Youtube Premium im Test Das kann der neue Premium-Service von Youtube

Youtube will mit seinem neuen Premiumdienst Netflix und Co. Konkurrenz machen. Doch lohnen sich die 11,99 Euro im Monat für Youtube Premium?
11.07.2018, 18:31
Lesedauer: 4 Min
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Das kann der neue Premium-Service von Youtube
Von Patrick Reichelt

Im allerersten Youtube-Video steht ein junger Mann vor einem Elefanten-Gehege im Zoo. „Sie haben wirklich lange Rüssel. Das ist cool“, sagt er. Ein wackeliger Kameraschwenk auf die Tiere – und schon ist der Clip vorbei. Hochgeladen wurde das Filmchen im April 2005 von dem Mann im Video, einem der Gründer der Plattform.

13 Jahre später gehören Tiere immer noch zu den beliebtesten Video-Themen. Doch sonst hat sich viel verändert: Youtube ist mit mehr als einer Milliarde Nutzern die mit Abstand populärste Videoplattform der Welt. Ganze Marketingstrategien befassen sich nur mit der Streaming-Plattform. Youtuber oder Influencer ist mittlerweile zu einem eigenen Beruf geworden.

Viele junge Menschen himmeln nicht mehr die Musiker auf der Bühne an, sondern die Stars auf Youtube. Diese riesige Fangemeinde will sich der Mutterkonzern Google nun zunutze machen und bläst mit seinem neuen Premiumdienst zum Angriff auf Netflix, Amazon, Spotify und Co. Doch lohnen sich die 11,99 Euro im Monat für Youtube Premium?

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Mit der Namensgebung für seine neuen Produkte hat sich Google zunächst keinen großen Gefallen getan. ‚Youtube Music Premium‘ kostet 9,99 pro Monat und beinhaltet nur einen Dienst zum Streamen von Musik. Das „große“ Abo trägt mit ‚Youtube Premium‘ fast denselben Namen, bietet aber zusätzlich zu der Musik noch weitere Inhalte.

Die komplette Plattform ist dafür werbefrei, die lästigen Werbeclips vor jedem Video fallen somit weg. Auch praktisch: Auf dem Handy ist nun jedes Video speicherbar, um unterwegs sein Datenvolumen zu schonen. Außerdem erhält man Zugriff auf die sogenannten Originals, also die Eigenproduktionen des Dienstes.

Youtube Music unterscheidet sich nur marginal von bekannten Diensten wie Spotify, Deezer oder Apple Music. Ob unterwegs per App oder zu Hause auf dem Rechner – Millionen von Songs stehen zur Auswahl und können gestreamt oder heruntergeladen werden. Außerdem gibt es zahlreiche Playlisten, in ­denen Musik nach unterschiedlichen Stimmungen oder Genres zusammengefasst wird. Hinzu kommen noch viele Musikvideos, die mit den Songs verknüpft sind.

Gratis-Variante mit Werbung

Genau wie die etablierten Musik-Dienste versucht Youtube, die Inhalte auf den jeweiligen Musikgeschmack abzustimmen, und schlägt dafür Künstler, Songs und Playlisten vor. Wie bei Spotify gibt es auch eine Gratis-Variante, bei der die Musik regelmäßig durch Werbeeinblendungen unterbrochen wird. Neben dem Musikbereich sind die exklusiven Serien und Dokumentationen ein Herzstück des neuen Premiumdienstes.

In diesem Bereich gibt es zunächst nur die Inhalte aus den USA mit deutschen Untertiteln zu sehen. Im Herbst will Youtube auch erste „Originals“ aus Deutschland vorstellen. Die Auswahl ist bislang recht dürftig; bis der Dienst die Quantität und Qualität von Netflix oder Amazon Video erreicht hat, dürfte noch einige Zeit vergehen. Derzeit stechen vor allem die Serien „Impulse“ und „Cobra Kai“ heraus.

„Impulse“ ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, gepaart mit Science-Fiction-Elementen. Die Story folgt der 16-jährigen Schülerin Henrietta aus einer Kleinstadt in den USA. Als ein Mitschüler versucht, sie zu vergewaltigen, entdeckt sie ihre Fähigkeit zur Teleportation. Im Verlaufe der Handlung versucht sie, ihre neue Fähigkeit unter Kontrolle zu bringen.

„Cobra Kai“ basiert auf den Karate-Kid-Filmen aus den 1980er-Jahren. Die Handlung setzt dabei 34 Jahre nach dem ersten Film ein; die Schauspieler William Zabka und Ralph Macchio schlüpfen erneut in ihre alten Rollen. Die beiden Kontrahenten haben ihren alten Zwist immer noch nicht beigelegt, die ­Handlung wird aber zunehmend auch auf eine neue Generation von Karatekämpfern verlagert.

Es ist nicht wirklich überraschend, dass Youtube seinen Premiumdienst fast ausschließlich auf eine junge Zielgruppe ausrichtet. Hier liegen schließlich die Wurzeln des Portals. Neben Serien und Filmen gibt es etwa auch einige Comedy-Formate mit US-amerikanischen Youtube-Stars. Ob es demnächst auch deutsche Youtuber auf die kostenpflichtige Plattform schaffen?

Noch etwas unfertig

Erste Anzeichen, dass sich Youtube Premium auch älteren Zuschauern öffnen könnte, gibt es bereits. In der sehenswerten Dokumentation „Kedi“ begleitet die türkische Filmemacherin Ceyda Torun sieben streunende Katzen durch die Straßen Istanbuls. Auch hier besinnt sich Youtube auf seine Wurzeln, Videos von Katzen gingen schließlich schon immer. So kunstvoll und hintergründig wurden sie aber wohl noch nie in Szene gesetzt.

Fazit: Zum Start wirkt Youtube Premium noch etwas unfertig. Die fehlende Synchronisation der Serien und Filme wird viele potenzielle Nutzer ebenso abschrecken, wie die wenigen exklusiven Inhalte. Der reine Musik-Dienst weiß zu überzeugen, bietet jedoch wenig Neues im Vergleich zu den bekannten Anbietern. Entscheidend werden die exklusiven Serien und Filme sein. Kann Youtube hier in Zukunft nicht deutlich nachbessern, könnte dem Premium-Service ein jähes Ende drohen.

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Zur Sache

Apple-Nutzer zahlen drauf

Youtube Premium kostet iOS-Nutzer mehr als Android-Nutzer. Und zwar dann, wenn sie das Abonnement innerhalb der App abschließen. Android-Nutzer zahlen für den vollen und werbefreien Zugriff auf Youtube 11,99 Euro, iOS-Nutzer 15,99 Euro. Noch deutlicher fällt der Unterschied beim Familienabo aus: statt 17,99 Euro (Android) zahlen iOS-Kunden 22,99 Euro. Beim reinen Zugriff auf Youtube Music sind es statt 9,99 Euro 12,99 Euro. Zu den Gründen für den Aufpreis macht Youtube bislang keine Angaben. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass es an der Verkaufsprovision für über den App Store verkaufte Inhalte liegt. Apple berechnet für die Nutzung der Plattform 30 Prozent des Verkaufs- oder Abonnementpreises. Für länger währende Abos sinkt dieser Anteil nach einer gewissen Zeit. Youtube bietet den Abschluss von Abonnements auch außerhalb der iOS- oder Android-App über den Browser an – ohne Aufschlag. Dann entfällt allerdings die Verwaltung aller Abonnements direkt über das iOS-Gerät.

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