Trendforscherin Nora Stampfl glaubt nicht an den Erfolg von Diensten wie Nearby Friends von Facebook

„Der Zufall wird ausgeschaltet“

In den USA hat Facebook den Dienst Nearby Friends gestartet, das Unternehmen Foursquare will in den kommenden Wochen mit der App Swarm nachlegen. Die Dienste zeigen Nutzern an, wenn Freunde in der Nähe sind; Ambient Proximity nennt sich das.
15.05.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Der Zufall wird ausgeschaltet“
Von Kathrin Aldenhoff

In den USA hat Facebook den Dienst Nearby Friends gestartet, das Unternehmen Foursquare will in den kommenden Wochen mit der App Swarm nachlegen. Die Dienste zeigen Nutzern an, wenn Freunde in der Nähe sind; Ambient Proximity nennt sich das. Die Trendforscherin Nora Stampfl ist Inhaberin des f/21 Büros für Zukunftsfragen in Berlin. Kathrin Aldenhoff sprach mit der 42-Jährigen über die neuen Dienste, Privatheit und Blutwerte auf Facebook.

Haben Dienste wie Swarm oder Nearby Friends von Facebook in Deutschland, wo der Datenschutz viel ernster genommen wird als in den USA, überhaupt eine Chance?

Stampfl: Die Vorgänger der Dienste haben mit exakten Lokationsdaten gearbeitet. Das wurde nur mäßig angenommen. Jetzt versuchen die Firmen ihr Glück erneut mit einer abgepufferten Version, bei der nicht die exakten Lokationsdaten mitgeteilt werden. Das Hindernis wird meiner Meinung nach aber nicht in erster Linie der Datenschutz sein, sondern ein grundlegendes menschliches Bedürfnis: nämlich ob die Leute stets preisgeben wollen, wo sie sind. Keiner will das Gefühl haben, dass ihm hinterhergeschnüffelt wird. Wenn man einen Menschen gut kennt, dann wird man in den meisten Fällen auch bei ungefähren Ortsangaben wissen, wo er sich exakt aufhält.

Die Dienste sollen spontane Treffen erleichtern. Zum Beispiel bei einem Konzert, wo man sich sonst vielleicht nicht begegnen würde.

Ich frage mich, wie realistisch das ist. Ist es wirklich so, dass zufällig zehn Freunde von mir auf dem Konzert sind? Will ich mich immer mit irgendjemandem treffen, nur weil er in der Nähe ist? Es scheint mir eher, dass den Leuten ein Bedürfnis eingeredet wird, wo in Wirklichkeit handfeste kommerzielle Interessen dahinterstecken. Ich weiß nicht, ob die Vorgängerdienste nicht angenommen wurden, weil die Datenschutzbedenken so groß waren oder schlicht weil solche Dienste auf unzureichende Nachfrage stoßen. Wer schwirrt schon plan- und ziellos durch die Gegend und hat Zeit und Interesse, sich wahllos mit jemandem zu treffen, nur weil derjenige gerade in der Gegend ist?

Besteht die Gefahr, dass mit solchen Diensten die Privatheit verloren geht? Wenn ich nicht mehr in Ruhe allein Kaffee trinken kann, weil immer einer in der Nähe sein und vorbeikommen könnte?

Diese Gefahr besteht. Jeder von uns hat das Bedürfnis, mal für sich zu sein oder mit bestimmten Menschen zusammen zu sein. Und sich nicht ständig mit einer Traube wahllos zusammengewürfelter Menschen zu umgeben. Das wirft schon ein anderes Licht auf Privatheit. Denn Ortsdaten sind sehr aufschlussreich. Wenn ich die Orte kenne, wo sich jemand herumtreibt, dann weiß ich in Wahrheit viel mehr. Ich kenne auch Interessen, ich weiß ganz viel über das Leben und den Tagesablauf dieser Person. Diese vermeintlich unsensiblen Daten entwickeln dann indirekt jede Menge Sprengkraft.

Wie entwickelt sich unser Gefühl von Privatheit?

Das kann man nicht generell beantworten. Es gibt Menschen, die sich gegen Facebook und die Welle des Offenlegens wehren, und die, die diese Tendenzen für gefährlich halten. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die alles von sich preisgeben und Einblicke in ihre Intim- und Privatsphäre gewähren, wie das für andere völlig undenkbar wäre.

Die Frage ist, wird man sich da noch rausziehen können? In den Anfangstagen des Mobiltelefons war es in Ordnung, das Gerät auch mal auszuschalten. Heute wird jederzeitige Erreichbarkeit erwartet.

Ähnlich könnte es mit den Ambient-Proximity-Diensten sein. Errege ich in dem Moment einen Verdacht, indem ich entscheide, meine Ortsdaten nicht übermitteln zu wollen, und den Dienst ausschalte? Hier wird sozialer Zwang ausgeübt. Bei Facebook und anderen Netzwerken heute nicht mitzumachen, bedeutet beinahe, ins soziale Aus zu geraten.

Manche teilen online mit, wann sie welche Strecke gelaufen sind und wie viele Kalorien sie dabei verbraucht haben. Wo ist die Grenze bei der Freigabe von Daten? Veröffentlichen wir irgendwann auch unsere Blutwerte auf Facebook?

Die Frage ist ja auch, wen das interessiert. Ich finde es schon fragwürdig, welche Ziele sich zum Beispiel die Anhänger der Quantified-Self-Bewegung stecken und was alles vermessen wird. Anzustreben, möglichst viele Schritte zu gehen oder möglichst viele Seiten zu lesen und solche Kenngrößen dann minutiös zu messen – ist das tatsächlich der Schritt zu einem besseren Leben? Mit der Vermessung des Lebens wird alles auf rein quantitative Größen heruntergebrochen, was Dingen Objektivität und Eindeutigkeit verleihen soll. Vergessen wird dabei, dass auch Zahlen nicht so objektiv sind, wie sie vorgeben zu sein, und dass qualitative Ziele und alles Unmessbare dabei völlig unter den Tisch fallen.

Die Menschen in den USA sind beim Thema Daten freigiebiger als Deutsche. Hinkt Deutschland da hinterher?

Ich störe mich an dem Begriff hinterherhinken. Ein freierer Umgang mit Daten, eine geringere Wertschätzung von Privatheit und Datenschutz ist ja nicht unbedingt das, was wir anstreben müssen. Amerikaner gehen anders mit dem Konzept Privatheit um. Denken Sie nur an typische amerikanische Wohnhäuser. Keine Hecke um den Garten, die Blicke abwehrt, und auch keine Vorhänge vor den Fenstern. Bei uns lässt man sich nicht so bereitwillig ins Wohnzimmer blicken. Amerikaner reden sehr offen über ihr Einkommen, auch das ist bei uns anders. Ich würde nicht sagen, das eine ist fortschrittlicher als das andere. Es ist schlicht ein anderer Umgang mit dem Thema.

Dahin gehend geht es bei den Ambient Proximity-Diensten um grundlegende menschliche Bedürfnisse. Dass man auch mal eine Auszeit braucht, dass man nicht immer offen sein will für beliebige persönliche Kontakte. Dass man nicht das Gefühl haben möchte, verfolgt zu werden. Diese Bedürfnisse gibt es in den USA genauso wie in Deutschland.

Sie prognostizieren den Diensten also keine rosige Zukunft?

Diese Dienste werden bestimmt ihre Nischen finden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auf breiter Front angenommen werden. Dafür sehe ich auch noch einen Grund, der abseits von Datenschutz und Privatsphäre liegt. Solche Dienste fördern das Zusammenbringen von Gleichgesinnten, sie zielen auf gleiche Interessen, auf Gemeinsamkeiten. Das lässt keine Räume mehr, um zufällig Leute kennenzulernen. Der Zufall wird ausgeschaltet. Und das wird diese Dienste langfristig langweilig erscheinen lassen.

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