Antennenfernsehen in HD - Experten erklären, was Fernsehnutzer bei der Umstellung beachten müssen Das neue DVB-T2 kommt

Bremen. Der Bremer Diplom-Betriebswirt und Fernsehtechniker Joachim Horn erinnert sich noch genau: Als 2004 das analoge Antennenfernsehen eingestellt und stattdessen das digitale, terrestrische Fernsehen DVB-T („Digital Video Broadcasting – Terrestrial) eingeführt wurde, war die Aufregung in Bremen groß. Viele Menschen, die zuvor das analoge Fernsehen genutzt hatten, hätten bis zur Abschaltung gewartet, bevor sie sich nach einer Alternative umsahen.
14.04.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Das neue DVB-T2 kommt
Von Alexandra Knief

Der Bremer Diplom-Betriebswirt und Fernsehtechniker Joachim Horn erinnert sich noch genau: Als 2004 das analoge Antennenfernsehen eingestellt und stattdessen das digitale, terrestrische Fernsehen DVB-T („Digital Video Broadcasting – Terrestrial) eingeführt wurde, war die Aufregung in Bremen groß. Viele Menschen, die zuvor das analoge Fernsehen genutzt hatten, hätten bis zur Abschaltung gewartet, bevor sie sich nach einer Alternative umsahen. „Das führte damals zu viel Stress“, sagt Horn. Vielerorts kam es zu einem Ansturm auf die Fernsehgeschäfte und zu Engpässen bei der Verfügbarkeit der benötigten Receiver. Auch in zahlreichen Hotels, Krankenhäusern oder Seniorenheimen seien damals die Bildschirme schwarz geblieben, zum Teil auch, weil die Betroffenen gar nicht immer wussten, dass das Fernsehprogramm über DVB-T empfangen wird.

Im Mai geht es los

Ende Mai wird nun mit der nächsten großen Umstellung begonnen: Das neue DVB-T2 soll das alte DVB-T schrittweise ersetzen. Auch Bremen gehört neben anderen Ballungsräumen zu den Städten, die bereits in der Startphase der Umstellung dabei sind. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes verfügen mehr als 30 Prozent der Bremer Haushalte über ein DVB-T-Gerät (Stand 2013). Darum setzen Horn und andere Verkäufer darauf, ihre Kunden rechtzeitig über die Umstellung und mögliche Alternativen zu informieren. Denn eines ist laut dem Fernsehtechniker sicher und gilt für Fernsehnutzer und -verkäufer gleichermaßen: „Wenn man gut vorbereitet ist, ist das alles kein Problem.“

Gründe für die Umstellung

Warum also wird die Umstellung überhaupt vollzogen? Was bedeutet das für DVB-T-Nutzer und worauf müssen sie achten, wenn sie sich für das neue Antennenfernsehen entscheiden? Experten erklären die wichtigsten Fakten: „Als DVB-T eingeführt wurde, gab es noch viele Röhrenfernseher und HDTV steckte erst in den Kinderschuhen“, sagt Michael Gundall, Referent für Telekommunikation und Medien bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Heutige Flachbildfernseher sind auf HD-Bilder ausgelegt. Normale Bilder sehen da schon unscharf aus.“ Daher bedarf das digitale Antennenfernsehen nun einer Überarbeitung.

Mit DVB-T2 soll die Bildqualität verbessert und die Programmvielfalt erhöht werden. In Großstädten sollen bereits im ersten Quartal 2017 etwa 40 Sender empfangbar sein – die meisten davon in HD-Qualität. Gleichzeitig belegt der neue Standard weniger Frequenzen zur Übertragung.

Abschaltung von DVB-T

Am 31. Mai beginnt die Startphase der neuen Generation des digitalen Antennenfernsehens in mehreren Ballungsräumen (siehe Karte). Nach Angaben des Plattformbetreibers Media Broadcast sollen die HD-Programme Das Erste, RTL, Prosieben, Sat. 1, Vox und ZDF in dieser Anfangsphase empfangbar sein. Wer will, kann also die Fußball-EM im Juni bereits über DVB-T2 in HD gucken – vorausgesetzt er verfügt über die dafür benötigte Technik.

Der Regelbetrieb in diesen und weiteren Ballungsgebieten wird im ersten Quartal 2017 starten. Spätestens dann müssen Nutzer des alten digitalen, terrestrische Fernsehens handeln, denn zeitgleich endet nach Angaben von Veit Olischläger, Leiter des Projektbüros DVB-T2 HD Deutschland, die Ära der meisten DVB-T-Programme. „Möglicherweise werden die öffentlich-rechtlichen Anstalten für wenige Programme noch einen etwas längeren Nachlauf ermöglichen“, so Olischläger. In den verbleibenden Teilen der Bundesrepublik soll die Umstellung schrittweise bis Mitte 2019 erfolgen.

Kosten für private Sender

Nach Angaben von Olischläger ist die Nutzung der vier privaten Sender in der Startphase erst einmal kostenlos, sofern die angeschafften Geräte des Nutzers für den Empfang von sonst kostenpflichtigen Programmen geeignet sind. Mit Beginn des Regelbetriebes startet eine weitere Freiphase von drei Monaten. „Danach beginnt die Uhr zu ticken und der Nutzer muss monatlich für die privaten Programme einen mittleren einstelligen Eurobetrag zahlen“, sagt Olischläger. Details dazu legt der Plattformbetreiber fest. Beispielsweise können die privaten Sender dann mit gekauften Gutscheincodes oder per Onlineanmeldung freigeschaltet werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender bleiben frei empfangbar.

Alte Fernseher und Receiver

Wer zukünftig auf DVB-T2 umstellen möchte, muss seinen alten Fernseher nicht gleich wegwerfen. Lediglich die alten DVB-T-Receiver können nach der Umstellung nicht mehr weiter verwendet werden. „Diese müssen im Elektroschrott entsorgt werden, nicht im Hausmüll“, warnt Gundall. „In einigen Elektronikgeschäften besteht zudem die Möglichkeit, alte Geräte bei einem Neukauf abzugeben.“ Bei der Antenne, egal ob Dach-, Außen- oder Zimmerantenne, ändert sich laut dem Experten allerdings nichts: „Wer will, kann diese weiterhin verwenden.“

Ist der Fernseher im heimischen Wohnzimmer älter als ein Jahr, ist die Wahrscheinlichkeit laut Gundall groß, dass für einen DVB-T2-Empfang ein zusätzlicher Receiver benötigt wird. In einigen ganz neuen Fernsehgeräten ist die entsprechenden Technologie bereits integriert.

Sogar Röhrenfernseher können weiter verwendet werden. Auch sie brauchen lediglich einen neuen Receiver, empfangen aber natürlich kein Bild in HD. „Wichtig ist hier darauf zu achten, dass der Receiver eine Scartschnittstelle hat“, sagt Gundall. „Die alten Geräte verfügen nicht über die heutigen HDMI-Anschlüsse. Nichtsdestotrotz sollten Röhrenfernsehbesitzer auch über den Kauf eines neuen TV-Geräts nachdenken. „Man sollte überlegen, wie alt der Fernseher ist und ob es sich noch lohnt, einen Receiver zuzuschalten“, sagt der Experte. „Wer ein Empfangsgerät will, muss sowieso investieren.“ Auch im Hinblick auf den Energieverbrauch sei deshalb ein Neukauf eine Überlegung wert. „Röhrenfernseher verbrauchen viel Strom“, so Gundall.

Augen auf beim Gerätekauf

Um Fehlkäufe zu vermeiden, sind geeignete Empfangsgeräte mit einem grünen DVB-T2-HD-Logo gekennzeichnet. Es signalisiert, welche Geräte künftig uneingeschränkt kompatibel zu den neuen in Deutschland eingesetzten Standards sind. Denn nicht überall, wo DVB-T2 draufsteht, steckt auch die richtige Technik drin. „In Ländern, wie Österreich, Frankreich oder Großbritannien gibt es DVB-T2 schon länger“, sagt Gundall. Die Geräte, die dort bereits genutzt werden, sind allerdings für das System in Deutschland nicht zwangsläufig geeignet: Während in anderen Ländern ein sogenanntes H.264-System verwendet wird, setzt man in Deutschland auf eine neue H.265-Technik. „Daher sollte man vorsichtig sein, wenn man ein vermeintliches Schnäppchen aus dem Internet kaufen will“, warnt Fernsehtechniker Horn.

Horns Sorge bezüglich der Receiver-Verfügbarkeit teilt Olischläger nicht. Schon jetzt gebe es vereinzelte Empfangsgeräte, auch Set-Top-Boxen genannt, in verschiedenen Varianten im Handel – in den kommenden Wochen sollen es laut Olischläger noch weitaus mehr werden.

Und vielleicht haben ja auch die „Spätzünder“ von 2004 dazugelernt. Fürs Erste sind alle, die an ihren alten Geräten hängen, noch auf der sicheren Seite. Warten bis die Bildschirme schwarz werden, sollten sie dieses Mal aber nicht.

Startphase DVB-T2 GRAFIK: MEDIA BROADCAST GMBH

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