Die Bundes-Burger

Klingt eigentlich nach dem Schlaraffenland für Fleischliebhaber: Kantinen könnten bei Schnitzel, Frikadelle und Bratwurst einen kostenlosen Nachschlag anbieten. Das empfehlen Umweltschützer im neuen Fleischatlas.
11.01.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Burkhard Fraune
Die Bundes-Burger

Ob Hack, Steak oder Schinken – auf dem Speiseplan der Deutschen steht Fleisch weit oben. Es gibt immer mehr coole Burger-Läden – zum Ärger der Fleischatlas-Initiatoren.

Daniel Karmann, picture alliance / dpa

Klingt eigentlich nach dem Schlaraffenland für Fleischliebhaber: Kantinen könnten bei Schnitzel, Frikadelle und Bratwurst einen kostenlosen Nachschlag anbieten. Das empfehlen Umweltschützer im neuen Fleischatlas. Der ist eigentlich eine Abrechnung mit dem übermäßigem Fleischkonsum. Und so hat der Vorschlag mit dem Nachschlag für die Fleischfreunde auch einen Haken: Erst einmal kommt ein kleineres Stück Fleisch auf den Teller als gewohnt. Wer mehr will, muss sich später noch einmal anstellen.

Es ist eine von vielen Ideen, wie man die Deutschen ohne Verbote dazu bringen könnte, weniger Fleisch zu essen. Denn bislang blieben die Versuche unterm Strich folgenlos: Pro Jahr isst ein Deutscher im Schnitt 59 Kilo Fleisch und 29 Kilo Fleischprodukte, meistens vom Schwein. Das ist etwa so viel wie vor zehn Jahren – obwohl es doppelt so viele Vegetarier gibt wie damals, jedenfalls nach Statistiken ihrer Interessenvertreter; vier Prozent der Deutschen verzichten ganz auf Fleisch, zwölf Prozent gelegentlich. Wie passt das zusammen?

Der Fleischatlas versucht eine Antwort: „Es gibt eine Gruppe von rund fünf Prozent Vielfleischessern unter den Männern, die fast dreimal so viel Fleisch verzehren wie die Durchschnittsdeutschen“, schreibt der Göttinger Professor Achim Spiller. Da sind Leute, die nahezu täglich Bilder gewaltiger Burger auf ihren Tellern ins Netz stellen. Vielerorts gibt es schicke Hackfleisch-Läden. Restaurants braten Riesenschnitzel. Hunderte Euro für einen Grill auszugeben, ist nichts Besonderes mehr. Zwölf Euro kostet das Hochglanz-Magazin „Beef“ – Losung: „Männer kochen anders.“ Die Deutschen als Bundes-Burger. „Das ist die neue Coolness“, heißt es schaudernd in der Grünen-nahen Heinrich-Böll Stiftung. „Qualvoll, umweltschädlich, ungesund und billig“, so brandmarkt Stiftungschefin Barbara Unmüßig große Teile der Tierproduktion. Um dies zu ändern, veröffentlicht die Stiftung seit 2013 den Fleischatlas – mit der Zeitung „Le monde diplomatique“ und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Dessen Vorsitzender Hubert Weiger sagt: „Riesenschnitzel sind pervers.“

Wenige Tage vor der Grünen Woche eröffnen die Umweltschützer damit die Debatte. Bei der Agrarmesse ist Fleisch wichtig, denn vom Schnitzel bis zur Mortadella ist es ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Nebenwirkungen: Klimaschäden, Überdüngung, Artensterben, Tierleid – und Hunger in Entwicklungsländern. So beschreibt es der Fleischatlas. Fleisch im Supermarkt würde teurer, wenn die Produktion umgestellt werde, sagt Weiger. Es würde aber auch weniger gekauft, die Hälfte genüge. Das deckt sich mit Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie hält 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche für das richtige Maß – das wären etwa 16 bis 31 Kilogramm pro Jahr.

„Eine ganz gute Richtschnur“, meint selbst Barbara Otte-Kinast (CDU), die Agrarministerin von Niedersachsen, wo in den Kreisen Cloppenburg, Vechta und dem Emsland die deutschen Regionen mit der höchsten Tierdichte liegen. Sie warnt aber davor, den Menschen beim Essen Vorschriften zu machen und Landwirte zu diffamieren. „Die große Mehrheit der Landwirte achtet Tag für Tag auf das Wohl ihrer Tiere, schon naturgemäß aus Eigeninteresse“, betont die Ministerin. Und das Problem der Überdüngung bestimmter Regionen werde Niedersachsen meistern.

Kostverächter sind die Fleischatlas-Initiatoren nicht. „Fleisch ist ein bequemes und nahrhaftes Nahrungsmittel“, spekuliert Unmüßig über die Gründe für die Beliebheit. „Man wirft es in die Pfanne und hat kurz darauf ein proteinreiches Nahrungsmittel. Und es ist billig.“ Fleisch steht seit Urzeiten auf dem menschlichen Speiseplan. Die meisten Deutschen sind mit dem Geschmack gut gewürzter Frikadellen und Würstchen aufgewachsen. Fehlt dem Körper Eisen oder Eiweiß, kann es regelrechten Heißhunger auf Gebratenes und Gesottenes geben, warnt sogar das Veganer-Portal Vegpool. Es rät, sich für den Fall der Fälle zu wappnen: mit einem Vorrat an Champignons, Oliven, und Linsen. Von In-Vitro-Fleisch aus dem Labor und Insekten-Burgern hingegen halten die Fleischatlas-Initiatoren nichts. Denn der Fleischersatz ändere nichts daran, dass die Bundesbürger mit tierischem Eiweiß überversorgt seien, sagt Unmüßig. „Das sind große Ablenkungsmanöver.“

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