FIFA 22 im Test

Jetzt ertönt auch das Nebelhorn im Weserstadion

Auch FIFA 22 macht Spaß – bietet aber auf den neuen Konsolen wenig Mehrwert. Immerhin ertönt bei Werder-Toren jetzt das Nebelhorn im Stadion. Der Test zum neusten Ableger der beliebten Fußballsimulation.
09.10.2021, 02:12
Lesedauer: 5 Min
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Jetzt ertönt auch das Nebelhorn im Weserstadion
Von Patrick Reichelt

Fans des SV Werder Bremen dürfen sich bei FIFA 22 auf noch authentischere Heimspielatmosphäre freuen. Das Nebelhorn, das bei jedem Heimtor das Weserstadion zum Kochen bringt, ertönt jetzt auch am virtuellen Osterdeich. Das führt uns auch gleich zur größten Stärke des neuen FIFA 22, welches an diesem Freitag (1. Oktober) erscheint: Die Stadionatmosphäre.

Ob "You'll Never Walk Alone" beim FC Liverpool, "Heja BVB" in Dortmund oder eben das Nebelhorn: Entwickler Electronic Arts (EA) hat besonders bei den Traditionsklubs eine Schippe musikalische Authentizität draufgepackt. Auch die Stadionsprecher melden sich jetzt häufiger zu Wort, hinzu kommen viele originale Torhymnen. Kurz: Man wähnt sich bei manchen Klubs mitten im Stadion. 

So sehen die Werder-Spieler bei FIFA 22 aus

Dass derlei Kleinigkeiten so stark hervorgehoben werden müssen, verdeutlicht aber, woran es bei FIFA seit Jahren krankt: Große Sprünge sind bei der jährlichen Neuauflage des Sportspiels nicht drin. Auch dieses Jahr ist es wieder mehr vom Gleichen. Zwar wurde FIFA 22 hier und da etwas verbessert – unter dem Strich sieht es aber ähnlich aus, hört sich ähnlich an und spielt sich ähnlich wie der Vorgänger. Und das trotz des Sprungs auf die neuen Konsolen Playstation 5 und Xbox Series X.

Gameplay

Das Herzstück ist bei FIFA das Gameplay – und hier sind durchaus Unterschiede zum vergangenen Jahr spürbar. Das Spiel wirkt insgesamt etwas langsamer, um nicht zu sagen gemächlich. Und das ist gar nicht negativ gemeint, der Fokus verschiebt sich bereits seit Jahren in Richtung Spielaufbau und Passspiel.

Das Geschehen auf dem Rasen wirkt dadurch insgesamt flüssiger und weniger abgehackt. Dadurch dass die Partien insgesamt entschleunigt wurden, kommt das Tempo von schnellen Spielern wie Jadon Sancho oder Alphonso Davies wieder mehr zur Geltung. Ein kurzer, gezielter Sprint führt nun oft zu einer Torchance. Davon benötigt man auch einige, denn die Torhüter wurden noch einmal verbessert und halten mehr Bälle als früher. Bei sehr starken Keepern wie Manuel Neuer, der fast jede Flanke aus dem Strafraum pflückt, kann das mitunter aber frustrieren.

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Positiv fallen die neuen Animationen auf, im Marktingsprech von EA "Hypermotion" genannt. Bei dem Verfahren wurden vom Entwickler per Motion Capturing komplette Trainingsspiele (11 gegen 11) mit Superstars wie Kylian Mbappé und Eden Hazard aufgezeichnet. Um die großen Datenmengen zu verarbeiten, half eine KI. 

Besonders im Abwehrverhalten fallen die neuen Animationen auf: Die Bewegungen wirken flüssiger und natürlicher, auch Kleinigkeiten wie eine Hand im Gesicht werden nun glaubhaft dargestellt.

Spielmodi

Wie beim Vorgänger gibt es wieder die klassischen Modi: schnelles Spiel, Karriere als Spieler und Manager, Online-Saison, Pro Clubs und Volta. Herzstück ist nach wie vor das Sammelkartenspiel Ultimate Team. Mit viel Zeit und Geduld – oder eben echtem Geld – lässt sich hier das eigene Traumteam zusammenstellen, um dann online gegen andere Spieler anzutreten. Auf eine Story wurde sowohl bei Volta als auch im Karrieremodus diesmal verzichtet – was absolut verschmerzbar ist, der beste Geschichtenerzähler war EA noch nie.

Bei allen Modi wurden nur kleinere Änderungen vorgenommen. Positiv fällt auf, dass man im Karrieremodus als Manager nun ein eigenes Team erstellen kann. Vom Wappen über das Trikot bis hin zum Rasenmuster im Stadion lässt sich alles individuell einstellen. Leider kann man nur die Gesamtstärke des Teams (einen bis fünf Sterne) festlegen – danach bekommt man ein Team aus generierten Spieler vorgesetzt. Warum hier nicht jeder Spieler selbst erstellt werden kann, bleibt das Geheimnis des Entwicklers.

Mit Arcade wird der Volta-Modus nun etwas aufgelockert: Bis zu vier Mitspieler können in Minispielen gegeneinander antreten. Neben Fußballtennis und Völkerball gibt es noch sechs weitere Spiele. Warum dieser Modus nur am Wochenende zur Verfügung steht und nur online gespielt werden kann – auch diese Entscheidung ist nicht nachvollziehbar. Partyspiele dieser Art sind doch perfekt für einen gemeinsamen Abend vor der Konsole!

Grafik

Neben den bereits angesprochenen neuen Animationen hat sich bei der Grafik augenscheinlich wenig getan. Gerade bei einem Sprung auf die neue Konsolengeneration hätte man durchaus mehr erwarten können.

Was allerdings nicht bedeutet, dass FIFA 22 schlecht aussieht: Das Bild wurde gefühlt etwas aufgehellt und die Spielergesichter sind noch detaillierter. Hier ist das Gefälle aber groß: Während bei Werder bekanntere Spieler wie Weiser, Bittencourt oder Pavlenka auf den ersten Blick gut erkennbar sind, kamen bei Dinkci oder Jung Standardköpfe zum Einsatz. Generell unterscheidet sich die Grafik nicht deutlich genug vom Vorgänger. Sehr angenehm sind die nicht mehr vorhandenen Ladezeiten, wodurch die Minispiele vor jeder Partie wegfallen. 

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Sound

Wie bereits angesprochen ist gerade die Soundkulisse in den Stadien über (fast) jeden Zweifel erhaben. Fangesänge und Torhymnen geben der Atmosphäre einen guten Schub. Weiterhin ärgerlich sind die Kommentatoren: Wolff-Christoph Fuss und Frank Buschmann erzählen sich dieselben Plattitüden und Floskeln wie bei ihrer Premiere vor fünf Jahren. Hier wird es endlich Zeit für einen Wechsel, gute Sportreporter gibt es in Deutschland schließlich genug. Wer möchte, kann immerhin auch andere Sprachpakete herunterladen und dann den englischen oder spanischen Kollegen lauschen.

Fazit

Alter Wein in neuen Schläuchen, jährlich grüßt das Murmeltier, Evolution statt Revolution – es gäbe genug Floskeln, um die Spielereihe FIFA zu beschreiben. Und doch ist das Spiel immer wieder aufs Neue eines der meistverkauften Spiele des Jahres und beschert dem Hersteller Milliardenumsätze. Viele Spieler sehen offenbar darüber hinweg, dass sich wenig tut. Oder macht genau das den Erfolg aus?

Auch die nicht vorhandene Konkurrenz wird ein Faktor sein. Konami hat sich mit der Umstellung von Pro Evolution Soccer zum Free-to-Play-Titel leider komplett als erst zu nehmende Alternative disqualifiziert.

Unterm Strich macht auch FIFA 22 wieder viel Spaß, vor allem daheim oder online gegen Freunde. Auf den neuen Konsolen wird aber für circa 70 Euro zu wenig Neues geboten. Bis auf das Nebelhorn im Weserstadion natürlich.

Bewertung

  • Umfang: 5/7
  • Grafik: 5/7
  • Ton: 6/7
  • Steuerung: 6/7

FIFA 22 ist verfügbar für PC, Playstation 4, Xbox One, Nintendo Switch, Playstation 5 und Xbox Series X/S.

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