Im Test: Das Focke-Museum per Tablet

Seit November 2013 verteilt das Focke-Museum handliche Tablet-PCs mit Kopfhörern an seine Besucher. Die Geräte enthalten Audio-, Video- und Foto-Informationen zu den Exponaten in den Häusern des Bremer Museums für Landeskunde.
02.02.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Im Test: Das Focke-Museum per Tablet

Der 14-jährige Magnus vergleicht ein Gemälde vom Ende des 19. Jahrhunderts mit der Ansicht von heute auf dem Tablet.

unknown

Seit November 2013 verteilt das Focke-Museum handliche Tablet-PCs mit Kopfhörern an seine Besucher. Die Geräte enthalten Audio-, Video- und Foto-Informationen zu den Exponaten in den Häusern des Bremer Museums für Landeskunde. Ein Besuchsanreiz für Kinder und Jugendliche?

Für Kinder sind Smartphones und Tablet-PCs mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, in den meisten deutschen Haushalten gibt es mindestens ein Gerät mit Touchscreen, das die Eltern zeitweilig dem Nachwuchs überlassen. Zahlreiche Kinder ab zehn Jahren besitzen selbst ein Android-Smartphone, einen iPod Touch oder ein Tablet. Entsprechend konsequent ist die Einführung der mobilen Geräte als multimediale Museumsführer. Seit Anfang November 2013 hält das Bremer Focke-Museum im Eingangsbereich rund 50 Geräte vorrätig, die interessierte Besucher für die Dauer ihres Aufenthalts borgen dürfen. Über den Touchscreen jener Nexus-Tablets des Herstellers ASUS erhält der Nutzer Zugriff auf eine Oberfläche, auf der die einzelnen Häuser des Museums schematisch abgebildet sind, zudem das Schaumagazin und der Park des Museums.

Der Grünschnabel überlässt das Tablet dem 14-jährigen Schüler Magnus Mietz, der mit seiner Mutter und der fünfjährigen Schwester Helene zum wiederholten Male das Focke-Museum an der Schwachhauser Heerstraße besucht, allerdings zum ersten Mal in Begleitung eines digitalen Museumsführers. Als versierter iPod-Touch-Spieler weiß Magnus sofort, wie er das Gerät handhaben muss. Er hängt sich das 300 Gramm leichte Gerät um den Hals, setzt die daran befestigten Kopfhörer auf und tippt auf den Menüpunkt „Bremer Stadtgeschichte“, deren Exponate sich im Haupthaus befinden.

Digitaler Wegbegleiter

Dank Navigationsmodul weiß die installierte Software, an welcher Stelle des Museumsgeländes sich der Nutzer ungefähr befindet. Ein Tipper auf den Punkt „Gemäldegalerie“ öffnet eine Ansicht, in der alle an der Museumswand aufgehängten Gemälde digital abgebildet sind. Doch der Tablet-PC birgt nicht allein Text-, Audio- und Video-Informationen zu den Bildern. Magnus tippt auf das digitale Pendant zu einem Gemälde von Antoni Brakmann, das die Sielwall-Kreuzung des Ostertorviertels im Jahre 1861 vorstellt, als ländliches Idyll mit Reisig-Wagen und zugefrorenem Fleet. Das Digitalbild wird auf dem Tablet langsam überblendet mit einem Video, das den gleichen Ort im Jahre 1998 zeigt. Magnus ist ein Schüler der Gesamtschule Mitte, die sich am südlichen Ende des Sielwalls befindet, der Vergleich der beiden Stadtansichten beeindruckt ihn sichtlich. „Das ist voll cool, hier gibt‘s auch die Bürgermeister-Smidt-Brücke, wo die Leute mit Schlittschuhen über die Weser laufen“, sagt er.

Leider ist die Gemäldegalerie der einzige Museumsbereich, in dem ein derartiger Vergleich möglich ist. Die Hafenmodelle werden auf dem Tablet erzählerisch durch Videofilme erklärt, an anderer Stelle gibt es zusätzliche Textinformationen. Diese erweisen sich als echte Bereicherung, vor allem in Anbetracht der meist knappen und nicht immer gut lesbaren Texttäfelchen neben den Exponaten. Angenehm volltönend, wohlartikuliert und irgendwie vertraut klingt die Stimme des Sprechers – kein Wunder, denn sie gehört David Nathan, der deutschen Synchronstimme von Johnny Depp – , und die Texte überfordern den 14-Jährigen nicht. Einfache Sachverhalte erklärt „Johnny“ grundlegend und ohne den übermäßigen Gebrauch komplizierter Fachbegriffe. Auch Magnus‘ Mutter freut sich über die ausführlichen Erläuterungen der mittelalterlichen Werke. In der Weltkriegssektion ist Magnus sichtlich bewegt von einer Geschichte, die der Sprecher via Tablet über das Schicksal eines jungen Zwangsarbeiters in Bremen während des Krieges erzählt: Jener Zwangsarbeiter erhielt kaum Nahrungsmittel, weshalb er einen Hund aß. Die Wachleute, die ihn dabei überführten, zwangen ihn fortan dazu, den Hund zu ersetzen und im Hof umherzulaufen und zu bellen. Die audiovisuelle Form der Erzählung lässt die sachlich wirkenden Karten im Karteischrank lebendig werden.

War Magnus beim letzten Besuch des Focke-Museums höchst widerwillig entlang des „voll langweiligen Krempels“ geschlendert, lauscht er jetzt gern den Erzählungen zu Hanse, Schifffahrt und der Bedeutung des Pfeffers für die Bremer Wirtschaft. Für seine kleine Schwester wird der Mediaguide gleichfalls interessant, nachdem die Familie das Kindermuseum im Haus Riensberg aufgesucht hat. Dort betrachtet Magnus Videos und Bilder auf dem Tablet-PC, um Helene zu erklären, dass die Regenrinne an dem menschengroßen Puppenhaus in der Mitte des Ausstellungsraumes einst mit echtem Wasser gefüllt wurde, sodass in den Puppenzimmern tatsächlich Wasser aus den Wasserhähnen rann. Im Kindermuseum ist beinahe jedes Ausstellungsstück mit einer drei- oder vierstelligen Nummer versehen. Die lässt sich auf dem Tablet-PC eingeben, um die entsprechenden Informationen in Form von Bildern, Videos und kurzen Audio-Beiträgen darzustellen. Nicht alle Beiträge sind auf dem neuesten Stand, was im Falle von Würfelspielen aus den 1930er-Jahren und Puppenwannen aus dem Kaiserreich kein Problem darstellt. Bei den Homecomputern und Videospielsystemen der 1980er-Jahre hingegen wirken die Texte aus den späten 1990er-Jahren etwa so antiquiert wie der Sprecher die Computertechnik von Commodore 64 und Nintendo Gameboy darstellt. Magnus muss lachen, als der Sprecher die Speichermodule des Jahres 1981 als läppisch darstellt – im Vergleich mit einer Floppy-Diskette der Sprecher-Gegenwart des Jahres 1998. Magnus‘ Mutter ist besonders an den altertümlichen Puppen interessiert und bittet ihren Sohn mehrmals, bestimmte Codes einzugeben und ihr fürs Abspielen der kurzen Hörstücke den Kopfhörer zu reichen. Der Kopfhörer erweist sich als sperrig, die kleine Helene etwa kann ihn nur nutzen, indem sie ihn fest an die Ohren presst.

Museumsmuffel überzeugt

Kurz vor der Schließung des Museums forscht Magnus auf dem Tablet-PC, was für ein seltsamer Kerl im Käppi auf einem Gemälde im Erdgeschoss zu sehen ist. „Bestimmt ein Kardinal“, mutmaßt er und ist dann überrascht: Es handelt sich um den Bremer Goldschmied August Haarstick, der bis 1964 lebte. Der Tablet-PC hat sich also bewährt, der Museumsmuffel mutiert dank Touch-Technik-Informationen zum interessierten Kulturbesucher. Auf dem Heimweg schaltet er seinen geliebten iPod Touch ein und bemerkt entsetzt: „Boah, das Display wirkt auf einmal voll klein!“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+