Der Tor-Browser bietet Anonymität im Internet, die auch von Kriminellen ausgenutzt wird

Das Geheimnis der Zwiebel

Das Tor-Netzwerk bietet Nutzern anonymen Zugang ins Internet über einen speziellen Browser. Der ermöglicht es, auch auf Webseiten zu gelangen, die für „normale“ Internetnutzer nicht zugänglich sind. Was eigentlich politische Aktivisten vor Verfolgung schützen soll, wird auch von Kriminellen genutzt, die sich hinter der Anonymität verstecken. Ein Blick ins Darknet.
17.07.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Geheimnis der Zwiebel
Von Max Polonyi
Das Geheimnis der Zwiebel

Das Tor-Netzwerk bietet Nutzern anonymen Zugang ins Internet über einen speziellen Browser. Der ermöglicht es, auch auf Webseiten zu gelangen, die für „normale“ Internetnutzer nicht zugänglich sind. Was eigentlich politische Aktivisten vor Verfolgung schützen soll, wird auch von Kriminellen genutzt, die sich hinter der Anonymität verstecken. Ein Blick ins Darknet.

Der Weg in die Schattenwelt des Internets führt über eine Handvoll Klicks. In einem deutschsprachigen Darknet-Forum sucht ein Nutzer über die Rubrik „Kontakte“ eine „erfahrene Truppe für lohnende Einbrüche im Raum NRW“. Es handele sich um drei Objekte, zwei Einfamilienhäuser und eine Wohnung, in denen insgesamt 1,2 Millionen Euro in bar lagern sollen. „Nur Experten – keine Halbstarken“, fordert er. Der Aufruf zum Verbrechen endet ganz ungezwungen mit den Worten „viele Grüße“. Der Kontaktsuchende wähnt sich offenbar in Sicherheit – nicht ganz zu Unrecht. Er hat seine Anzeige via Tor aufgegeben, ein sogenanntes Darknet, dass seinen Nutzern maximale Anonymität verspricht.

„Tor ist eine Netzwerk-Struktur, die für normale Internetnutzer unsichtbar ist“, sagt Alexander Noack vom Chaos-Computer-Club Bremen (CCC), eine Hackervereinigung, die über digitale Entwicklungen aufklärt. „Es ist vergleichbar mit dem Intranet einer Firma, zu dem nur Mitarbeiter Zugang haben.“ Die Handhabung funktioniert wie im „normalen“ Internet – Nutzer geben im Tor-Browser Adressen ein und gelangen so auf gewünschte Websites. „Der Unterschied ist, dass Tor die Herkunft der Nutzer und ihr Handeln im Netz stark verschlüsselt und so ein hohes Maß an

Anonymität gewährleistet.“ Das ist das Konzept des Netzwerks: Surfen, ohne Spuren zu hinterlassen.

„Tor gibt es seit dem Jahr 2002“, sagt Jens Kubieziel vom Verein Zwiebelfreunde, der Server für das Netzwerk betreibt. Die Zwiebel ist ein Symbol für das Netz, weil Nutzer Schicht für Schicht anonym in die Tiefe des Netzes eindringen – bis zum Kern, den Webseiten. Was als Projekt einiger US-Entwickler begann, ist heute ein globales Netzwerk mit weltweit rund 6000 Servern. „Wir wollen Nutzern Sicherheit und Anonymität bieten. Gerade in Ländern, in denen das Internet zensiert ist und freie Meinungsäußerung verfolgt wird“, erklärt Kubieziel. Via Tor können Aktivisten auch im Iran ein Facebook-Konto pflegen und unzensiert auf normalen Webseiten die Nachrichten lesen. Das Darknet sei in Zeiten von NSA-Affären und Zensur unverzichtbar, da sind sich Kubieziel und Noack einig.

Weil Tor aber nicht nur Dissidenten Anonymität gewährleisten kann, sondern jedem, der einen Rechner mit Internetanschluss besitzt, finden sich im Darknet auch zahlreiche Websites, sogenannte hidden services – versteckte Dienste – die nur per Tor-Browser aufgerufen werden können. Wer sich vom „Hidden Wiki“, einer Linkliste für das Darknet, leiten lässt, gelangt auf Seiten, die alles Vorstellbare zum Verkauf bieten. Falschgeld beispielsweise – „20 Zehn-Euro-Noten“, werden zum Preis von 105 US-Dollar angeboten. Seiten bieten Drogen, Personalausweise, Pornografie, Waffen, ein Visum für die Einreise in die USA – die Warenliste ist lang. Es gibt Sonderangebote und saisonale Rabatte wie auf legalen Plattformen im Internet. Gezahlt werden soll in der virtuellen Währung Bitcoin. „Lieferung per Paket“, versprechen die anonymen Händler.

„Leider haben Kriminelle erkannt, dass man mit Tor auch Schindluder treiben kann“, sagt Jens Kubieziel vom Verein Zwiebelfreunde, der Server für das Tor-Netzwerk betreibt. Die Kriminalität im Darknet sei für Nutzer deutlich sichtbar, weil sich Kriminelle in Sicherheit wähnten. „Man muss nicht in eine zwielichtige Ecke der Stadt gehen, um Drogenverkäufern zu begegnen.“

Auch das Bundeskriminalamt (BKA) beschäftigt sich mit den Geschäften in der Halbwelt des Netzes, gibt sich auf Nachfrage unserer Zeitung aber wortkarg: „Uns ist der Themenkomplex Darknet und dessen Nutzungsmöglichkeiten für Kriminelle sowie mögliche kriminalpolizeiliche Bekämpfungsansätze bekannt“, sagt Barbara Hübner vom BKA. Es handele sich um ein globales Phänomen, zu dem sie aus kriminaltaktischen Gründen aber keine Angaben machen könne.

In den Foren des Darknets ist von Vorsicht oder gar Angst vor Ermittlungsbehörden noch wenig zu spüren. Ganz offen werden „Partner für die Geldwäsche“ gesucht, und verbotene Waren angeboten. Redefreiheit wird in vollen Zügen praktiziert – es gibt Blogs über alltägliche Dinge wie Kochrezepte, andere verbreiten ungestört radikale Botschaften. Das Tor-Netzwerk wirkt wie das Internet in den 1990er-Jahren – ungeordnet und scheinbar anonym. Der Anonymisierungsprozess verlangsamt es stark, sodass eine alltägliche Nutzung mit multimedialen Inhalten kaum möglich ist. „Was zählt, ist die Idee eines Netzwerkes, in dem man nicht jederzeit überwacht wird“, meint Noack vom CCC. „Da können sich andere Netzanbieter eine Scheibe von abschneiden.“ Schicht für Schicht.

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