Chinesischer Konzern will mit Motorola-Kauf sein Handy-Geschäft vor allem in den USA ausbauen

Der sagenhafte Aufstieg von Lenovo

Erst kauft Lenovo die Serversparte von IBM, nun übernimmt das Unternehmen Motorola von Google. Was steckt hinter der Wachstumsstrategie des chinesischen Vorzeigekonzerns?
31.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der sagenhafte Aufstieg von Lenovo
Von Felix Lee
Der sagenhafte Aufstieg von Lenovo

Einst Pionier, jetzt nur noch 1,5 Prozent Marktanteil. Handy-Produktion im neuen Motorola-Werk im texanischen Fort Worth.

Larry W. Smith, dpa

Erst kauft Lenovo die Serversparte von IBM, nun übernimmt das Unternehmen Motorola von Google. Was steckt hinter der Wachstumsstrategie des chinesischen Vorzeigekonzerns?

Kann ein Weltkonzern einer Bildungseinrichtung gehören? In China schon. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften (CAS), eine der wichtigsten staatlichen Denkfabriken, hatte den Firmengründern einst beim Start geholfen und ist bis heute wichtigster Aktionär von Lenovo, dem weltgrößten Hersteller von PCs. Vor rund einer Woche kündigte das Unternehmen an, für 2,3 Milliarden Dollar eine wichtige Serversparte von IBM zu übernehmen. Der Deal war die bislang größte Übernahme eines Technikunternehmens aus China. Und jetzt wird Lenovo von Google auch das Motorola-Handygeschäft übernehmen – für 2,91 Milliarden Dollar.

Der Expansionsdrang des chinesischen Unternehmens kommt nicht von ungefähr. 2005 übernahm Lenovo die PC-Sparte von IBM. Innerhalb eines Jahres vervierfachte man den Umsatz und stieg zum größten PC-Hersteller auf. Der PC-Markt schrumpft aber. Daher ist Lenovo auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Bereits 2013 hat Firmenchef Yang Yuanqing die Geschäftsstruktur neu aufgestellt und von zwei auf vier Sparten ausgeweitet. Neben der PC-Sparte und der Serversparte für Unternehmen will Lenovo auch im Mobilgeschäft und in der Cloud-Sparte zu den Weltmarktführern aufsteigen. In China verkauft Lenovo schon seit einiger Zeit auch erfolgreich Smartphones und Tablets. Aber auch im Cloud-Sektor macht das chinesische Unternehmen seinen Konkurrenten immer mehr Marktanteile abspenstig. Der Cloud-Führer IBM erlitt im vergangenen Quartal in der Volksrepublik einen Umsatzeinbruch von 23 Prozent.

Die Zahl steht sinnbildlich für die gescheiterte Strategie von IBM. Die Amerikaner hatten ihre PC-Sparte 2005 nur deshalb an Lenovo verkauft, um sich auf den Erfolg versprechenden Server- und Dienstleistungssektor für Firmen konzentrieren zu können. Das misslang. Die IBM-Server-Sparte gehört nun mit dem Deal der vergangenen Woche ebenfalls zu Lenovo.

Lenovo gilt in China als Vorzeigeunternehmen. Junge chinesische Wissenschaftler hatten 1984 mit finanzieller Unterstützung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften – also mithilfe des Staates – die Firma unter dem Namen Legend gegründet. Zunächst vertrieben sie lediglich Rechner und Drucker von IBM und Hewlett Packard in China. Eigene Geräte fertigten sie erst Ende der 80er-Jahre.

Doch schon 2004 war Lenovo in China Marktführer. Der Weltmarktanteil lag hingegen noch bei mageren 2,3 Prozent. Das änderte sich schlagartig mit dem Kauf von IBMs PC-Sparte. Deren weltweiter Marktanteil lag bei rund sechs Prozent. Lenovo konnte den Wert bald verdoppeln. Heute zählt Lenovo 27000 Mitarbeiter und verkauft 17 Prozent aller weltweit vertriebenen PCs. Der Umsatz lag 2012 bei fast 30 Milliarden Dollar. Lenovo ist seit 2011 Mehrheitseigner des Aldi-Lieferanten Medion und damit auch auf dem europäischen Markt stark vertreten.

Analysten gehen davon aus, dass Lenovo auch die nun übernommenen x86er-Server von IBM sehr viel besser verkaufen wird als die Amerikaner. Ein Grund könnte die Späh-Affäre der US-Geheimdienste sein. IBM gilt nun als vorbelastet. Zwar tauchen immer wieder Hinweise auf, dass auch chinesische Firmen und der chinesische Staat in großem Umfang weltweit fremde Firmenserver anzapfen. Eindeutig erwiesen ist das aber bislang nicht. China hatte bislang noch keinen Snowden.

Zumindest was den Verkaufspreis der x86-Sparte betrifft, haben die Snowden-Enthüllungen IBM geschadet. Zuvor hatte Lenovo schon einmal Kaufinteresse gezeigt. IBM wollte vergangenes Jahr noch rund sechs Milliarden Dollar für das Tochterunternehmen und gab an, rund vier Milliarden mit diesem Geschäft zu erwirtschaften. Jetzt verkauft IBM die Sparte nur noch für etwas mehr als ein Drittel des ursprünglichen Preises.

Mit Lenovos Übernahme der Handysparte von Motorola will das chinesische Unternehmen vor allem in den USA punkten und Samsung und Apple ihre Spitzenplätze streitig machen. Chinesische Marken haben in den USA bislang einen schweren Stand. Motorola hingegen war lange Zeit sehr beliebt. „Wir wollen ein Global Player im Smartphone-Bereich werden“, kündigte Lenovo-Chef Yang an. Bereits in einem Jahr soll Lenovo 100 Millionen Telefone weltweit verkaufen. Die Marke Motorola sei eine „Abkürzung“ auf den amerikanischen Markt. Ob seine Kalkulation aufgeht, bleibt abzuwarten. Motorola-Handys verkauften sich zuletzt auch in den USA schlecht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+