Made in Bremen: Rightmart will die Anwaltsbranche umkrempeln und verlagert seine Kanzlei ins Internet Gleiches Recht für alle

Bremen. Wenn sich alles so entwickelt, wie Rightmart-Mitgründer Marco Klock es sich vorstellt, wird in einigen Jahren der Weg zum Rechtsanwalt nicht mehr in eine herkömmliche Kanzlei führen, sondern ins Internet. Kostengünstig, effizient, mit hoher Qualität und in Echtzeit – so sieht sein Traum aus.
01.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kerstin Loran

Bremen. Wenn sich alles so entwickelt, wie Rightmart-Mitgründer Marco Klock es sich vorstellt, wird in einigen Jahren der Weg zum Rechtsanwalt nicht mehr in eine herkömmliche Kanzlei führen, sondern ins Internet. Kostengünstig, effizient, mit hoher Qualität und in Echtzeit – so sieht sein Traum aus.

Und schon jetzt arbeitet Klock mit seinen Kollegen von Rightmart an dieser Idee. Das heißt: Sobald der Mandant den Sachverhalt anhand eines Fragenkatalogs online eingegeben hat, steht für die Anwälte von Rightmart bereits der fertige, computergenerierte Schriftsatz zur Überprüfung und Weitergabe bereit. Der Mandant bekommt eine direkte Einschätzung, wie hoch sein etwaiger Anspruch ist, mit welcher Wahrscheinlichkeit er sich durchsetzen lässt und gegebenenfalls welche Kosten entstehen.

Viele Arbeitsstunden haben die 13 festangestellten Rightmart-Mitarbeiter in die komplexe Software gesteckt, die ein Teil der Anwaltsarbeit automatisieren soll. Los ging es im Frühjahr 2016: Seitdem überprüft die Software von Rightmart Hartz-IV-Bescheide. Für die Mandanten entstehen keine Kosten, denn die Kanzlei berechnet im Erfolgsfall dem Jobcenter ihre Honorare. Die Erfolgsquote liegt über 40 Prozent.

Die Grundidee hinter Rightmart ist es, alle sich wiederholenden Routineaufgaben vom Computer erledigen zu lassen, damit die Rechtsanwälte die Zeit, die sie so gewinnen, den Mandanten widmen können. „Unser Servicelevel ist verglichen mit einer normalen Kanzlei deutlich höher. Wir sind per Mail, im Chat oder auch auf Facebook für unsere Mandanten erreichbar“, sagt Klock. „Außerdem arbeiten absolute Experten beim Erstellen der Software mit. So erreichen wir eine außerordentlich hohe Qualität, die wir jederzeit reproduzieren können.“ Die Software fährt nicht in den Urlaub, ist nie krank oder verhindert und übergibt den Fall nicht an einen weniger erfahrenen Kollegen.

Dass Rightmart ausgerechnet mit der Überprüfung von Hartz-IV-Bescheiden gestartet ist, sei Zufall. „Wir dachten, dass es ein übersichtliches Rechtsgebiet ist. Aber im Prinzip können wir unser System auf jedes Rechtsgebiet übertragen“, sagt Klock. Die junge Firma residiert in der Bremer Neustadt in einem ehemaligen Modehaus, das eindeutig schon bessere Tage gesehen hat. Wände und Fußböden verströmen das Flair der 70er- oder 80er-Jahre. In jedem Raum verlaufen Ansammlungen von Kabeln, die hinter provisorischen Stellwänden verschwinden, die die einzelnen Arbeitsnischen abtrennen. Auch mit alten Euro-Paletten wird improvisiert. Das sei aber nicht schlimm: Denn wenn die Mandanten im heimischen Wohnzimmer am Rechner sitzen, ist das repräsentative Büro überflüssig.

Derzeit arbeiten in den Räumen vier Rechtsanwälte und vier Softwareentwickler daran, den Computer in Rechtsfragen fit zu machen. Die Geschäftsführung teilen sich die beiden Gründer Marco Klock und Phi­lipp Harsleben mit den erfahrenen Rechtsanwälten Jan Strasmann und Philipp Hammerich. Sie vertreten auch die Internetmandanten vor Gericht, wenn es zu einer Verhandlung kommt. Ganz klassisch mit Schlips, Anzug und Robe. Rightmart ist für Klock und Harsleben nicht das erste Start-up. Sie haben bereits zusammen Edicted gegründet, eine Plattform, die es anderen Kanzleien ermöglicht, kleine Arbeitsaufträge outzusourcen.

Auf die Idee, Rightmart zu gründen, kamen Marco Klock und Philipp Harsleben während des Jurastudiums. Sie wollten nach ihrem Abschluss nicht als Junganwälte in einer großen Kanzlei anfangen und dort langweilige, aber dafür umso arbeitsintensivere Routinefälle bearbeiten. Die Alternative, selbst eine normale Kanzlei zu eröffnen, kam ebenfalls nicht in Betracht, denn die enorme Zahl an Kanzleien in Deutschland macht es gerade für Beginner schwer, profitabel zu arbeiten. Da beide technikaffin sind, ergab sich der Ausweg mit Rightmart fast wie von selbst.

Marco Klock ist selbst ein wenig überrascht, wie wenig Computer und Software bisher den Alltag in Kanzleien bestimmen. „Viele arbeiten noch fast genauso wie vor hundert Jahren, nur dass sie keine Schreibmaschinen mehr benutzen“, sagt er. Nahezu alle anderen Branchen und Berufe hätten sich in den vergangenen Jahren durch die Technik stark verändert, Juristen seien jedoch gut darin, auf dem Status quo zu verharren – auch was das Berufsrecht und das Jurastudium betrifft. Aber Klock ist zuversichtlich, dass sich in Zukunft einiges ändern wird, und wirbt in Vorträgen an Universitäten für die Einführung des Bachelors of Law, denn für viele Jobprofile in modernen, hochtechnisierten Kanzleien sind das 1. und 2. Staatsexamen, wie bisher im Jurastudium vorgesehen, gar nicht nötig.

Auch kleine Kanzleien mit einem oder zwei Rechtsanwälten, die sich immer wieder in unterschiedliche Rechtsgebiete einarbeiten müssen, werden die Konkurrenz aus dem Internet künftig spüren. Sie können zwangsläufig nicht so effizient arbeiten, wie ein Computer. „Die werden Probleme bekommen“, sagt Klock und denkt schon an das nächste vielversprechende Geschäftsmodell. „Es wäre ohne weiteres machbar, anderen Kanzleien, egal ob groß oder klein, unsere Software in Lizenz zur Verfügung zu stellen.“ Doch im Augenblick steht für ihn im Vordergrund, weitere Rechtsbereiche für Rightmart zu erschließen. Über die Internetseite können aktuell neben diversen Bescheiden der Jobcenter, Hartz-IV-Bescheide und Fluggastentschädigungen geprüft werden. Demnächst soll auch die Abwehr von Abmahnungen und Bußgeldbescheiden im Verkehrsrecht online gehen. Bei Rightmart wird enorm viel Arbeitskraft in die Automatisierung gesteckt, und das lohnt sich durchaus auch finanziell: Bisher hat Rightmart 2800 Mandanten betreut, bis Jahresende werden es um die 5000 sein. „Wir rechnen bis dahin mit einem Umsatz von einer Million Euro – ohne dass die Mandanten auch nur einen Cent zahlen mussten“, sagt Klock.

Bei aller Begeisterung für das besondere Geschäftsmodell steht bei Rightmart jedoch immer der Mandant im Vordergrund – das versichert Klock. „Wir wollen qualitativ hochwertige Rechtsvertretung und Beratung für jeden zugänglich und erschwinglich machen. Und wir wollen den Service und die Betreuung der Mandanten verbessern.“ Dazu soll ab dem kommenden Jahr der komplette Vorgang für den Mandanten transparent werden. Ähnlich wie bei der elektronischen Paketverfolgung wird der Mandant, sobald er sich eingeloggt hat, sehen können, was in seinem Fall gerade passiert, und falls nötig darauf reagieren können.

Schon jetzt zeigen die vielen positiven Kommentare von Rightmart-Mandanten im Internet, dass das Start-up aus Bremen einiges richtig macht. Vor allem die Schnelligkeit und der freundliche Service werden gelobt. Dennoch: „Auch wenn wir fast ausschließlich über das Internet und auf eine heute noch etwas unkonventionelle Art arbeiten“, sagt Klock über das Legal-Tech-Unternehmen. „Rightmart ist eine vollwertige Anwaltskanzlei.“

„Wir können unser System auf jedes Rechtsgebiet übertragen.“ Rightmart-Mitgründer Marco Klock
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