Weibliche Gesundheit Meist keine Kontrolle über intime Daten in Zyklusapps

Millionen von Frauen vertrauen ihrem Smartphone intime Details über Menstruation oder Schwangerschaft an. Eine Kontrolle über ihre sensiblen Daten haben sie meist jedoch nicht.
17.04.2019, 19:02
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Meist keine Kontrolle über intime Daten in Zyklusapps
Von Ina Bullwinkel

Die Menstruation ist längst ein riesiger Markt. Tampons, Binden und Medikamente gegen Regelschmerzen verkaufen sich ohne Probleme, denn ob sie will oder nicht: Eine Frau hat etwa 400 Mal im Leben ihre Regelblutung und ist auf diese Produkte angewiesen. Firmen verdienen Geld mit diesem natürlichen Phänomen des weiblichen Körpers, jeden Monat aufs Neue. Auch in der digitalen Wirtschaft brummt das Geschäft mit der Periode.

Wer im Playstore oder Appstore das Wort „Menstruation“ eingibt, erhält Dutzende Vorschläge für Anwendungen, die dabei helfen wollen, den Eisprung vorherzusagen, zu verhüten oder die Periode zu dokumentieren. Millionen von Frauen haben bereits Apps wie Clue, Flo, Maya oder Life heruntergeladen. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. Die Anbieter der App Flo schreiben im Appstore selbstbewusst: „In aller Welt haben 80 Millionen Frauen sich schon für Flo fem entschieden!“

Ob dies der Zahl der aktiven Nutzerinnen oder der Downloads insgesamt entspricht, bleibt offen. Die Zahl suggeriert jedenfalls ein gutes Gefühl: So viele Frauen können sich nicht täuschen. Oder? Der App vertrauen die Nutzerinnen an, ob sie gerade ihre Tage haben, wie hoch ihre Körpertemperatur ist, wie viel sie wiegen oder welche Konsistenz ihr Ausfluss hat. Sensible Informationen, die viel über die eigene Gesundheit aussagen. „Wir haben es hier nicht mit einer Lifestyle- oder Begleitfunktion zu tun, einem Intimpartner oder einer Doktorin, sondern mit einem Unternehmen, das Daten von uns sammelt“, sagt Software-Entwicklerin Marie Kochsiek.

Nutzerinnen zahlen mit Daten

Apps haben keine Schweigepflicht wie Ärzte. Wie viele Daten sie abfragen und wie sie mit ihnen umgehen, ist verschieden. Manche von ihnen sind kostenlos, andere gibt es im Abonnement zu kaufen. Eines sollten Nutzerinnen sich bewusst machen: Gebührenfreie Apps bezahlt man meistens mit seinen Daten. Wie viele und welche Informationen sie mit dem Installieren der App bereitwillig preisgeben, dürfte den wenigsten bewusst sein. „Die AGBs sind häufig so geschrieben, dass man die Lust verliert, sie überhaupt zu lesen", sagt Kochsiek. Die Knöpfe, die man drücken soll, finde man meist sehr schnell, sagt sie, die Hinweise zur Privatsphäre hingegen nicht.

Ein anderes Problem: Viele Nutzer haben sich schlicht daran gewöhnt, ihre Daten im Internet einzugeben. Das beschränke sich nicht nur auf Apps im Gesundheitsbereich. „Wir beobachten, dass Verbraucher ihre Daten zunehmend bedenkenlos weitergeben“, sagt Dennis-Kenji Kipker vom Institut für Informations-, Gesundheits- und Medizinrecht der Uni Bremen. „Zu jedem Thema gibt es mittlerweile eine App, ansprechend designt, meistens kostenlos, die dem Anwender einen bestimmten Vorteil verspricht.“

Kipker nennt dieses Phänomen „Gamifizierung“, alles werde zum Spiel. Häufig wüssten die Nutzer nicht, was für ein Unternehmen hinter einer App steckt, ob es aus Deutschland oder dem EU-Ausland kommt. „Das ist wichtig, denn Daten könnten ins Ausland übermittelt werden“, sagt Kipker. Ob diese Unternehmen sich dann an die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) halten, die für europäische Nutzer gilt, sei unsicher.

„Es gibt eine diffuse Gefahr durch Unwissenheit und Intransparenz“, sagt Kipker, der unter anderem zu medizinischem Datenschutz forscht. Nutzer sollten sich laut Kipker fragen, ob ihnen die App tatsächlich etwas bringe. „Manche Apps geben nur Tipps, verlangen dafür aber personenbezogene Daten“, sagt er und empfiehlt eine kleine Webrecherche zu dem Anbieter sowie einen Blick auf die Zugriffsrechte der Anwendung. Verlangt sie Zugriff auf das Telefonbuch oder die E-Mails? Wenn diese Daten keine Rolle für den Zweck der App spielten, sollten Nutzer auf eine Installation lieber verzichten.

Auch die Möglichkeit eines Datenklaus durch Hacker bleibt ein Risiko beim Teilen von persönlichen Informationen im Internet. „Unternehmen, die Daten verarbeiten, sind dazu verpflichtet, diese angemessen durch Verschlüsselung zu schützen, damit sie nicht als Klartext übermittelt werden", sagt Kipker. In der Praxis komme es jedoch immer wieder vor, dass Firmen sich nicht daran halten und die Daten unverschlüsselt auf ihrem Server abspeichern, um Kosten zu sparen. Eine Garantie für Privatsphäre gibt es also nicht. "Wieso sollten Apps die Daten nicht sammeln, wenn sie es können?", fragt Kochsiek. Die Gefahr der Datenweitergabe sei bei kommerziellen Apps immer gegeben.

Verhütung nicht verlässlich

Eine Auswertung von Stiftung Warentest aus Dezember 2017 bemängelt ebenfalls den Umgang mit der Intimsphäre der Nutzerinnen. Viele Zyklus-Apps würden laut Stiftung Warentest private Informationen abfragen, die nicht notwendig seien. Dazu gehörten etwa der echte Name, das Geburtsdatum oder überflüssige Angaben zur Gesundheit. Von den 23 getesteten Apps hätten neun außerdem Daten übertragen, durch die die Anwenderinnen im Netz verfolgt werden und personalisierte Werbung angezeigt bekommen. Manche Menstruationsapps wie zum Beispiel Clue oder Lady Cycle lassen sich ohne Account nutzen, sodass eingegebene Daten nur auf dem Telefon gespeichert werden und nicht auf den Servern der Unternehmen.

Bei der Auswahl einer passenden App rät Marie Kochsiek deshalb, auf den lokalen Speicherort zu achten. „Man sollte sich außerdem informieren, was das Geschäftsmodell hinter der App ist.“ Die App Clue sei etwa derzeit kostenlos und verspricht, keine Gesundheitsdaten an Dritte weiterzugeben. Noch sei aber nicht klar, wie sie sich zukünftig finanziert und ob sie nicht doch einmal Daten an Dritte weitergeben könnte. „Allein der Fakt, nicht zu wissen, ob das in Zukunft mal passieren wird, ist eine Unsicherheit, die nicht jede Nutzende in Kauf nehmen möchte“, sagt Kochsiek.

Bei den im Netz angebotenen Zyklus-Apps müssen Frauen jedoch nicht nur auf die Datensicherheit achten. Stiftung Warentest bewertete ein Großteil der 2017 untersuchten Apps mit der Note „mangelhaft“. Das hatte nicht nur mit den Privatsphäre-Einstellungen zu tun, sondern vor allem mit der Zuverlässigkeit der App bei der Verhütung. Größtenteils verließen sich die als mangelhaft bewerteten Apps auf Durchschnittswerte aus früheren Zyklen der Frau oder griffen teilweise auf Daten anderer Nutzerinnen zurück.

Dadurch zeigten die Apps fruchtbare Tage und die Regelblutung nicht unbedingt für den richtigen Zeitraum an. Userinnen können sich also nicht auf die Angaben verlassen. „Die meisten Apps sind nicht medizinisch oder wissenschaftlich fundiert und das müssen sie rechtlich gesehen auch gar nicht“, sagt Kochsiek. Nur zwei von 23 Apps erhielten von Stiftung Warentest die Note „gut“: My NFP und Lady Cycle.

Diese Apps greifen auf die natürliche Familienplanung zurück, die sogenannte sympto-thermale Methode. Dabei misst die Frau morgens ihre Körpertemperatur und beobachtet zusätzlich ihren Zervixschleim, der im Gebärmutterhals gebildet wird. Anhand der Beobachtungen kann die Frau ihre fruchtbaren Tage bestimmen. Diese Methode erfordert allerdings Übung und Genauigkeit.

Die weibliche Gesundheit bleibt ein großer Markt

Interessant sind für Unternehmen nicht nur menstruierende, sondern auch schwangere Frauen. Sobald eine Frau eindeutige Hashtags teilt oder nach bestimmten Produkten sucht, werden ihr immer mehr Artikel für werdende Mütter angeboten. Im vergangenen Dezember sorgte eine Frau aus den USA mit einem offenen Brief für Aufsehen, die eine Totgeburt erlitt und danach weiterhin Werbung für Babyartikel in sozialen Medien angezeigt bekam.

Die Algorithmen von Facebook, Instagram und Twitter erkannten aufgrund ihrer Posts, dass sie schwanger war. Dass ihr Sohn tot geboren wurde, erkannten sie nicht. Für sie waren die angezeigten Werbeartikel eine ständige Erinnerung an ihren Verlust. „Personalisierte Werbung kann interessant sein, aber man sollte sich fragen, was die Unternehmen alles über einen wissen“, sagt Kochsiek. Es gehe dabei nicht nur um einen persönlich, sondern darum, wie Profile angelegt und Nutzerinnen in Schubladen gesteckt werden, um sie verwertbar zu machen. Die weibliche Gesundheit bleibt ein großer Markt.

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