Bewegung, Bewegung! Microsofts Kinect-Kamera kommt an - auch bei Drittherstellern, die das System mit zahlreichen Titeln unterstützen

An Spielen mangelt es nicht: Kinect erfreut sich großer Unterstützung seitens der Dritthersteller. Doch nicht jeder hat die Bewegungserkennung voll im Griff.
19.11.2010, 00:00
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Von Bernd Fetsch

An Spielen mangelt es nicht: Kinect erfreut sich großer Unterstützung seitens der Dritthersteller. Doch nicht jeder hat die Bewegungserkennung voll im Griff.

Das Konzept, den Körper des Spielers zum einzigen Controller zu machen, geht offenbar auf: Microsofts Kamera-System Kinect für die Xbox 360 verkaufte sich in weniger als zwei Wochen weltweit bereits über eine Million Mal. Bis zum Jahresende sollen es sogar fünf Millionen Geräte sein, die das Wohnzimmer in Fußballfelder, Tenniscourts und Diskotheken verwandeln. Ein weiterer Grund für den Erfolg: das reichhaltige Spieleangebot, das pünktlich zum Verkaufsstart oder in den Folgewochen in den Händlerregalen stand. Allerdings scheinen nicht alle Entwickler die neue Technik zu beherrschen. Ein Testüberblick über die Titel der Dritthersteller.

"Crossboard 7" (Konami): Die gute Nachricht vorweg: Die meiste Zeit über funktioniert die Bewegungserkennung in Konamis kunterbuntem Funsport-Game "Crossboard 7" prächtig, wenn man mit seinem Avatar oder einem schrägen Boarder-Biest über Schnee, Wasser und Sand gen Tal düst. Die schlechte Nachricht: In den entscheidenden Momenten stellt sie sich buchstäblich quer! Da bremst die eigene Figur urplötzlich auf offener Piste, vollführt Tricks oder nutzt aufgelesene Extras, obwohl man nach zahlreichen Gewichtsverlagerungen einfach nur wieder einen sicheren Stand gesucht hat. Frustmomente wie diese werden durch unzählige freischaltbare Wettbewerbe, Disziplinen und Boards ein wenig wettgemacht. Mit Vorsicht ist auch der Zweispieler-Modus zu genießen. Zum einen, weil er irre viel Platz benötigt. Zum anderen, weil die Kinect-Kamera gerne die Probanden verwechselt und man plötzlich den Konkurrenten steuert. Gesamtnote: Befriedigend.

"Dance Evolution" (Konami): Die Tanzmatten, die Konami den Spielen seiner "Dance Dance Revolution"-Reihe bislang beilegte, haben ausgedient. Microsofts Kinect-Kamera erfasst nicht nur bestimmte Richtungsfelder, sondern gleich den gesamten Körper. Leider nutzt der Neuling "Dance Evolution" nur wenige der gegebenen Möglichkeiten und verkommt zu einem ambitionierten Reaktionstest. Während beim erstklassigen Konkurrenten "Dance Central" echte Choreografien nachgetanzt werden müssen, begnügt sich "Dance Evolution" mit dem Nachahmen von ein paar Armbewegungen und Posen. Die Bewegungserkennung klappt - vom nervösen Hauptmenü einmal abgesehen - ganz gut. Nur unterscheidet das Spiel nicht, mit welchem Körperteil die angezeigten Muster nachgeahmt werden, weswegen das Geschehen auf dem Bildschirm mit Gehampel davor relativ wenig zu tun hat. Auch über die Musikauswahl - ein Mix aus Eurodance, Japan-Pop und gelegentlichen HipHop- und R&B-Songs - lässt sich streiten. Gesamtnote: Ausreichend.

"Dance Paradise" (Mindscape): Noch ein Spiel, das Wohnzimmer in Tanztempel verwandeln möchte. Im Gegensatz zu Konamis "Dance Evolution" gelingt "Dance Paradise" das allerdings auch. Zu 40 lizenzierten Tracks von Lady Gaga, 50 Cent, Rihanna, Pussycat Dolls oder Taio Cruz wollen die unterschiedlichsten Choreografien nachgeahmt werden. Ein animiertes Strichmännchen zeigt an, wie diese auszusehen haben - und die Kinect-Kamera versucht sich an einer fairen Beurteilung des Spielers. Anfangs wirkt sie gnädig, weil auch unsauber ausgeführte Bewegungen gezählt werden. Später merkt man jedoch (etwa bei einem "Spurwechsel" via Seitschritt), dass damit die eigene Ungenauigkeit bei der Erfassung kaschiert werden soll. Nichtsdestotrotz macht es einen Heidenspaß, den eigenen Avatar im Vordergrund hampeln zu sehen, während im Hintergrund die Original-Videoclips der Songs laufen. Kooperative und kompetetive Multiplayerwettbewerbe runden das Ganze ab. Gesamtnote: Gut.

"Fighters Uncaged" (Ubisoft): Dass Ubisoft die Kinect-Hardware im Griff hat, beweist der Publisher mit "Your Shape" eindrucksvoll. Bei "Fighters Uncaged" haben die Franzosen jedoch kräftig daneben gehauen. Das Game - einer der wenigen Kinect-Titel, die nicht familienkompatibel sind - schickt den Spieler auf die Straße, um sich vor trister Kulisse wahllos mit anderen finster dreinblickenden Typen zu prügeln. Nur ein Blick ins Handbuch verrät, dass es tatsächlich so etwas wie eine Hintergrundgeschichte gibt. Mit Hieben, Tritten und Kopfstößen soll man seine Widersacher zu Boden schicken. Zumindest theoretisch. In der Praxis erkennt die Kamera viele der Bewegungen schlicht nicht, bringt sie nur mit enormer Verzögerung und in immergleicher Ausführung auf den Bildschirm - oder interpretiert sie komplett falsch, was vor allem die Aneinanderreihung zu Combos zum reinen Glücksspiel macht. Und weil "Fighters Uncaged" schon bei einem Spieler überfordert ist, hat man sich den Multiplayer-Modus offenbar gleich gespart. Man tritt also immer nur gegen den Computer an - oder lässt es am besten von vornherein bleiben. Gesamtnote: Mangelhaft.

"Game Party: In Motion" (Warner Bros.): Allein schon durch die Auswahl seiner Disziplinen unterscheidet sich "Game Party: In Motion" deutlich vom Rest der Minispielsammlungen. Wo andere Titel konsequent in den Box-Ring steigen oder zum Beachvolleyball-Match bitten, wird hier Dart, Pin Cup oder Hufeisenwerfen gespielt. Insgesamt 16 Disziplinen stehen auf dem Programm, die allerdings weder besonders anspruchsvoll sind noch sonderlich gut umgesetzt wurden. Viele ähneln sich zudem im Aufbau - etwa Shuffleboard und das kuriose Rootbeer Tapper, bei dem Biergläser eine Theke entlang geschubst werden wollen. Gesamtnote: Ausreichend.

"Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 1" (EA): Passend zum Start des neuen "Harry Potter"-Kinofilms veröffentlichte EA das gleichnamige Spiel für zahlreiche Systeme - die Xbox-360-Fassung wurde jedoch um ein halbes Dutzend spezieller Kinect-Level erweitert. Darin schleudert man quasi aus dem Handgelenk mächtige Zaubersprüche und explodierende Tränke auf widerliche Todesser - oder hält sich die Finsterlinge mit einem Schutzschild vom Leib, indem beide Hände Richtung Kamera gestreckt werden. Die Umsetzung der wenigen Bewegungen funktioniert zuverlässig. Eine echte Bereicherung sind die an Lightgun-Shooter erinnernden Passagen, in denen Harry vom Computer gelenkt wird und der Spieler zum Zappeln verdammt ist, jedoch nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass das übrige Spiel eine äußerst stupide und frustrierende Angelegenheit ist. Gesamtnote: Ausreichend.

"MotionSports" (Ubisoft): Inhaltlich ähnlich, aber optisch erwachsener als Microsofts "Kinect Sports" präsentiert sich "MotionSports" von Ubisoft. Boxen und Fußball stehen auch hier zur Auswahl - dazu American Football, Skifahren, Reiten und Drachenfliegen. Motivierend: Jede Disziplin verfügt über diverse Varianten, die jedoch erst bei Erfolg und zunehmendem Ruhm freigeschaltet werden. Wer also Skisprung betreiben will, muss sich erst durch Super-G- und Ski-Cross kämpfen. Wie feinfühlig die Bewegungserkennung ist, zeigt sich beim Drachenfliegen - umso seltsamer, dass es beim Football zu regelmäßigen Aussetzern kommt und man ohne Reaktion in ein Hindernis donnert. Auch die langen Ladezeiten nerven. Gesamtnote: Befriedigend.

"Sonic Free Riders" (Sega): Sonic, das schnellste Vieh der Videospielewelt, hat nach zig Jahren das Dauerlaufen wohl satt - und sattelt um. Auf Hoverboards. Klingt komisch, ist aber so in Segas wilder Raserei "Sonic Free Riders". Ein abgehobenes Vergnügen, lenkt man den blauen Igel doch nur anhand gut, wenngleich nicht fehlerfrei erfasster Gewichtsverlagerungen des eigenen Körpers über die 16 halsbrecherischen Kurse. Kurze Lorenfahrten, das wilde Hantieren mit aufgelesenen Extras und Schwimmeinlagen, bei denen wie wild mit den Armen gerudert werden muss, lockern die zahlreichen Rennen auf. Bei Erfolg und Unmengen aufgelesener Ringe winken zahlreiche freischaltbare Charaktere, neue Kurse, Bretter und Spielmodi. Besonders witzig: die Team- und Staffelrennen. Während sich bei Letzterem die beiden Startspieler in der Mitte mit ihrem jeweiligen Ersatz abklatschen, sind bei Teamevents auch mal Händchenhalten und synchrone Hüpfbewegungen angesagt, um gemeinsam vor der Konkurrenz die Ziellinie zu überqueren. Gesamtnote: Gut.

"Sports Island Freedom" (Konami): Masse statt Klasse: Auf den ersten Blick hat Konamis Kinect-Beitrag "Sports Island Freedom" jede Menge zu bieten. Zehn Disziplinen stehen zur Auswahl - neben populären Sportarten wie Boxen, Beachvolleyball, Tennis und Skifahren auch ein paar Exoten wie Bogenschießen, Paintball, Kendo oder Eiskunstlaufen. Allerdings lässt die Bewegungserkennung mitunter arg zu wünschen übrig - das beginnt im hakeligen zu handhabenden Hauptmenü, ärgert beim Tennis, sorgt beim Stockkampf für ratlose Blicke und verkommt beim Paintball zur absoluten Katastrophe. Die einzige Bewegung, die Sie beherrschen müssen: Am Regal ganz schnell daran vorbeigehen. Gesamtnote: Ausreichend.

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