Die Botschaft der Schnäbel

Biologen beziffern die Anzahl der Arten von Vögeln, die heute auf der Erde leben, auf mehr als 10 000. Manche sind winzig.
24.03.2017, 00:00
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Die Botschaft der Schnäbel
Von Jürgen Wendler

Biologen beziffern die Anzahl der Arten von Vögeln, die heute auf der Erde leben, auf mehr als 10 000. Manche sind winzig. So wiegen zum Beispiel die in Deutschland heimischen Zaunkönige nur etwa zehn Gramm. Der Andenkondor, der schwerste Greifvogel, kann hingegen ein Gewicht von 15 Kilogramm erreichen. Große Unterschiede zwischen den Arten gibt es nicht nur beim Gewicht, der Größe und Flügelspannweite, sondern auch bei der Farbe des Gefieders und der Form der Schnäbel. Was sind die Gründe für die unterschiedlichen Formen?

Antwort: Verschiedene Vogelarten haben verschiedene Schnabelformen entwickelt, weil sie in unterschiedlichen Lebensräumen zu Hause und auf unterschiedliche Nahrung angewiesen sind. So unterscheiden Fachleute zwischen Körner- und Weichfutterfressern. Zu der zuerst genannten Gruppe gehören unter anderem Finken, Sperlinge und Meisen, die gern Samen fressen. Weichfutterfresser wissen besonders Früchte zu schätzen. Zu dieser Gruppe werden neben Staren und Drosseln zum Beispiel auch Rotkehlchen und Zaunkönige gerechnet. Weil zur Nahrung solcher Arten auch Insekten gehören, werden sie auch als Insektenfresser bezeichnet. Dass die Nahrungspalette von Vögeln wesentlich breiter ist, als die genannten Beispiele nahelegen, belegen nicht zuletzt Greifvögel wie Fischadler, die sich fast ausnahmslos von Fischen ernähren, und Bussarde, die unter anderem Jagd auf Reptilien und kleine Säugetiere wie Mäuse machen. Alle Vögel besitzen mit ihren Schnäbeln Werkzeuge, die ihnen die Möglichkeit geben, genau die Nahrung zu verwerten, die sie benötigen.

Längliche, spitz zulaufende Schnäbel werden nach Angaben des Vogelkundlers Peer Cyriacks von der Deutschen Wildtier Stiftung als Pinzettenschnäbel bezeichnet. Sie seien typisch für Weichfutterfresser, zu denen neben den bereits genannten Gruppen beispielsweise auch Kleiber und Spechte gerechnet würden. Diese nutzen ihren Schnabel auch, um an Insekten in morschem Holz zu gelangen. Vögel wie Buntspechte sind zugleich ein Beispiel dafür, dass eine Vorliebe für bestimmte Nahrung nicht bedeuten muss, dass sich die Tiere ausschließlich davon ernähren. Wenn es im Winter an Insekten mangelt, fressen Buntspechte stattdessen Nüsse, Beeren und Samen. Von Meisen wiederum ist bekannt, dass sie zwar Samen zu schätzen wissen, aber auch gern Insekten und Spinnen fressen, wenn diese für sie verfügbar sind.

Meisen haben laut Cyriacks genauso wie beispielsweise Haussperlinge – auch Spatzen genannt –, Stieglitze, Kernbeißer, Gimpel, Buch- und Grünfinken vergleichsweise kleine, kräftige und kompakte Schnäbel. Mit diesen sei es für die Vögel kein Problem, Nahrung wie Sonnenblumenkerne oder Hanfsamen zu zerteilen.

Greifvögel und Eulen, die nachts Mäuse, Frösche oder auch andere Vögel jagen, sind darauf angewiesen, festes Fleisch zerschneiden zu können. Dies gelingt ihnen mit ihren Schnäbeln, die wie ein Haken gebogen und an den Kanten scharf sind. Wasservögel wie Schwäne benötigen solche Hilfsmittel nicht. Schwäne ernähren sich vor allem von Pflanzen. Außerdem fressen sie Insekten und andere kleine Tiere. Ihre Nahrung nehmen sie häufig am Gewässergrund auf. Dass ihr Schnabel breit und im vorderen Bereich abgerundet ist, erweist sich dabei als vorteilhaft. Nach Darstellung der Deutschen Wildtier Stiftung lässt er sich mit einem Löffel vergleichen. Schwäne zählen ebenso wie die sogenannten Säger zu den Entenvögeln. An mitteleuropäischen Küsten kommt der Mittelsäger vor, der etwa die Größe von Stockenten erreicht. Die Säger haben sich auf Fische als Nahrung spezialisiert. Ihre Schnabelkanten erinnern an eine Säge. Die Schnabelform macht es für die Vögel leichter, Fische zu fassen und festzuhalten.

Die große Vielfalt der Erscheinungsformen und Verhaltensweisen von Vögeln ist das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte, die nach heutigem Kenntnisstand im sogenannten Jura begann. Mit diesem Begriff wird ein Erdzeitalter bezeichnet, das vor gut 201 Millionen Jahren anfing und vor rund 145 Millionen Jahren endete. Die heutigen Vögel gelten als Nachfahren kleiner Raubdinosaurier. Als ein Bindeglied zwischen Dinosauriern und modernen Vögeln betrachten Forscher seit Langem den Archaeopteryx, der manchmal auch als Urvogel bezeichnet wird. Auf der Grundlage von Fossilienfunden lässt er sich für die Zeit vor etwa 150 Millionen Jahren belegen. Der Archaeopteryx hatte wie Reptilien Zähne und einen langen Schwanz mit Wirbeln, zugleich aber Flügel und Federn, wie sie auch bei Vögeln zu finden sind. Bislang ist allerdings unklar, wie gut der Archaeopteryx fliegen konnte. Fossilienfunde aus den letzten Jahrzehnten haben zudem gezeigt, dass verschiedene Dinosaurierarten schon früh Vogelmerkmale aufwiesen.

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