Max und Moritz zum Wischen

Eselsohren und Schokoflecken, vielleicht ein gebrochener Rücken: Das sind die unverkennbaren Spuren eines geliebten Buchs. Inzwischen erobern aber auch E-Reader die Kinderzimmer – ganz ohne Eselsohren.
17.11.2013, 00:00
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Von Peter Kusenberg
Max und Moritz zum Wischen

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Eselsohren und Schokoflecken, vielleicht ein gebrochener Rücken: Das sind die unverkennbaren Spuren eines geliebten Buchs. Inzwischen erobern aber auch E-Reader die Kinderzimmer – ganz ohne Eselsohren.

Allgemeines Gelächter bricht aus, wenn der Dreijährige im Haus der Großeltern zum eingeschalteten Fernseher läuft, auf die Scheibe drückt und ruft: „Das geht nicht, das ist kaputt!“ Der Knirps stammt aus einem digital aus- und aufgerüsteten Haushalt, in dem das I-Pad so selbstverständlich im Gebrauch ist wie der Flimmerkasten bei der Generation 60 plus.

Tablet-PCs und Smartphones verfügen über einen berührungsempfindlichen Bildschirm, dessen Sichtfeld gleichzeitig als Eingabefeld dient. Kinder erlernen die Bedienung um ein Vielfaches schneller als Menschen, die in der analogen Zeit aufgewachsen sind. Geschickt streichen die Kleinen über die Touchscreens, blättern intuitiv die Seiten um oder drücken beinahe automatisch Richtungstasten auf E-Book-Readern.

Der Widerstand gegen das Lesen auf Tablet-PCs und E-Book-Readern schmilzt, das beweist der Verkaufserfolg. In diesem Jahr sollen bundesweit rund acht Millionen Geräte verkauft werden. Entsprechend stellt sich der hiesige Buchmarkt langsam auf amerikanische Verhältnisse ein: Dort sind Bücher vor allem digitale Produkte, die zusätzlich auf Papier gedruckt werden. Wehmütig blicken traditionsverbundene Eltern auf den Stapel abgegriffener Kinderbücher, während das Kind nach der E-Reader-Edition von „Max und Moritz“ verlangt. Doch selbst hartgesottene Papier-Fans erkennen den Vorzug digitaler Lesegeräte, wenn sie vor der Urlaubsreise mit dem 170 Gramm leichten Reader eine komplette Kinder- und Erwachsenen-Bibliothek im Koffer verstauen können.

Während die Verlage belletristische Werke standardgemäß digital und analog produzieren, ist das Angebot an digitalen Kinderbüchern überschaubar. Mit wachsender Verbreitung der Geräte wächst die Neigung der Verlage, klassische Vorlesebücher digital aufzulegen. Für welches Vorlesegerät sich die Eltern entscheiden, ist eine Frage von Geschmack, Einsatzzweck und Budget.

E-Book-Reader genannte Geräte sind optimiert für die Verarbeitung digitaler Bücher. Amazons klassischer Kindle kostet 50 Euro, das Luxusmodell Kindle Paperwhite ist für 130 Euro erhältlich. Zusammen mit der Telekom vertreiben die Buchhandelsketten Hugendubel, Thalia, Club Bertelsmann und Weltbild den Tolino Shine, einen rund 100 Euro teuren Reader, der verschiedene E-Book-Formate unterstützt, nicht jedoch das Format des Rivalen Amazon. Dafür kann der I-Pad-Nutzer über die Kindle-App Bücher kaufen und lesen, genauso gut gelingt das über die Kindle-App für das Betriebssystem Android, das auf den meisten Smartphones und Tablet-PCs installiert ist.

Apple betreibt einen eigenen Dienst namens I-Books, dessen Angebot eine große Schnittmenge bildet mit dem Kindle-Sortiment. In beiden Diensten lassen sich zahlreiche kostenlose Bücher herunterladen, zudem sind Vorschauen der meisten Bücher erhältlich, mit denen man sich einen Eindruck von Text und Illustrationen verschaffen kann.

Das Lesen längerer Fließtexte ist auf dem Tablet-PC weniger angenehm als auf dem Display echter E-Book-Reader – auch bei den Lichtverhältnissen unter freiem Himmel sind Letztere besser lesbar. Bilderbüchern und Comics hingegen kommt die hohe Auflösung von I-Pad und Galaxy Tab zugute, Illustrationen sehen hier deutlich besser aus als auf Kindle & Co. Wer bereits ein digitales Lesegerät besitzt, sollte das Angebot in den Kategorien für Kinder- und Jugendbücher unverbindlich durchstöbern. Einige empfehlenswerte Werke für Kinder zwischen drei und 16 Jahren stellen wir im Folgenden vor.

Die kleine Spinne Widerlich

Diana Amft und Martina Matos

9,99 Euro (Kindle), 4,99 Euro (I-Books),

Alter: ab 3 Jahre

Ein Spinnchen namens Widerlich befragt die Mutter und andere Verwandte, warum die Menschen Angst vor der kleinen Krabblerin haben. Die Antworten sind unterschiedlich, offenbar hat jeder der Befragten andere Erfahrungen gesammelt und seine eigene Vorstellungen über die Welt entwickelt. Das regt das zuhörende Kind dazu an, seine eigene Angst vor den Krabbeltieren infrage zu stellen. Die niedlichen Bilder der Illustratorin Martina Matos machen es allerdings schwer, etwas anderes als Sympathie für die kulleräugige Widerlich und ihre Artgenossen zu empfinden. Die Texte folgen einem ähnlichen Rhythmus wie die Texte des beliebten Kinderbuchs „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“.

Pampa Blues

Rolf Lappert

11,99 Euro (Kindle), 11,99 (I-Books),

11,99 (Tolino), Alter: ab 12 Jahre

Ben lebt in einem Dorf in der deutschen Provinz, kümmert sich um seinen senilen Großvater – und wünscht sich sehnlichst, nach Afrika zu reisen, um der Langeweile zu entkommen. Dann entwickelt sich das Leben im Kaff zu einem eigenen Abenteuer, in dessen Folge er mehr über sich erfährt als während einer Tour durch die Sahara. Die Geschichte vom unzufriedenen Teenager wirkt anfangs klischeehaft, entwickelt sich indes zu einer vergnüglichen Beschreibung der Reife zum Erwachsenen. Das Buch wurde im vergangenen Jahr mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet.

Allein unter Superhelden

Heiko Wolz

10,99 (Kindle), 10,99 (I-Books), 10,99

(Tolino), Alter: ab 8 Jahre

Zu den Werken, die in diesem Jahr für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert wurden, zählt dieses Jugendbuch. Leon hat es nicht leicht, denn seine ganze Familie besteht aus Superhelden, nur er selbst hat keinerlei übernatürliche Kräfte. Das ist frustrierend, doch unter besonderen Umständen vermag selbst ein ganz normaler Junge, Übermenschliches zu leisten. Die Moral der Geschichte ist vorhersehbar, die amüsante Umsetzung originell. Wolz hat einige skurrile Figuren entworfen, die den gewöhnlichsten Herausforderungen des Alltags begegnen, indem sie ihre Fähigkeiten einsetzen. Die Illustrationen veranschaulichen den Text auf vorzügliche Weise.

Als Papa im Dschungel war

Suzanne Collins

9,99 Euro (Kindle), 9,99 (I-Books),

Alter: ab 6 Jahre

Die US-Autorin Suzanne Collins ist bekannt für ihre Bestseller der „Hunger Games“-Serie. In diesem Kinderbuch geht es gleichfalls um Krieg, indes um einen realen. Suzanne Collins verarbeitet hier ihre Kindheitserinnerungen an ihren Vater, der Ende der 1960er-Jahre am Vietnamkrieg teilnahm. Im Mittelpunkt stehen das junge Mädchen, seine Ängste, Enttäuschungen und Zweifel. Um sich das Geschehen zu erklären, stellt es sich zunächst vor, der Vater sei in einen Dschungel gefahren, in dem lustige Tiere wohnen und Abenteuer zu bestehen sind. Dann beginnt sie zu ahnen, was Krieg wirklich bedeutet. Der Illustrator James Proinos verbildlicht das düstere Thema in wunderbar großflächigen und bunten Zeichnungen, was die Hemmschwelle der jungen Leser senken dürfte.

ILLUSTRATION: HENNING PÖPLAU

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