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Die Masche mit dem Finanzamt

Bremen. Es ist Anfang Oktober, ein Dienstagvormittag. Das Telefon klingelt beim Ehepaar Fehlberg aus Schwachhausen.
08.12.2016, 00:00
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Die Masche mit dem Finanzamt
Von Marlo Mintel

Bremen. Es ist Anfang Oktober, ein Dienstagvormittag. Das Telefon klingelt beim Ehepaar Fehlberg aus Schwachhausen. Rita Fehlberg, 62, nimmt den Hörer ab. Es soll ein Telefonat mit Folgen werden.

Ein Mann ist am Ende der Leitung, gibt an, er sei vom Finanzamt. Der Unbekannte teilt ihr mit, er habe den Fehlbergs ein Informationsschreiben zu der Kontonummer zukommen lassen, das jedoch nicht zugestellt und ihm wieder zurückgeschickt wurde. Er müsse nun sicherstellen, ob die Daten auch übereinstimmen. Er nennt die korrekte Adresse des Ehepaars. Im Verlauf des kurzen Gesprächs weist der Mann darauf hin, dass er ihr Geburtsdatum erfragen müsse, berichtet Rita Fehlberg. Damit er sichergehen kann, dass sich die richtige Gesprächspartnerin am Telefon befindet. „Da bin ich dann darauf hereingefallen“, sagt Rita Fehlberg und nennt es ihm. Anschließend antwortet der Unbekannte, das Geburtsdatum sei korrekt und er werde das Dokument erneut zusenden. Kurze Zeit später endet das Gespräch. Auf das Dokument wartet das Ehepaar noch heute. Betrug?

„Wenn am Telefon einer irgendwelche Daten von einem möchte, ob Behörde oder nicht, immer ein gesundes Misstrauen an den Tag legen. Das ist das A und O“, sagt Nils Matthiesen, Sprecher der Polizei Bremen. Im Fall der Fehlbergs ist es bereits zu spät.

Die Ehefrau erzählt ihrem Ehemann, dem 76-jährigen Udo Fehlberg, von dem Telefonat. An einen Betrug habe seine Frau in dem Moment „nicht die Bohne daran gedacht“, sagt er. Doch die Zweifel kommen, als die ersten Bestellungen vom Telefonanbieter O2 ein paar Tage später ins Haus der Familie flattern – unter anderem für zwei iPhone 6 S Plus im Wert von jeweils knapp 1000 Euro. Prompt folgen die ersten Rechnungen über insgesamt 9,98 Euro Lieferkosten.

Das Ehepaar schaut sich die Rechnungen näher an. Ihnen fällt auf, dass die Rechnungsanschrift übereinstimmt, die Lieferadresse aber eine andere ist. Ein Mehrfamilienhaus, zwar auch in Schwachhausen, aber mit dem Auto rund sieben Minuten vom Wohnhaus der Fehlbergs entfernt. Nicht die einzige Unstimmigkeit. Es heißt in dem Schreiben, dass der offene Rechnungsbetrag von einem Konto bei der Postbank abgebucht wird. Dort besitzen die Fehlbergs aber keine Bankverbindung. „Daher war ich zunächst sorglos“, sagt Udo Fehlberg. Er sucht am nächsten Tag die Filiale des Telefonanbieters in der Sögestraße auf. Der 76-Jährige macht deutlich, dass er zwar ein Handy habe, aber keinen Vertrag bei der Firma O2.

Die Betrugsmasche mit dem vermeintlichen Beamten vom Finanzamt ist der Polizei neu, das Betrugssystem an sich aber nicht. Bereits im Sommer und im Spätsommer habe man diese Masche in verschiedenen Formen in Bremen erlebt, sagt Polizist Matthiesen – unter anderem mit Bremer Prominenten. Hier wurde es den Betrügern besonders leicht gemacht. Schließlich sind die Daten der Prominenten öffentlich zugänglich. Über das Internet erfolgten Bestellungen über deren Namen. Wie im Fall Fehlberg stimmte die Rechnungsadresse überein, die Lieferadresse allerdings nicht.

Bei den Lieferungen gebe es zwei Varianten, sagt Matthiesen. Bei der ersten Variante werden die Pakete abgefangen. „Nach dem Motto: Ist das die Post für so und so? Ja, das ist die Post für so und so!“, erklärt er. Bei der zweiten Variante wird ein Briefkasten provisorisch in einem Mehrfamilienhaus angeschraubt. Die Täter warten ab, bis der Post- oder Paketbote mit der Sendung eintrifft und sie in den Postkasten wirft. Anschließend nehmen die Täter den Briefkasten wieder mit. Ob es bei den Fehlbergs auch so abgelaufen ist?

Mitte Oktober, die Fehlbergs erhalten wieder Post, wieder von O2. „Dann kamen die dicken Rechnungen“, sagt Udo Fehlberg – die für die zwei iPhones. Er schickt einen Widerspruch per Fax nach München, wo Telefónica Germany sitzt. O2 ist die deutsche Marke des spanischen Telekommunikations-Konzerns. Im Fax fordert der Bremer die Firma dazu auf, ihm keine weitere Post mehr zukommen zu lassen. Außerdem sucht er ein weiteres Mal die Filiale in der Sögestraße auf. Dort teilt man ihm mit, es könnte sich um einen Betrugsfall handeln. Man rät ihm, damit zur Polizei gehen, was Fehlberg auch wenige Tage später macht. Er erstattet Anzeige wegen Betrugs.

Auch Gebriele Zeugner von der Verbraucherzentrale Bremen rät in solchen Fällen zur Anzeige. Geht es im Betrugsfall um Smartphones, empfiehlt die Expertin, ein Einschreiben mit Rückschein direkt an den Telefonanbieter zu schicken. Darin soll der Hergang kurz geschildert werden. „Denn in der Beweisverpflichtung, dass ein Vertrag abgeschlossen wurde, ist immer der Anbieter. Und, dass der Kunde über sein Widerrufsrecht informiert worden ist“, fügt sie hinzu.

Beim Widerrufsrecht ist zwischen dem Fernabsatz und den sogenannten Außergeschäftsraumverträgen zu unterscheiden. „Fernabsatz bedeutet, wenn ich körperlich beim Vertragsschluss nicht zugegen bin. Etwa, wenn ich telefonisch etwas mache, am Computer sitze, Waren im Katalog bestelle“, so Zeugner. Dann kann der Kunde ohne Angabe von Gründen innerhalb von 14 Tagen den Vertrag widerrufen. Darüber müsse der Käufer belehrt werden, sagt sie. Diese 14-tägige Frist beginnt erst, wenn der Kunde ordnungsgemäß informiert wurde. So, wie eben bei den Außergeschäftsraumverträgen: „Der typische Fall: Ich werde vor dem Bahnhof angesprochen oder es klingelt an meiner Haustür“, sagt Zeugner. Auch hier hat der Kunde das Widerrufsrecht und muss darüber belehrt werden. Erst dann beginnt die Frist. „Wenn ich nichts in der Hand habe, mir nichts ausgehändigt wurde und ich niemals belehrt worden bin, dann kann ich eben später widerrufen“, erklärt die Expertin.

Niemals belehrt wurden die Fehlbergs. Dennoch erhält das Ehepaar Anfang November eine Mahnung von O2 für die Lieferkosten der Smartphones, die sie weder bestellt, noch erhalten haben. „Da wurde mir klar, jetzt wird es ernst“, sagt Udo Fehlberg. Zwei Wochen später folgt die zweite Mahnung. Er fragt in der Filiale in der Sögestraße nach, welche Konsequenzen die Mahnung mit sich bringt. Dort heißt es: „Wir gehen damit zu einem Inkassounternehmen und der kommt dann zu Ihnen“, berichtet Fehlberg.

Dazu kommt es nicht. Am vergangenen Wochenende entschuldigt sich der Telefonanbieter per Post bei dem Ehepaar. In dem Schreiben heißt es: „Wir haben den Sachverhalt inzwischen geprüft und dabei festgestellt, dass sowohl Sie als auch wir Opfer eines Datenmissbrauches geworden sind.“ Außerdem werden „aufgrund dieses Sachverhalts selbstverständlich keinerlei Ansprüche gegen Sie geltend gemacht.“

Auf Nachfrage des WESER-KURIER heißt es vonseiten des Telefonanbieters: „Wir haben im September Strafanzeige gegen unbekannt gestellt, weil wir auch anderere Fälle hatten. Das ist im August zum ersten Mal vorgekommen“, erklärt Telefónica-Sprecherin Julia Hoffstaedter. Aber warum hat bei diesem Kenntnisstand die Firma O2 dann noch weitere Rechnungen und Mahnungen an das Ehepaar Fehlberg geschickt? „Ich will nicht ausschließen, dass die Faxe von der Familie nicht bearbeitet worden sind, weil wir in den letzten Wochen in der Erreichbarkeit der Hotline und der Servicekanäle einige Probleme hatten“, so Hoffstaedter. „Dann kann es natürlich sein, dass es nicht bearbeitet wurde. Dann geht der Mahnprozess unabhängig davon weiter, weil das noch nicht aufgenommen wurde.“ Man bedauere den Vorfall, sagt sie.

Bei den Fehlbergs herrscht Erleichterung. „Ich habe dann zu meiner Frau gesagt: Pass mal auf. Das mit dem Geburtsdatum war nicht toll. Aber, es ist wieder alles im Lot“, so Fehlberg, der ein Resümee zieht: „Der Geschädigte ist tatsächlich nur die Telefongesellschaft, die Unannehmlichkeiten hat der Verbraucher.“

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