Gaming "Beatlemania" um ein Computerspiel

In Los Angeles zeigen die größten Hersteller ihre Neuheiten – und reagieren auf den Erfolg von "Fortnite". Außerdem scheint sich das Ende der aktuellen Konsolengeneration anzubahnen, sagen Experten.
13.06.2018, 20:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Jonas Mielke

In einem großen Zelt zwischen den Wolkenkratzern in Downtown Los Angeles herrscht eine feierliche, fast kirchliche Stimmung. Matt schimmernde Lichterketten, die zur Decke laufend eine Kuppel formen und Hunderte Smartphone-Displays scheinen auf Gustavo Santaolalla. Der argentinische Musiker zupft eine sanfte Melodie auf einem Banjo, seinen schwarzen Kapuzenpullover hat er tief ins Gesicht gezogen, die Augen geschlossen.

Zahlreiche Fortsetzungen bekannter Spiele

Millionen Menschen verfolgen seinen kurzen Auftritt per Live-Stream im Internet, dazu folgt ein Videospiel-Trailer, für den Santaolalla die Musik komponiert. Die Titelheldin tanzt darin in exakt der gleichen Lichterketten-Szenerie – und zieht später brutal mordend durch den Dschungel. Es sind Szenen des Spiels „The Last of Us 2“, die Sony in Los Angeles auf der Electronic Entertainment Expo präsentiert. Kurz: E3. "Das ist Weihnachten für Gamer", sagt Jan Theysen, Gründer des Bremer Entwicklungsstudios King Art Games.

Noch bevor die Videospielmesse in Los Angeles offiziell öffnet, liefern sich die Schwergewichte der Branche einen brachialen Wettkampf um Aufmerksamkeit. Sony, Microsoft, Electronic Arts, Nintendo, Ubisoft: Sie alle wollen einen größtmöglichen Hype um Spiele entfachen, die häufig erst im kommenden Jahr oder später erscheinen. Doch kein Spiel treibt die aktuellen Ankündigungen so sehr, wie das bereits im vergangenen Jahr erschienene Spiel "Fortnite".

"Fortnite": Ballerspiel in Comic-Optik

Das Magazin „The New Yorker“ vergleicht den Hype um das Ballerspiel in Comic-Optik schon mit der „Beatlemania“ oder der Opioid-Krise. Das Spielprinzip: Hundert Spieler landen mit ihren Spielfiguren auf einer Insel, sammeln Maschinengewehre und Schrotflinten ein, bauen Festungen oder verstecken sich. Wer überlebt, gewinnt. „Battle-Royale“ nennt sich der Spielmodus. „Alle großen Spiele-Reihen gucken jetzt, ob sie das nicht auch bei sich reinkriegen“, sagt Spiele-Entwickler Theysen aus Bremen.

Das Spielprinzip hat „Fortnite“ nicht erfunden, aber extrem erfolgreich umgesetzt: Laut dem Technikportal „The Verge“ hat das Spiel allein im vergangenen April fast 300 Millionen US-Dollar (umgerechnet 255 Millionen Euro) eingenommen – obwohl es kostenlos ist. Die Spieler bezahlen für das individuelle Aussehen ihrer Spielfiguren, nicht um bessere Chancen auf den Sieg zu haben. Die umstrittenen Mikro-Transaktionen innerhalb von Spielen gibt es schon länger, das besondere bei "Fortnte": "Man kann mit dem Spiel Spaß haben, auch ohne Geld zu bezahlen", sagt Sandro Kreitlow vom Hamburger Internetsender "Rocket Beans". "Daran könnten sich andere Entwickler ein Beispiel nehmen". Clever sei auch der Comic-Stil: "Dadurch funktioniert es auf jeder Plattform." Auf der E3 kündigte Nintendo an, dass "Fortnite" ab sofort auch für die Konsole "Switch" verfügbar ist.

Publikum beeinflusst die Updates

„Fortnite“ funktioniert nach dem „Games as a Service“-Prinzip. „Quasi ein lebendiges Spiel“, sagt Theysen. „Ähnlich wie bei einer Serie im Fernsehen beobachtet man, was dem Publikum gefällt, und verändert das Spiel per Update." So war es auch bei „Fortnite“: Eigentlich war das Spielprinzip anders vorgesehen, doch nach dem Erfolg des Spiels „Playerunknown‘s Battlegrounds“, das ebenfalls nach dem Battle-Royale-Prinzip funktioniert, wurde "Fortnite" mit einem Update verändert. Das verändert auch die Arbeit der Entwickler: „Statt drei bis vier Jahre an einem Spiel zu arbeiten und ein Spiel endgültig herauszugeben, arbeitet man heute eher zwei Jahre an einem Titel und entwickelt ihn nach der Veröffentlichung noch zwei Jahre weiter“, sagt Theysen.

Allgemein sei auf der Messe aber sehr wenig echtes Spielgeschehen zu sehen, sagt "Rocket Beans"-Experte Kreitlow. "Es sieht nach dem Ende der aktuellen Konsolen-Ära aus." Der Bremer Entwickler Theysen bestätigt den Eindruck. "Man sieht immer mehr Hinweise auf die nächste Generation von Hardware", sagt er. Viele Trailer von Spielen sähen so aus, als wären sie schon für Technik produziert, die noch nicht angekündigt wurde.

Hohe Entwicklungskosten

„The Last of Us 2“, „Battlefield 5“, das Rennspiel „Forza Horizon 4“, ein neuer Teil der „Assasins-Creed“-Reihe: Ähnlich wie in der Filmindustrie dominieren bei den Blockbustern der Branche die Fortsetzungen etablierter Reihen. „Es ist einfach weniger Risiko“, sagt Entwickler Theysen. Zwischen 50 und 100 Millionen Dollar würden die neuesten Entwicklungen verschlingen, da setze man auf Titel mit bereits vorhandener Fan-Basis. "Viele Spieler wünschen sich mehr Kreativität und Vielfältigkeit von den großen Unternehmen", sagt Kreitlow.

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Das auch eine deutsche Entwicklerin auf der großen Bühne in Los Angeles auftrat, überraschte viele Beobachter. Während einer ähnlich pompösen Vorstellung des Unternehmens Electronic Arts stellte Chefentwicklerin Cornelia Geppert vom Berliner Studio Jo-Mei das Spiel "Sea of Solitude" vor. "Das kam aus dem Nichts", sagt Kreitlow. "Das Spiel sieht sehr kreativ aus und, bei aller Kritik an Electronic Arts, muss man loben, dass sie auch kleineren Indie-Studios die Bühne gegeben haben."

Förderung für deutsche Entwickler

Auch Felix Falk, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Game-Branche, freute sich über die Präsentation: "Ein tolles Beispiel dafür, was deutsche Entwickler leisten können." Deutschland ist ein wichtiger Markt für die Spieleindustrie: Mehr als drei Milliarden Euro Umsatz werden mit Videospielen in Deutschland erzielt, Tendenz steigend. „Der Games-Markt ist einer der dynamischsten Märkte überhaupt, mit schnellem Wachstum und spannenden Innovationen“, sagt Verbands-Chef Felix Falk.

Doch die deutschen Spiele-Entwickler hinken im internationalen Vergleich hinterher: „Nur sechs Prozent des Umsatzes in Deutschland werden mit Spielen deutscher Entwickler erzielt“, sagt Falk. Zu wenig. Der Grund seien die schlechten Rahmenbedingungen in Deutschland, vor allem die fehlende Förderung durch den Bund. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es, man wolle "eine Förderung von Games zur Entwicklung hochwertiger digitaler Spiele einführen, um den Entwicklerstandort Deutschland zu stärken und international wettbewerbsfähig zu machen".

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