Alles unter Kontrolle?

Bei der Gamescom zeigte auch der Deutsche Kinderschutzbund Flagge

Nicht gleich alles verteufeln! Simone Hensel, Leiterin des Fachbereichs Medienkompetenz beim Deutschen Kinderschutzbund Landesverband Bayern, rät Eltern, sich von ihren Kindern Spiele auch mal erklären zu lassen.
22.08.2010, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Nina Hortig

Nicht gleich alles verteufeln! Simone Hensel, Leiterin des Fachbereichs Medienkompetenz beim Deutschen Kinderschutzbund Landesverband Bayern, rät Eltern, sich von ihren Kindern Spiele auch mal erklären zu lassen.

Das Bild vom überwiegend sitzenden, übergewichtigen Computer-Nerd, der sich hinter heruntergelassenen Jalousien verschanzt, das Flimmern des Bildschirms als einzige Lichtquelle, ist längst überholt. Computerspiele können weit mehr trainieren als nur die Daumenmuskulatur, was die Gamescom 2010 eindrucksvoll bewies. Atemlos verließen die Besucher am letzten Tag die weltweit größte Spielemesse - und das nicht nur wegen der unzähligen zurückgelegten Kilometer auf dem Messegelände Köln. Highlight der Gamescom waren die neuen Konzepte der Bewegungssteuerung. Da wurde gesprungen, getanzt, gesprintet und gesurft. Steuerung war auch das große Thema eines Messeausstellers, mit dem die meisten Besucher eher nicht gerechnet hatten.

"Was hat der Kinderschutzbund bei der Gamescom zu suchen? Das fragen sich viele. Vor allem die jungen Besucher denken gleich an Spieleverbot", sagt Simone Hensel, Leiterin des Fachbereichs Medienkompetenz beim Deutschen Kinderschutzbund Landesverband Bayern. "Wenn wir denen sagen, dass wir ihren Eltern eigentlich erklären wollen, warum Games denn so viel Spaß machen, dann machen die meisten Kids ganz große Augen." Nachdem die ersten Zweifel ausgeräumt wurden, sei die Resonanz "überraschend gut".

Positiv überrascht hat die 29-jährige Pädagogin vor allem der Platz, den die Kölnmesse und der Bundesverband interaktiver Unterhaltungssoftware BIU, der Dachverband der Games-Hersteller, dem Deutschen Kinderschutzbund und anderen Organisationen der Medienpädagogik wie USK und Bundesprüfstelle für Medien auf dem Messegelände zugewiesen hatten. Seit 2009 hat der Kompetenzbereich auf der Messe einen festen Stellenwert in Halle acht. "Ein attraktiver Ort ", findet Simone. "Wir konnten unsere Angebote gleich neben den Neuheiten der bekannten Hersteller präsentieren."

Nur wenige Meter weiter stellte Microsoft mit Kinect seine neue Bewegungssteuerung für die Xbox 360 vor, die im November auf den Markt kommt. Und auch Sony verabschiedet sich im September mit der bewegungssensitiven Hardware-Erweiterung "PlayStation Move", die einen der "Gamescom Awards 2010" gewann, von klassischen Steuerungskonzepten.

Eine neue Art Steuerungskonzept, wenn man so will, präsentierte auch der Kinderschutzbund. In Kooperation mit klicksafe.de, einer EU-Inititative für mehr Sicherheit im Netz, entwickelte er ein Lehrkonzept für medienspezifische Elternkurse. "Wir führen zum Beispiel Rollenspiele oder Fantasiereisen mit den Eltern durch", sagt Simone Hensel. "Darin sollen sich die Eltern erinnern, welchen Filmhelden sie selbst in ihrer Jugend hatten. Da bekommen viele leuchtende Augen, da flammt etwas auf. Sie erinnern sich daran, wie toll das damals für sie war, jeden Mittwochabend pünktlich vor dem Fernseher zu sitzen, um ihren Helden zu sehen." So werde für Eltern diese Faszination, die Games auf ihre Kinder ausüben, nachvollziehbar und das könne Verständnis schaffen. Denn: "Wichtig sind Offenheit und Akzeptanz, vor allem aber die Auseinandersetzung damit, wie Jugendliche leben und was sie tun. Ich kann nicht einfach sagen, das ist schlecht und mich dann nicht mehr damit beschäftigen."

Und so greifen die Eltern in den Medienkursen schon mal selbst zum Joystick. "Sie können sich zu Hause auch von ihren Kindern zeigen lassen, wie Games funktionieren. Zum einen erfährt man so etwas über den Inhalt der Spiele, zum anderen geht es da um Kompetenzen, die die Kinder erworben haben. Wenn Eltern diese anerkennen, wecken sie Stolz in ihrem Kind. Das verbessert die Kommunikation", weiß die Pädagogin.

Auch auf der Messe spielten Eltern und Kinder zusammen. "play2gether" hieß die Aktion des Kinderschutzbundes, des Instituts Spielraum, des Computerspielprojekts Köln und von Turtle Entertainment, zu der erstaunlich viele Messebesucher, Eltern mit Kindern im Alter von acht bis 17 Jahren, kamen. Also alles eigentlich gar nicht so schlimm? "Naja, das Spiele-Angebot auf der Messe könnte ausgewogener sein", bemerkt die 29-Jährige. "Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf Spielen ab 16 oder 18 Jahren. Ich würde mir wünschen, dass Spiele für Jüngere stärker vertreten wären und auch so präsentiert würden, dass sie ebenfalls spannend rüberkommen. Es sollte nicht immer nur darum gehen, älter werden und Grenzen überschreiten zu wollen."

Am anderen Ende von Halle acht sah man das anders. "Wer will schon den Kinderkram unter 16? Hier gibt es etwas für alle ab 18", brüllte der Moderator ins Mikrofon, um einen neuen Shooter anzukündigen. Die Menge jubelte und streckte die Hände nach den T-Shirts und Caps, die der Moderator wie Bonbons in die Menge warf. Die Hersteller wissen, wie sie die Consumer locken.

Es gibt zahlreiche Einrichtungen in Deutschland, die sich für kompetenten Umgang mit den Neuen Medien einsetzen. Eltern bilden sich in Kursen weiter. Und die Hersteller? "Die haben ganz klar eine Verantwortung und sie haben vor allem die finanziellen Mittel. Der BIU beteiligt sich auch an der Finanzierung unseres Projekts 'Wege durch den Mediendschungel - Kinder und Jugendliche sicher in der Medienwelt begleiten'. Inhaltlich sind wir aber absolut frei", betont Simone Hensel. "Das ist ein fruchtbares Miteinander. Wir unterstützen die Hersteller bei medienpädagogischen Kampagnen wie der Initiative 'Spielen verbindet' des BIU. Die Hersteller machen uns im Gegenzug auf Trends aufmerksam, die sie erkennen, zum Beispiel die zunehmende Verschiebung auf den Mobilbereich. Das können wir dann pädagogisch aufbereiten."

Doch welches medienpädagogische Konzept hilft gegen ein Spiel mit so ausgeprägtem Sucht- und Zeitkillerpotenzial wie etwa "World Of Warcraft"? "Eltern müssen ihre Kinder beobachten. Wie gut funktioniert das soziale Netz außerhalb der virtuellen Community? Was passiert außerhalb des Bildschirms in der Freizeit?", rät Simone Hensel. Zudem sei es wichtig, Grenzen zu setzen, bestimmte Uhrzeiten zum Beispiel, zu denen der Computer ausgeschaltet wird. "Eltern müssen aber auch wissen und verstehen, dass es bei Computerspielen eher ungünstig ist, plötzlich ins Zimmer zu platzen und jemanden zum Essen zu rufen, da man in Spielen oft nicht unvermittelt aufhören kann."

Das Mysterium um die neue "World of Warcraft"-Erweiterung "Cataclysm" verbarg sich hinter den Wänden eines Ü-18-Würfels - abgeschlossene Bereiche mit Ausweiskontrolle am Eingang. "Du kommst hier nicht rein" - Diesen Satz hörte man in der Schlange mehrfach. Die anderen drängten sich in Hundertschaften stundenlang vor dem Eingang, nur um 20 Minuten in der neuen Welt des Fantasy-Online-Rollenspiels verbringen zu dürfen.

Auch am Türsteher des Ü-18-Bereichs von Sony war ohne das passende Alter kein Vorbeikommen. Dabei lockte hinter der Absperrung eine besonders ausgefallene Kulisse. Hier konnten Gamer in der Badewanne, im Krankenbett oder aber in der Leichenhalle liegend die Action-Neuheiten "Killzone", "inFamous 2" oder "Eat Them" für die PS3 antesten. "Je mehr Blut, desto besser. Aber Mann, das ist doch nur Geballer. Das ist nicht echt", sagte ein junger Gamer, der es sich in der Badewanne bequem gemacht hat, auf die Frage, ob's denn schön brutal sei.

"Kinder können durchaus entscheiden, was Realität und was Virtualität ist." Das ist auch Simone Hensels Überzeugung. Von den immer wieder aufkeimenden Zensurforderungen der Politik hält sie wenig.

Viel Bewegung gibt es immer wieder auch bei der Gesetzgebung. Aktuell werden Spiele von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle USK den Regelungen des Jugendschutzes entsprechend bestimmten Alterseinstufungen zugeordnet und gekennzeichnet. Doch eine Novellierung des Jugendmedienschutzstaatsvertrages sieht vor, dass Hersteller ihre Spiele künftig selbst klassifizieren. "Es mangelt an Strukturen. Hier ist die Politik gefordert", sagt Simone Hensel. Sie weiß aber auch: "Das kostet viel Überzeugungsarbeit." Auch wenn es Stellen gibt, die die Eignung von Spielen für bestimmte Altersgruppen gesetzlich überwachen, sei der Dialog zwischen Eltern und Kindern dennoch unerlässlich. "Auch hier ist die Einschätzung der Eltern gefragt."

Also, doch nicht alles unter Kontrolle? Auf jeden Fall ist - das hat die Gamescom eindrucksvoll gezeigt - vieles in Bewegung. Pro-aktiv gehen vor allem die Verbände selbst an das Thema heran. Am ersten Messetag verkündeten der Bundesverband des Spielwareneinzelhandels und der Verein Computer Projekt Köln, dass sie künftig Spiele, die für Kinder über den Spaß hinaus auch einen Mehrwert bedeuten, mit dem Siegel "pädagogisch wertvoll" versehen werden, um Eltern eine weitere Orientierungshilfe zu geben.

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