwirklichten mit dem ursprünglichen Reparaturbetrieb Otto Hydraulik Bremen (OHB) ihren Traum von der Selbstständigkeit. Zunächst startete OHB mit dem Bau einer Zentrifuge für Spacelab. Es folgten ein weltraumtauglicher Tank und eine Elektronikbox. Ende der 1980er-Jahre kooperierte das Unternehmen mit dem kurz zuvor gegründeten Zentrum für Angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (Zarm). Gemeinsam entstand der Kleinsatellit Bremsat, der die Basis für OHB als Satellitenbauer legte.

Rund um die Industrieunternehmen haben sich seit den 1980er-Jahren nicht nur zahlreiche Zuliefererbetriebe angesiedelt. Auch Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), das etwa im Bereich Weltraumrobotik arbeitet, das Zarm mit seiner Schwerelosigkeitsforschung oder das Institut für Umweltphysik mit seinem Schwerpunkt in der Erdbeobachtung sind in der Hansestadt ansässig.

Als weiteres wichtiges Jahr für den Bremer Raumfahrtstandort gilt 2012. Erneut trat der Esa-Ministerrat zusammen, erneut profitierte die Hansestadt. Die Minister entschieden: Europa beteiligt sich mit Sachleistungen an der Raumstation ISS und am neuen US-Raumfährenprogramm Orion, das Ariane-Programm wird fortgeführt – und überall ist Bremen dabei.

Heute werden die Galileo-Satelliten, die Oberstufe der neuen Ariane 6, Roboter zur Erkundung fremder Planeten und viele weitere Innovationen in der Hansestadt entwickelt und gebaut. Gut 12 000 Menschen sind in Bremen und in der Region in mehr als 140 Betrieben beschäftigt. Dazu kommen gut 20 Forschungsinstitute. Sie alle zusammen machen Bremen zu einem der bedeutendsten Raumfahrtstandorte Europas.

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