Oliver Dehning vom Verband der Internetwirtschaft über die Chancen und Risiken des vernetzten Autos „Es geht um Leib und Leben“

Das amerikanische IT-Beratungsunternehmen Gartner prognostiziert, dass die Zahl vernetzter Autos sich bis 2020 auf 250 Millionen verzehnfachen könnte. Wie sehen Sie diese Entwicklung?Es wird ja im Moment viel über das Internet der Dinge geredet. Aber man muss auch über die Frage reden, ob man jedes Gerät, das man ans Internet hängen kann, auch wirklich ans Internet hängen sollte.
07.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Es geht um Leib und Leben“
Von Nikolai Fritzsche

Das amerikanische IT-Beratungsunternehmen Gartner prognostiziert, dass die Zahl vernetzter Autos sich bis 2020 auf 250 Millionen verzehnfachen könnte. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Es wird ja im Moment viel über das Internet der Dinge geredet. Aber man muss auch über die Frage reden, ob man jedes Gerät, das man ans Internet hängen kann, auch wirklich ans Internet hängen sollte. Im Fall des Autos gibt es kein klares Ja oder Nein.

Was spricht dafür, was dagegen?

Zunächst muss man zwischen verschiedenen Funktionen unterscheiden. Bei sicherheitsrelevanten Dingen wie der Motorsteuerung und der Bremse geht es um Leib und Leben. Bei Komfort-Aspekten wie dem Funkschlüssel oder der Heizung und Mediensystemen wie Navigation und Smartphone-Anbindung sind die Gefahren vergleichsweise geringer.

Sollten Sicherheitsfunktionen also vom Internet getrennt bleiben?

Das ist nicht leicht zu entscheiden. Denn den Gefahren steht ein Gewinn an Sicherheit gegenüber. Es ist ja durchaus nützlich, wenn ich mein gestohlenes Auto per Smartphone lahmlegen kann. Das Problem ist nur: Wenn der Besitzer das kann, kann das auch ein Hacker.

Welchen Schaden könnte der anrichten?

Wenn die Motorsteuerung mit dem Internet verbunden ist, kann ein Hacker von überall auf der Welt einen Unfall verursachen. Dadurch kann er eine Straße lahmlegen oder sogar Autos für Anschläge benutzen. Wenn jemand beispielsweise ein Attentat auf einen Politiker plant, kann er sich in die Motorsteuerung einhacken und das Auto in einer engen Kurve Vollgas geben lassen. Gas- und Bremspedal funktionieren ja bei neuen Autos nicht mehr mechanisch, sondern elektronisch. Wenn ein Hacker dem Computer meldet: „Der Fahrer will beschleunigen“, dann ist der Fahrer machtlos und es kommt zum Unfall.

Sind die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander und die Versuche mit autonom fahrenden Autos nicht ebenso riskant?

Die Fahrzeuge untereinander zu vernetzen, birgt weniger Gefahren, als wenn sie mit dem Internet verbunden sind. Letztlich ist aber auch so ein räumlich begrenztes Netzwerk angreifbar, wenn sich jemand in der Nähe befindet, der sich einhacken will.

Warum treiben die Hersteller diese Entwicklung trotzdem voran?

Weil sie das Autofahren deutlich sicherer machen kann.

Wie bitte?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Kolonne. Das vorderste Auto bremst, weil ein Kind auf die Straße gelaufen ist. Was passiert heutzutage? Ein Auffahrunfall. Wenn ihr Auto aber mit den davor und dahinter fahrenden vernetzt ist, bremsen alle Autos und der Unfall bleibt aus. Wenn die menschliche Reaktionszeit wegfällt, können Fahrzeuge sogar dichter hintereinander fahren. Dadurch könnten beispielsweise in der Stadt Ampelphasen kürzer sein, sodass der Verkehr schneller fließt.

Sie sind also für das vernetzte Auto?

Grundsätzlich ja. Denn wie viele Unfälle werden dadurch verhindert? Wahrscheinlich sehr viele. Wie oft wird es zu Hacker-Angriffen kommen? Vermutlich selten. Vorausgesetzt, man macht die Netzwerke so sicher wie irgend möglich. Dann ist es sinnvoll, so eine Funktion einzubauen, obwohl man ein neues Einfallstor öffnet.

Sind Ihnen schon Hackangriffe auf Autos bekannt?

Nein. Noch sind die sicherheitsrelevanten Funktionen wie die Motorsteuerung und die Bremsen von Medienfunktionen wie Navigationssystem und Smartphone-Anbindung getrennt.

Welche Gefahren lauern in der Verbindung von Unterhaltungselektronik oder Navigationssystem mit dem Internet?

Da geht es um den Datenschutz. Wenn Sie beispielsweise ihre Heimatadresse im Navigationssystem speichern, das mit ihrem Smartphone verbunden ist, kann ein Hacker feststellen, dass Sie gerade in Spanien im Urlaub sind. Vermutlich steht ihr Haus also leer und er kann einbrechen.

Können die Hersteller ihre Autos nicht schützen?

Doch. Indem sie die Netzwerke gegen solche Angriffe sichern. Aber 100 Prozent sicher gibt es nicht. Es gibt immer eine Lücke, und wer sich gut auskennt und es darauf abgesehen hat, kann sie finden.

Was können Autofahrer tun?

Gegen Hackerangriffe: wenig bis nichts. Da sind die Hersteller in der Pflicht. Was Autofahrer aber tun können, ist das, was sie auch bei Smartphones und Computern machen sollten: vorsichtig mit ihren Daten umgehen.

Vernetzte Autos verhindern Unfälle und werden von Hackern angegriffen – wann könnte das Realität werden?

Ich kann mir vorstellen, dass frühestens in fünf bis zehn Jahren autonom fahrende Autos am Verkehr teilnehmen. Das Gleiche gilt für Autos, die zwar einen Fahrer haben, aber mit anderen Autos vernetzt sind und in Gefahrensituationen automatisch bremsen. Ich rate den Herstellern, bei der Entwicklung immer an die Netzwerksicherheit zu denken. Diese Sicherheit, und nicht nur Unterhaltungsfunktionen, sollten sie als Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz nutzen.

Oliver Dehning (52) ist Geschäftsführer einer Hannoveraner Firma für Datensicherheit. Im Verband der deutschen Internetwirtschaft leitet er die Kompetenzgruppe Sicherheit. Zudem ist er im Bundesverband IT-Sicherheit aktiv.

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