Von der Forschung zum Produkt (4): Programmierbarer Richtungswechsel beim Pakettransport Mehr als ein einfaches Förderband

Bremen. Wenn sich Investor Frank Thelen – bekannt aus der TV-Serie „Die Höhle der Löwen“ – für eine Fördertechnik zum Transport von Paketen interessiert, dann kann das kein herkömmliches Förderband sein. Keines jedenfalls, das nur dem Zweck dient, Objekte stumpf in eine Richtung zu bewegen.
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Mehr als ein einfaches Förderband
Von Peter Hanuschke

Bremen. Wenn sich Investor Frank Thelen – bekannt aus der TV-Serie „Die Höhle der Löwen“ – für eine Fördertechnik zum Transport von Paketen interessiert, dann kann das kein herkömmliches Förderband sein. Keines jedenfalls, das nur dem Zweck dient, Objekte stumpf in eine Richtung zu bewegen. Da muss schon mehr dahinterstecken – etwas Innovatives, etwas mit Chancen auf dem Markt. Genau das verspricht das neuartige Fördersystem Celluveyor: Es wurde von drei Wissenschaftlern vom Bremer Institut für Produktion und Logistik (Biba) entwickelt. Derzeit wird die Unternehmensgründung für den Celluveyor vorbereitet, sie ist fürs erste Quartal 2017 geplant.

Das Besondere am Celluveyor – der Name setzt sich aus den englischen Wörtern Cellular, das für eine aus Zellen gebildete Struktur steht, und Conveyor (Förderband) zusammen – ist, dass es ein hochflexibles Förder- und Positioniersystem ist, das auf dem Ansatz der zellularen Fördertechnik basiert. Basis für den Celluveyor sind die sechseckigen Module, die eine Kantenlänge von 20 Zentimetern haben, miteinander kommunizieren und kooperieren können. Der flexible und programmierbare Richtungswechsel für den Transport von Paketen erfolgt über die an den Modulen speziell angebrachten sogenannten omnidirektionalen Räder. Das bedeutet: Die Räder können jeweils einzeln und gezielt gesteuert werden. Dadurch können mehrere Pakete gleichzeitig und unabhängig in unterschiedliche Richtungen transportiert werden.

Die Idee dazu ist Biba-Wissenschaftler Claudio Uriarte vor vier Jahren gekommen – allerdings auf Umwegen: „Wir hatten ein Projekt, bei dem ein Förderband entwickelt werden sollte, das autonom Pakete in alle Richtungen transportieren kann. So etwas gab es auf dem Markt noch nicht.“ Nach ein paar Wochen wurde das Projekt abgebrochen: „Wir hatten keinen geeigneten Antrieb dafür entwickeln können.“

Ein paar Tage später kam schließlich doch noch die zündende Idee, als er sich ein Robocop-Video ansah und die Roboter beim Fußballspielen in alle Richtungen rumflitzten. Sie waren mit omnidirektionalen Rädern ausgestattet – so wie sie oft in der Robotik verwendet werden. Das hatte noch nichts mit dem Celluveyor zu tun, aber der Antrieb war da: „Ich hatte mir das ganze Spiel verkehrt herum vorgestellt. Mehrere Roboter stehen auf dem Kopf und bewegen mit ihren Rädern das Fußballfeld.“

Vor drei Jahren haben die drei Wissenschaftler dann mit dem Entwickeln der Hard- und Software angefangen, nachdem sie Fördergelder für ihr Projekt bekamen. Parallel haben die Wissenschaftler geguckt, wo und welche Einsatzmöglichkeiten es gibt. „Wir wollten nicht etwas entwickeln, was am Ende in der Schublade landet, weil der Markt es nicht abnimmt“, so Hendrik Thamer, der neben Claudio Uriarte ebenfalls zum Celluveyor-Team gehört. Komplettiert wird das Wissenschaftler-Trio, das bald auf die Unternehmerseite wechselt, durch Ariandy Yoga Benggolo: „Wir haben mit vielen Leuten aus der Praxis gesprochen, sehr positive Rückmeldungen erhalten und dadurch mit viel Energie unseren Celluveyor bis zur Marktreife entwickelt.“ Beides wäre ohne das Logistik-Netzwerk und die Infrastruktur des Biba nie möglich gewesen. Inzwischen liegen auch die ersten konkreten Anfragen vor.

„Wenn die ersten Aufträge kommen, haben wir viel zu schrauben“, so Uriarte. Die Module bauen die Noch-Wissenschaftler selbst zusammen. Ein Celluveyor benötige etwa 60 bis 100 dieser Zellen. Er komme in der Förderbandkette da zum Einsatz, wo es komplex werde. Er übernehme die Aufgabe wie Rotieren, Vereinzeln und Sortieren. Bei herkömmlicher Fördertechnik werde dies von zusätzlichen mechanischen Komponenten bis hin zu Industrierobotern erledigt.

„Auch bislang entstehen so zwar hoch spezialisierte Anlagen, die konkrete Aufgaben besonders effizient realisieren können, jedoch an Flexibilität verlieren“, so Thamer. Bestehende Systeme seien deshalb nur begrenzt an neue Aufgaben oder an eventuell notwendige Änderungen im Layout der Anlage anpassbar. „Unser Celluveyor bietet die notwendige Prozessflexibilität, die etwa für Kontraktlogistiker interessant ist.“ Denn gerade für sie sei aufgrund kurzfristiger Vertragslaufzeiten und Unsicherheiten bezüglich von Anschlussverträgen die Wirtschaftlichkeit von Fördersystemen von großer Bedeutung. Eine Investition müsse sich innerhalb der entsprechenden Vertragslaufzeit amortisieren, was häufig den Erwerb komplexer und hochpreisiger Automatisierungslösungen ausschließe.

Zudem funktioniere der Celluveyor auch dann noch, falls mal ein Modul ausfallen sollte, sagt Uriarte. Dieses Modul werde automatisch vom Paket umfahren. Zudem könne das Modul schnell und einfach in fünf Minuten durch eigenes Personal ausgetauscht werden. Falle eine normale Rolle eines Förderbandes aus, sei das wesentlich zeitintensiver. Und gebe es gar einen Motorschaden, dann könne das in der Regel nur von externen Fachleuten behoben werden.

Unterstützt werden die angehenden Unternehmer vom EXIST-Forschungs-Transferprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums. Außerdem kooperiert das Biba mit der Bremer Patent- und Verwertungsagentur InnoWi. „Es reicht nicht aus, nur eine gute Idee zu haben und einen funktionierenden Demonstrator zu entwickeln“, sagt Professor Michael Freitag, Leiter des Biba. Letztlich müsse auch ein passendes und tragfähiges Geschäftsmodell erarbeitet werden, um die Entwicklung erfolgreich am Markt platzieren zu können. Viel zu oft verstaubten leider immer noch tolle Entwicklungen in Hochschullaboren. Deshalb gehe das Biba andere Wege und hole auch frühzeitig Technik- und Marktexperten zu anwendungsnahen Forschungsprojekten hinzu.

Dass sich Investor Thelen außerhalb der „Höhle der Löwen“ bereits mit dem Celluveyor beschäftigt hat, lag daran, dass er Jurymitglied beim „DHL Innovation Day“ war, der im November im DHL-Innovation-Center in Troisdorf stattgefunden hat. Dies ist eine jährlich stattfindende Veranstaltung, die laut den Wissenschaftlern weltweit zu den ganz wichtigen Ausstellungen für Neuentwicklungen im Logistikbereich zählt. Über 100 Erfinder, Universitäten und Start-Ups aus der ganzen Welt haben dort ihre Prototypen präsentiert.

Die Biba-Wissenschaftler gewannen die Kategorie „Start-up-pitch“ – ein Wettbewerb, bei dem Existenzgründer in kurzer Zeit einer Gruppe von potenziellen Investoren ihre Ideen vorstellen dürfen. Für die drei Wissenschaftler ein großer Erfolg und ein gutes Verkaufsargument: Der Celluveyor wird nun in der „Start-up-Hall-of-Fame“ des DHL-Innovation-Center in Troisdorf ausgestellt.

„Wenn die ersten Aufträge kommen, haben wir viel zu schrauben." Wissenschaftler Claudio Uriarte
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