Kommentar über Sicherheit im Internet

Anonymität ist ein digitales Grundrecht

Anonymität im Internet ist kein Wunschkonzert, sondern die Basis für den Erhalt der digitalen Grundrechte, schreibt IT-Sicherheitsexperte Olaf Berberich.
02.04.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Olaf Berberich
Anonymität ist ein digitales Grundrecht

Anonymität im Internet ist kein Wunschkonzert.

REUTERS

Anonymität im Internet ist kein Wunschkonzert, sondern die Basis für den Erhalt der digitalen Grundrechte, schreibt IT-Sicherheitsexperte Olaf Berberich.

Gemäß einer 2016 veröffentlichten Vermächtnisstudie vom „Wissenschaftszentrum Berlin“, von „Infas“ und „Zeit“ fürchten die Menschen mehr als Krieg, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Kanzlerkandidat Martin Schulz hat daraufhin die Charta der Digitalen Grundrechte in der Europäischen Union mitunterzeichnet.

Es wird wohl bei der guten Absicht bleiben! Nicht einmal 1500 Mitunterzeichner der Charta bringen Schulz offensichtlich zu wenige Wählerstimmen, um das Thema gegenüber seinen 365 000 Followern bei Twitter auch nur in einem Tweet zu erwähnen. Dabei betrifft der sich rasend schnell vollziehende digitale Wandel und die zunehmende Datenverwertung und -manipulation uns alle.

Wenn die Politik die digitale Transformation in ihren Programmen nicht berücksichtigt, wird die Gesellschaft weiter von einer gesteuerten Firmenpolitik einiger globaler Player abhängen. Das lässt nichts Gutes erwarten. An nur wenigen Merkmalen kann jeder im heutigen Internet identifiziert und auch überwacht werden.

Anonym ist heute jeder beim Einkaufen

Unterschiedlichste Anbieter speichern derzeit personenbezogene Daten und gleichen diese untereinander ab. Der gläserne Nutzer entsteht. Anonymität im Internet ist also kein Wunschkonzert, sondern die Basis für den Erhalt der digitalen Grundrechte. Es muss die staatliche Aufgabe werden, hierzu eine für alle verbindliche und für alle kostenlose Zugangsinfrastruktur zu schaffen.

Anonym ist heute schließlich jeder beim Einkaufen in der Stadt oder auch auf einem Bürgerfest. Jeder entscheidet selbst, wann und wem er seinen Namen nennt. So sollte es auch digital funktionieren!

Dafür muss Bestellen, Bezahlen, Social Media oder auch das Stellen einer Frage an einen Gleichgesinnten ohne Preisgabe personalisierter Daten auch im Internet möglich sein. Das geht nur mit der gleichen Infrastruktur für alle ohne zentrale Speicherung personenbezogener Daten.

Anonymität kann aufgehoben werden

Nach meiner Idee ist ein „persönliches digitales System“ (PDS) auf einem kleinen USB-Stecker für Smartphones untergebracht. Die umständliche Eingabe von Passwörtern fällt genauso weg wie komplizierte Bezahlvorgänge.

Im Einzelfall und nach richterlicher Verfügung kann die Anonymität aufgehoben werden. Terrorismus und andere Straftaten können ohne Diskussionen über das Thema Datenschutz effektiv bekämpft werden.

Die öffentliche Finanzierung ist sichergestellt, wenn das PDS in bereits geplante Infrastrukturprojekte integriert wird. Eine einfach verständliche Petition für „Das Grundrecht für jeden auf Anonymität im Internet“ startet gerade bei Change.org.

Zur Person

Unser Gastautor ist IT-Sicherheitsexperte und Initiator eines Interessenverbandes für Netz-Dezentralisierung. Außerdem hat der Krefelder Unternehmer das Buch „Trusted-Web 4.0 – Bauplan für die digitale Gesellschaft“ veröffentlicht.
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