Begu Lemwerder Bösartige Spitzen und lässige Plauderei

Seit 32 Jahren lebt Stefan Waghubinger in Deutschland, doch als Österreicher versteht er sich aufs Jammern und Nörgeln. Am Freitag, 26. Januar, eröffnet der Kabarettist das vielseitige Begu-Programm.
21.01.2018, 10:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Georg Jauken

Lemwerder. Mit dem Bremer Kaffeehaus ­Orchester und Champagnerlaune beim Neujahrskonzert hat die Begu Lemwerder das neue Jahr begonnen. Nun startet dort auch das Kabarett-Jahr 2018. Auf der Gästeliste stehen diesmal unter anderem Mathias Tretter, HG Butzko, Matthias Brodowy und – einmal mehr – Arnulf Rating. Gleich zum Auftakt dürfen sich die Kabarettfreunde auf ein ganz besonderes Schmankerl freuen: Der Österreicher Stefan Waghubinger hat sich am Freitag, 26. Januar, 20 Uhr, in der Begu angesagt.

Seit 32 Jahren lebt Waghubinger in Deutschland und er versteht sich aufs österreichische Jammern und auf die deutsche Gründlichkeit beim Nörgeln. In seinem aktuellen dritten Soloprogramm „Jetzt hätten die guten Tage kommen können“ hat er es ganz nach oben geschafft. Auf dem Dachboden der Garage seiner Eltern inmitten alter Zeitungen, Koffer und Trödel schwelgt er in Erinnerungen, erklärt eine Welt, sinniert über Trennungen und Swinger-Clubs. Zwischendrin verrät er, warum die Migration die einen in die linke, die anderen in die rechte Ecke treibt.

Statt sich besserwisserisch oder gar missionarisch über Politik und Gesellschaft zu echauffieren, plaudert Waghubinger unaufgeregt, geistreich und zynisch über den, der er mal war, der er mal werden wollte und der er geworden ist. Es ist die Zurückhaltung, weshalb ihm das Publikum geradezu an den Lippen klebt, um ja keine seiner banalen, tieftraurigen und immer wieder zum Brüllen komischen Wortspielereien über den Sinn und Unsinn des Lebens zu verpassen.

Mit dem Tanztee für Junggebliebene startet die Begu in den Februar. Andreas Jabs sorgt am Sonntag, 4. Februar, 15 Uhr, als DJ einmal mehr mit den Klassikern der 50er, 60er und 70er Jahre für schwungvolle Stunden. Am Donnerstag, 8. Februar, ist der nächste Begu-Kinotag mit dem 2011 entstandenen norwegischen Film „Anne liebt Philipp“ über eine Grundschulliebe (ab 16 Uhr) und dem Spielfilm „Hidden Figures“ über drei weitgehend unbekannte Heldinnen ab 20 Uhr. Der US-amerikanische Streifen von 2016 erzählt von drei brillanten afro-amerikanischen Mathematikerinnen, deren besondere Fähigkeiten bis in die 1960er-­Jahre bei der US-Weltraumbehörde NASA kaum etwas zählten. Mit dem Beginn des Weltlaufs zum Mond sollte sich das jedoch in kurzer Zeit gehörig ändern.

Auschwitz-Überlebende und Rap-Band

Esther Bejarano ist Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz. Am Mittwoch, 7. Februar, ab 19 Uhr liest die inzwischen 93-Jährige aus ihrem Buch „Erinnerungen: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“. Mit der Band ist die Kölner Rap-Formation Microphone ­Mafia gemeint, mit der sie zusammen in der Begu auftritt. Zu der Band gehört auch Kutlu Yurtseven, Mitbegründer der Initiative „Keupstraße ist überall“, die sich für die Aufklärung möglicher Verstrickungen zwischen Verfassungsschutz und Terrornetzwerk NSU einsetzt.

In seinem Programm „Menschliche Intelligenz oder Wie blöd kann man sein?“ begibt sich Kabarettist HG Butzko am Freitag, 9. Februar, 20 Uhr, auf die Fährte der Dummheit. Fündig wird er auf Facebook, wo Pegida-­Anhänger ihrer Empörung über die angebliche Islamisierung des Landes beispielsweise in solchen Kommentaren Luft machen: „Die Islamisierung ist bereits fortgeschritten. An deutschen Schulen werden arabische Zahlen gelehrt.“

In einer Mischung aus Unterhaltung und Tiefgang, witzig, bisweilen böse und stets mit der ihm eigenen lässig-kraftvollen Sprache Gelsenkirchens wettert Butzko gegen religiöse Eiferer wie die Dschihadisten im Nahen Osten und die Evangelikalen im Wilden Westen: „Je größer der Dachschaden, desto schöner die Aussicht zum Himmel“, glaubt der bekennende Atheist Butzko. Wie immer bei Butzko ist das Programm vollgepackt mit treffsicheren Pointen. Und zwischendurch nimmt er sich auch die Zeit für die wichtigen Fragen jenseits von Politik und Religion: „Der erste Mensch, der herausgefunden hat, wie man eine Kuh melken kann – was hatte er ursprünglich eigentlich vor?“

Die Süddeutsche Zeitung bescheinigte dem Kabarettisten Mathias Tretter vor einiger Zeit einen extra dicken Batzen Grundkomik. Wer es überprüfen möchte, hat am Freitag, 23. Februar, die Gelegenheit dazu. Dann ist Tretter ab 20 Uhr mit seinem sechsten Soloprogramm „Pop“ in der Begu zu Gast. Mit der ihm eigenen lockeren und lässigen Art entwirft er darin hanebüchene Verschwörungstheorien, zeichnet das absurde Bild einer IS-Weltherrschaft, zeigt die Entwicklung vom Bildungs- über den Wut- zum Hetzbürger auf. Manchmal staunt er auch einfach nur – vor der Realität seines kleinen Sohnes.

Nach so viel Kabarett beginnt die Begu den neuen Monat mit stilvollem Design fürs Haus, ausgefallenen Schmuckstücken und traditionellem Handwerk beim „Kunst­WerkerMarkt“ am Sonntag, 4. März. Es ist die 17. Ausgabe des Marktes und sie beginnt wie immer um 10.05 Uhr. Im Kinderkino vier Tag später steht um 16 Uhr die estländisch-lettische Produktion „Lotte im Dorf der Erfinder“ aus dem Jahr 2006 auf dem Programm. Ebenfalls am Donnerstag, 8. März, läuft abends ab 20 Uhr die romantische Filmkomödie „Love Is All You Need“ mit Trine Dyrholm als kahle Frisörin und Ex-007 Pierce Brosnan als ihr griesgrämiger, sarkastischer Märchenprinz.

Lästermaul mit Hang zu Blödsinn

Matthias Brodowy fragt sich in seinem Kabarettprogramm „Gesellschaft mit beschränkter Haltung“ am Freitag, 16. März, 20 Uhr, wozu er noch denken soll, wenn es doch im Internet in einem Bruchteil der Zeit auf alles eine Antwort gibt. Weil es seiner Meinung aber schon vielen Zeitgenossen in politischen, gesellschaftlichen und sozialen Fragen an Haltung mangelt, denkt Bro­dowy bislang dennoch lieber selbst. In seinem ­neuen Programm seziert der Kabarettist und Musiker die scheinbar immer komplexer werdende Welt, in der nur die Information zählt, nicht die Wahrheit. Damit verbindet er die Aufforderung an die „schweigende Mehrheit“ sich mehr zu beteiligen und auch mal jenen zu widersprechen, die den Respekt gegenüber anderen vermissen lassen. Ein Kritiker nannte Brodowy mal ein Lästermaul mit Hang zu gehobenem Blödsinn. Das hört sich dann so an: „Nachdem der Mensch über Jahrmillionen den aufrechten Gang erlernte, hat er in wenigen Jahren den Rückschritt vollzogen. Stets über sein Smartphone gebeugt, irrt er durch die Welt.“

Mit Matthias Brodowy geht es in die Oster­ferien. Kabarett-Freunde dürfen sich aber schon mal auf den Frühling mit Arnulf ­Rating (14. April), das Dreierpack David Werker, Till Reiners und Archie Clapp (27. April) ­sowie Martina Schwarzmann am 26. Mai freuen. Krimi-Fans sind schon am Freitag, 6. April, ab 19 Uhr in der Begu am richtigen Ort, wenn Gisa Pauly aus ihrem 2015 erschienenen Kriminalroman „Der Mann ist das Problem“ liest. Als ihr Mann ihr zum 50. Geburtstag ein Wohnmobil schenkt, setzt sich Paulys Heldin kurzerhand in das wuchtige Gefährt und düst los – ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kohle und ohne den Gatten. Die Fahrt endet in der Toskana, wo sie einen Mord und die Herkunft einer Dreiviertelmillion Euro aufklären muss, die sie in einem Versteck im Wohnmobil entdeckt hat.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+