Warum sich das mobile Bezahlen mit dem Smartphone in Deutschland bislang nicht durchgesetzt hat

Im digitalen Hintertreffen

Bremen. Wenn man es braucht, ist es meist immer griffbereit – das Smartphone. Nur selten wird es täglich zum Telefonieren genutzt, eher um E-Mails zu checken, in Messenger-Diensten mit Freunden zu chatten oder in sozialen Netzwerken etwas zu posten.
22.12.2016, 00:00
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Im digitalen Hintertreffen
Von Marlo Mintel
Im digitalen Hintertreffen

Schneller Vorgang: Smartphone an das Lesegerät halten und fertig ist der Einkauf. Bei Beträgen bis 25 Euro erfolgt das mobile Bezahlen ohne Unterschrift oder Abfrage der Pin.

Yapital, picture alliance / dpa-tmn

Bremen. Wenn man es braucht, ist es meist immer griffbereit – das Smartphone. Nur selten wird es täglich zum Telefonieren genutzt, eher um E-Mails zu checken, in Messenger-Diensten mit Freunden zu chatten oder in sozialen Netzwerken etwas zu posten. Das Smartphone kann aber noch viel mehr, sogar an der Kasse bezahlen. Anstatt mühsam nach Bargeld zu kramen, zückt man das Mobilgerät, hält es kurz an ein Kartenlesegerät, bestätigt die Zahlung, indem man seinen Daumen auf den Fingerabdrucksensor legt, und fertig. Einen solchen kontaktlosen Vorgang nennen Fachleute mobiles Bezahlen. In vielen Ländern ist das längst Alltag. Nicht in Deutschland. Das legt eine repräsentative Studie des Beratungsunternehmens Deloitte nahe.

Über 2000 Mobilfunknutzer wurden hierzulande nach Angaben von Deloitte mittels einer Online-Befragung nach ihren Gewohnheiten und Präferenzen befragt. Aus dem Report „Mobile Payment“ geht hervor, dass lediglich vier Prozent der Menschen in Deutschland im mobilen Bezahlen einen Nutzen sehen. Im europäischen Vergleich ist Deutschland damit Schlusslicht, der weltweite Spitzenreiter kommt aus Japan. Dort nutzt fast die Hälfte der Bevölkerung diese Bezahlmethode. „Das ist schon ein eklatanter Unterschied“, sagt Ralf Esser, Leiter Technology, Media & Telecommunications bei Deloitte. Doch was haben die Japaner den Deutschen beim mobilen Bezahlen voraus? Es sei eine kulturelle Sache, versucht Esser eine Antwort auf die Frage zu finden. „Die sind ja sowieso technikaffiner.“

Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland findet laut der Befragung die Angebote beim mobilen Bezahlen nicht überzeugend genug – in allen Altersklassen. Besonders gravierend: Bei den über 45-Jährigen haben 97 bis 99 Prozent noch nie per Smartphone bezahlt, zwischen 91 und 95 Prozent bei den 18- bis 44-Jährigen.

Dabei stehen die Bürger den digitalen Geldtransaktionen nicht prinzipiell misstrauisch gegenüber. Viele der Smartphone-Nutzer nehmen immerhin seit Längerem mobile Bank-Aktivitäten wahr. Ein Viertel der Befragten prüft via Mobilgerät den eigenen Kontostand. Aber mit dem Smartphone bezahlen?

Das kommt für die etwa die Hälfte nicht infrage, weil ihnen die Überzeugung fehlt, was am Bezahlen mit dem Smartphone besser sein sollte als etwa mit Bargeld oder der normalen EC-Karte. Ihnen fehlt der Mehrwert. Aber wie kann der erhöht werden?

Eine der Ideen, die nicht nur Deloitte parat hat: die Verknüpfung des Bezahlvorgangs von mobilen Endgeräten mit den Bonus- oder Kundenkarten. Um beim mobilen Bezahlvorgang gleichzeitig mit etwa der Deutschlandcard oder Payback-Punkte zu sammeln. Alles in einem Schritt. „Dann habe ich einen Handgriff weniger, dann spare ich Zeit. Und dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass das Ganze genutzt wird“, sagt Esser.

So sieht es auch Marco Liesenjohann, Bereichsleiter Banking, Financial Services & FinTechs beim Digitalverband Bitkom. „Das könnte einer der wichtigen Ecksteine sein, um das Verfahren in den Markt zu bringen.“ Er vergleicht die derzeitige Situation mit der Einführung des Touch-Screens auf den Smartphones. „Die hat Apple einfach rausgehauen. Bis dahin hat jeder Marktanalyst gesagt, das funktioniert nicht, da sei kein Bedarf.“ Das Ergebnis ist bekannt.

Doch noch ist bei der überwiegenden Mehrheit der Befragten der Deloitte-Studie Skepsis angesagt. Ein Teil gab an, ihnen sei die Nutzung der mobilen Angebote zu kompliziert und die Optionen seien nicht verständlich. Doch welche Techniken gibt es aktuell?

Hier unterscheidet Liesenjohann zwischen zwei Möglichkeiten. Zum einen ist da die Software-Lösung. „Hier gibt es nicht den einen großen Anbieter, sondern viele kleine“, erklärt er. Bei dieser Variante setzen die Anbieter auf das Einscannen von den QR-Codes. Anders ist es bei den Hardware-Lösungen. Hier hat sich das sogenannte NFC etabliert. Die Abkürzung steht für Near Field Communications. Mit diesem Nahfunkstandard können Daten über kürzeste Distanz übertragen werden. Das Smartphone muss nur kurz an eine Lesestation mit derselben NFC-Technik gehalten werden. Die Reichweite beträgt nur wenige Zentimeter. Einen NFC-Chip hat der Großteil der Smartphones und heutigen Kreditkarten implementiert.

Zu unübersichtlich findet Barbara Steinhöfel von der Verbraucherzentrale das derzeitige Angebot beim mobilen Bezahlen. Für die kommt das Ergebnis der Studie nicht überraschend. „Es gibt einfach viel zu viele Anbieter auf dem Gebiet“, bemängelt Steinhöfel. Mobilfunkanbieter, Banken, Kreditkartenunternehmen, Zahlungsdienstanbieter und diverse Einzelhändler, alle möchten von diesem Geschäftsmodell profitieren. Stichwort Einzelhandel: Discounter wie Aldi oder Lidl verfügen mittlerweile über Apps für mobiles Bezahlen. Nach dem Download muss der Verbraucher Benutzernamen und Kennwort eingeben sowie seine Bankdaten hinterlegen. Eigentlich ganz einfach, aber die Verbraucherschützerin rät, sich zuvor im App-Store die Datenschutzlinien der Apps anzuschauen. Es soll darauf geachtet werden, welche Berechtigungen sich die App einräumen lässt und auf welche verzichtet werden kann.

Das Thema Datenschutz taucht auch in der repräsentativen Studie von Deloitte auf. Mehr als ein Drittel der Befragten äußert beim mobilen Bezahlvorgang Bedenken, ihnen sei diese Methode nicht sicher genug. Steinhöfel überrascht das nicht. „Anders als in Ländern in Übersee, in Asien oder auch in Skandinavien hängen die Deutschen am Bargeld“, sagt sie und erklärt: „Bargeld ist die einzige Bezahlform, um völlig anonym zu bezahlen, ohne dass man irgendwelche Datenspuren hinterlässt.“ Die Bedenken der Befragten, sind sie berechtigt?

Transparent seien eigentlich alle Angebote, sagt Liesenjohann von Bitkom. „Jeder weiß, was er bekommt.“ Unterstützung erhält er von Verbraucherschützerin Steinhöfel. „Es darf nur das gespeichert werden, was letztendlich im Rahmen der Datenschutzgesetzgebung zulässig ist.“ Und was sagen Anbieter von mobilen Bezahl-Angeboten dazu?

Auf Nachfrage des WESER-KURIER beim Kreditkartenunternehmen Visa weist das Unternehmen darauf hin, dass man vollständig die Vorgaben der europäischen und deutschen Datenschutzgesetze erfülle.

Und der Bezahlvorgang selbst, an der Kasse mit einem NFC-fähigen mobilen Endgerät? „Die NFC-Technologie gilt von technischer Seite als sicher“, sagt Liesenjohann von Bitkom. Ein Restrisiko aber bleibt. „Es ist wohl auch bei den bargeldlosen Kreditkarten mit NFC-Technik möglich, wenn ich nah genug an die Karte herankommen kann, dann kann ich den Chip auslesen“, erklärt Steinhöfel. Dafür gäbe es Apps. Die Beute der Betrüger? Kreditkartennummer und das Gültigkeitsdatum. „Es sind keine Daten, die auf besondere Geheimhaltung ausgelegt sind“, sagt Steinhöfel. Das bestätigt auch Liesenjohann. Es seien keine Daten, mit denen die Betrüger direkt auf das Konto zugreifen können.

Dass das digitale Bezahlen nicht schon längst hierzulande ein Erfolg ist, hängt auch mit den Akzeptanzstellen, den Ladengeschäften, ab. Das Umrüsten der Kassen-Terminals auf die NFC-Technik ist kostenintensiv. Ein Zehntel der Befragten der Deloitte-Studie gab an, keine Akzeptanzstellen zu kennen. Doch das könnte sich bald ändern, wenn Apple, Google und Samsung im kommenden Jahr mit ihren Mobile-Payment-Angeboten den deutschen Markt erobern wollen. Sollte sich diese Bezahl-Variante dann flächendeckend hierzulande durchsetzen, hat Liesenjohann einen Vergleich parat. „Das ist das Ketchup-Flaschen-Prinzip. Es passiert lange nichts und dann geht’s durch die Decke.“

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