Neue Wege gegen Cybermobbing setzen auf Prävention unter Gleichaltrigen

„Alle hassen Lena“

Mobbing unter Schülern nimmt im Zeitalter von WhatsApp, Instagram oder Facebook zu, und zwar über Smartphones, Tablets und günstige Internetzugänge. Sie machen es möglich, dass rund um die Uhr verleumdet, beschimpft, erpresst und tyrannisiert werden kann. Initiativen wie der Weiße Ring, die Landesmedienanstalten oder die Digitalen Helden verfolgen einen vorbeugenden Ansatz: Sie bilden Jugendliche zu Medienscouts aus, die betroffenen Mitschülern helfen.
19.10.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Alle hassen Lena“
Von Catrin Frerichs

Mobbing unter Schülern nimmt im Zeitalter von WhatsApp, Instagram oder Facebook zu, und zwar über Smartphones, Tablets und günstige Internetzugänge. Sie machen es möglich, dass rund um die Uhr verleumdet, beschimpft, erpresst und tyrannisiert werden kann. Initiativen wie der Weiße Ring, die Landesmedienanstalten oder die Digitalen Helden verfolgen einen vorbeugenden Ansatz: Sie bilden Jugendliche zu Medienscouts aus, die betroffenen Mitschülern helfen.

Das Bündnis gegen Cybermobbing hat herausgefunden, dass 17 Prozent der 2013 befragten Schüler Opfer von Cybermobbing waren, 19 Prozent gaben zu, bereits Täter gewesen zu sein. Fast 60 Prozent der befragten Lehrer kannten Fälle von Cybermobbing unter ihren Schülern. „Lena ist fett“, „Schick mir ein Foto von dir oben ohne, sonst ...„ – Botschaften wie diese sind bei WhatsApp oder in sozialen Netzwerken zu lesen. „Jeder einzelne Fall ist zu viel. Mobbingopfer gehen kaputt“, sagt Felix (16), der sich mit Sophie (16) vom Weißen Ring zum Medienscout ausbilden lässt.

Sophie, Schülerin eines Gymnasiums in Bayern, bestätigt, dass Jugendliche heutzutage eigentlich immer online sind. Ihr Handy hatte sie in den Sommerferien eine Woche lang nicht eingeschaltet – anschließend übermittelte ihr allein der Dienst WhatsApp rund 3700 Nachrichten. „Ich geh duschen“, „Bin so müde“, „Es regnet“. „Wer bei WhatsApp viele Kontakte hat, bekommt viele Nachrichten“, bestätigt ihr Mitschüler Felix. Sophie: „Viele nehmen ihr Smartphone mit ins Bett.“

Mobile Kommunikation hat auch ihre guten Seiten, wie Alfons Hrubesch vom Weißen Ring bekräftigt: „Wir sind nicht gegen neue Technologien. Wir brauchen aber mehr Medienkompetenz, um junge Menschen zu schützen.“ Er setzt sich bei der Opferschutzorganisation für Prävention ein.

Gemeinsam mit Schülern, Lehrern, Psychologen, Internetexperten und dem Bundeskriminalamt hat er ein vom bayerischen Kultusministerium unterstütztes Programm realisiert, das im Schuljahr 2014/2015 erstmals greift. An 15 Schulen in Bayern stehen seit dem Schulbeginn mehr als 70 ausgebildete Medienscouts in Sachen Mobbing hilfesuchenden Mitschülern zur Seite. Sie klären auf und beraten, welche Hilfe im Einzelfall angebracht ist.

Den Vorteil des Peer-to-Peer-Ansatzes – Schüler schulen Schüler – erklärt Matthias Schneider, Lehrer am Frankenwald-Gymnasium Kronach, so: „Gleichaltrige sprechen auf Augenhöhe miteinander. Wer ohne Handy aufgewachsen ist, kann nur schwer nachvollziehen, wie Kinder und Jugendliche heute kommunizieren.“ Jugendliche, die selbst in eine digitale Welt hineingeboren sind, täten sich da leichter und seien gute Ansprechpartner für Gleichaltrige, betont Schneider, der das Programm des Weißen Rings unterstützt.

Cornelia Holsten, die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, sieht das genauso. Die Brema kooperiert mit vielen Bremer Institutionen und Schulen. Cybermobbing hat eine große Tragweite. „Kinder und Heranwachsende, die jetzt die Schule besuchen, werden im Laufe ihrer schulischen Laufbahn mit Cybermobbing konfrontiert, entweder als Opfer oder als Täter“, so die Einschätzung der Brema-Direktorin. Nicht immer haben die jungen Menschen für die Probleme im Web eine Lösung parat. In vielen Bundesländern können sich betroffene Jugendliche an den Online-Service „juuuport.de“ wenden. Bremen war eines der ersten Bundesländer, die den Service eingeführt haben, sagt Cornelia Holsten. Ausgebildete jugendliche Scouts beantworten die E-Mail-Fragen der Schüler. Dahinter steht ein Sicherheitsnetz mit Psychologen und Juristen und erwachsenen Scout-Coaches.

Gregory Grund, Medienpädagoge und Lehrbeauftragter an der Goethe Universität Frankfurt am Main, ist Mitbegründer der Digitale-Helden-Schul-AG, die Jugendliche zu Medienscouts ausbildet. Die AG, gefördert vom hessischen Kultusministerium, beginnt im neuen Schuljahr mit der Ausbildung „Digitaler Helden“ an 36 weiterführenden Schulen in Hessen. Grund: „Wir bilden nicht nur aus, wir möchten Schulen miteinander vernetzen, mit Partnern wie Anwälten, Medienrechtlern, Psychologen und Polizei in Kontakt bringen und den Erfahrungsaustausch fördern.“

Auch in anderen Bundesländern gibt es ähnliche Projekte. „Das ist ein guter Anfang“, sagt Alfons Hrubesch vom Weißen Ring. Aber: „Wir brauchen noch mehr solcher Initiativen. Auch an Grundschulen gibt es schon erste Fälle.“

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