Wie Nutzer von sozialen Medien Falschinformationen und manipulierte Bilder erkennen können Mit mir nicht!

Bremen. Ein Sexmob aus muslimischen Männern wütet an Silvester in Frankfurt am Main, Grünen-Politikerin Renate Künast nimmt den Mörder einer Freiburger Studentin in Schutz und Unbekannte verteilen vergiftete CDs mit Koran-Versen: Alle diese Nachrichten stimmen nicht. Sie sind der freien Fantasie einer oder mehrerer Personen entsprungen, schlicht gelogen.
02.03.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Mit mir nicht!
Von Carolin Henkenberens

Bremen. Ein Sexmob aus muslimischen Männern wütet an Silvester in Frankfurt am Main, Grünen-Politikerin Renate Künast nimmt den Mörder einer Freiburger Studentin in Schutz und Unbekannte verteilen vergiftete CDs mit Koran-Versen: Alle diese Nachrichten stimmen nicht. Sie sind der freien Fantasie einer oder mehrerer Personen entsprungen, schlicht gelogen.

Der Begriff Fake-News, der seit dem US-Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton immer mehr Bedeutung erlangt hat, ist längst nach Deutschland geschwappt. Er ist nicht unumstritten, schließlich impliziert er, dass dahinter wirkliche Nachrichten stecken. Auch lässt er sich missbrauchen gegen journalistische Inhalte, die angeblich Fake seien – so, wie Trump das Medien unterstellt. Was genau sind also ­Fake-News, worin unterscheiden sie sich von Gerüchten oder überspitzten Darstellungen?

„Fake-News sind bewusst unwahre Tatsachenäußerungen“, sagt Sven Petersen, Referent für Medienkompetenz bei der Bremer Landesmedienanstalt. „Bei Fake-News wird so getan, als ob die Information seriös recherchiert wurde.“ Dies verdeutlicht das Beispiel Renate Künast. Im Dezember hatte ein Facebook-Nutzer aus Österreich ein gefälschtes Zitat von ihr veröffentlicht. Als Quelle war die Süddeutsche Zeitung angegeben. Demnach soll sie über einen Mörder gesagt haben: „Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm jetzt aber trotzdem helfen.“ Das Zitat stimmte nicht, Künast stellte Strafanzeige.

Fake-News werden oft aus einer politisch rechten Motivation heraus gestreut, warnt das Portal Jugendschutz.net. In einem kürzlich veröffentlichten Faltblatt heißt es, dass es vor allem Rechtsextreme sind, die unter dem Deckmantel glaubwürdiger Nachrichten Stimmungsmache gegen die Presse, die Demokratie und Ausländer betreiben. Fake-News werden aber auch aus finanziellen Interessen gestreut. So gibt es Seiten, deren Betreiber versuchen, möglichst viele Klicks und somit Werbeeinnahmen zu generieren. Die Geldquelle sprudelt mit der Fantasie der Schreiberlinge.

Nicht sofort alles teilen

Nicht jede Information, die einseitig oder überspitzt ist, sollte als Fake-News beschrieben werden, betont Petersen von der Landesmedienanstalt Bremen. „Häufig sind die Meldungen von der freien Meinungsäußerung gedeckt.“ Gerüchte oder Mutmaßungen seien nicht gleichzusetzen mit Fake-News. Wenn zum Beispiel darüber spekuliert werde, ob der Mann, der in Heidelberg mit einem Auto in eine Menschengruppe raste, ein Terrorist war, sei das nicht das Gleiche, wie wenn jemand die Tatsachenbehauptung verbreitet, dass der Täter ein Terrorist oder Muslim gewesen ist.

Fake-News ließen sich nicht verbieten, sagt Petersen. Ein Wahrheitsministerium etwa sei völliger Quatsch. Stattdessen muss die Medienkompetenz der Internetnutzer erhöht werden. Gerade Jugendliche sind sich oft unsicher, ob sie die Glaubwürdigkeit von Quellen richtig einschätzen. Dies hat eine aktuelle Studie des Portals klicksafe.at herausgefunden.

Doch wie können User von Social-Media-Plattformen unseriöse Inhalte erkennen? „Quellen sollte nicht blind vertraut werden“, rät Petersen. Das oberste Prinzip, um sich gegen Fake-News zu schützen, sei deshalb eine gesunde Skepsis gegenüber Informationen. Das bedeutet: Wer sich nicht instrumentalisieren lassen will, sollte nicht sofort alles teilen oder liken. Besondere Vorsicht mit Likes gilt bei öffentlichen Beiträgen. Es wäre nicht nur peinlich, gefälschte Nachrichten zu verbreiten, sondern es hat möglicherweise auch juristische Konsequenzen, Hetze zu verbreiten. „Gerade bei emotionalen Themen neigen wir dazu, zu schnell auf ‚Gefällt mir‘ zu klicken“, sagt Petersen. Genau das ist auch die Strategie: Falsche Nachrichten wollen polarisieren, sie knüpfen an bestehende Ängste und Vorurteile an. Das bewirkt, dass Nutzer intuitiv zustimmen, klicken und den Wahrheitsgehalt nicht überprüfen.

Besonders rasch verbreiten sich deshalb Warnungen vor Vergewaltigern oder ausgebrochenen Schwerverbrechern oder Kettenbriefe mit Meldungen über angeblich drohende Nutzungsgebühren für Facebook. Wer einen solchen Aufruf aus Fürsorge an Freunde verschickt, versetzt diese möglicherweise unnötig in Aufruhr. Deshalb sollte unbedingt vor jedem Teilen oder Liken das Impressum einer Seite oder eines Profils gelesen werden. Seriöse Seiten ver­schleiern ihre Identität nicht. Bei Twitter ist dies schwieriger, weil dort Informationen zum Nutzer nur sehr kurz und oft anonym sind.

Weiterer Tipp: Bevor man etwas teilt, sollte man sich immer die anderen Postings des Nutzers oder der Seite ansehen – auch zeitlich weit zurückreichende. Was schreibt die Person oder Organisation sonst? Welche Seiten hat der Account mit ‚Gefällt mir‘ angeklickt? Wer likt oder retweetet die Inhalte? Was für Kommentare stehen unter den Postings? Nutzer, die keinen Rassismus dulden, werden entsprechende Kommentare löschen oder einen Gegenkommentar dazu verfassen. Auch ist es ratsam, sich die Freunde oder Follower einer Seite anzusehen. Schon wenige dubiose Kontakte sollten misstrauisch machen. Oft sind Falschnachrichten aber auch schon durch Rechtschreibfehler zu erkennen. Ein einfaches Instrument, um eine Übersicht über alle öffentlichen Kommentare und Likes eines Accounts einsehen zu können, ist eine spezialisierte Suchanfrage, zum Beispiel bei Google. Dazu muss in die Suchleiste eingegeben werden: „site:facebook.com“, mit einem Leerzeichen folgt dann in Anführungsstrichen der Nutzername der Person oder der Seite.

Eine besondere Strategie von dubiosen Meinungsmachern ist es laut Jugendschutz.net, seriöse und unseriöse Quellen miteinander zu vermischen. So finden sich auf Fake-News-Portalen durchaus auch Links zu Seiten wie etwa Spiegel Online. Eine besonders beliebte Methode von Fälschern ist es, eine unwahre Überschrift zu wählen, die so polarisiert, dass die User gar nicht erst auf den Artikel klicken. In dem kann geschrieben sein, dass die These der Überschrift gar nicht stimmt. Aber das werden nur wenige lesen.

Gegenrecherche starten

Wer sich unsicher ist, ob ein verlinkter Artikel oder eine Information stimmt, sollte eine kurze Gegenrecherche machen, rät der Verein Mimikama. Gibt es die zitierte Behörde wirklich? Haben auch andere Medien über den Sachverhalt berichtet? Wenn ja, sind das bekannte Seiten oder ausschließlich Blogs? Hätten die Nutzer, die das angebliche Zitat von Renate Künast geteilt haben, dieses in eine Suchmaschine eingegeben, wären sie schnell stutzig geworden. Denn auf der Seite der Süddeutschen Zeitung war es natürlich nicht zu finden.

Wer ganz sicher gehen möchte, dass er keiner Falschmeldung (Englisch: Hoax) aufsitzt, kann die Seite www.hoax-info.de besuchen. Dort werden weitverbreitete unwahre Behauptungen veröffentlicht, allerdings besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Auf auf der Seite www.mimikama.at listet der gemeinnützige österreichische Verein ebenfalls Meldungen auf. Ebenfalls von dem Verein betrieben wird die Seite www.hoaxsearch.com, eine Art Suchmaschine, mit der mithilfe von Stichwörtern nach kursierenden Falschmeldungen gesucht werden kann.

Auch Bilder werden gefälscht. Oft werden ältere Fotos, die aus einem ganz anderen Kontext stammen, als aktuell betitelt. So ist 2015 ein Foto in Umlauf gekommen, das ­angeblich Müll von Flüchtlingen zeigen soll. Eigentlich wurde es aber schon 2012 bei einer Deponie in Ungarn aufgenommen, wie der Verein Mimikama recherchiert hat.

Um zu prüfen, ob ein Bild gefälscht ist, kann man mithilfe von Suchmaschinen sämtliche Seiten suchen, auf denen das Bild schon einmal veröffentlicht wurde. Dazu muss der Link des Bildes entweder in die Google-Bildersuche oder in die Suchmaske der Seite www.Tineye.com eingegeben werden. Ebenso können Bilder vom PC dort hochgeladen werden. Bei Google ist das etwas versteckter über das Kamera-Symbol möglich. Bearbeitete Bilder sind nur schwieriger zu enttarnen. Dazu gibt es die Seite www.fotoforensics.com, sie zeigt bearbeitete Stellen auf Fotos an. Besonders helle Flächen auf dem Bild weisen darauf hin, dass hier retuschiert wurde.

Gar keine Inhalte von unbekannten Accounts mehr zu teilen, aus Angst, einer Falschmeldung oder Hetze aufzusitzen, hält Petersen übrigens für keine Alternative. „Wenn ich mich informiert habe über denjenigen, der das gepostet hat und hinter dem Inhalt stehe, sollte ich es auch teilen“, sagt er. Der Austausch mit anderen sei schließlich der Sinn eines jeden sozialen Netzwerkes.

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