Letzter Hersteller von VHS-Rekordern gibt auf Nie mehr Bandsalat

Tokio. Man wundert sich, wer all diese Videorekorder noch gekauft hat. 750 000 Stück gingen bei Funai im vergangenen Jahr vom Band.
30.07.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Jenny Tobien

Tokio. Man wundert sich, wer all diese Videorekorder noch gekauft hat. 750 000 Stück gingen bei Funai im vergangenen Jahr vom Band. In Zeiten von Netflix und YouTube ­eine beachtliche Menge. Das japanische ­Unternehmen, das zu besseren Zeiten 15 Millionen VHS-Rekorder jährlich produzierte, ist nach eigenen Angaben der letzte verbliebene Hersteller weltweit. Doch auch ­dieses Alleinstellungsmerkmal ist nun ­Geschichte. Ende Juli stellt Funai die Produktion ein – und eine Ära geht zu Ende.

Denn in den 1980er- und 1990er-Jahren kam kaum ein Haushalt ohne ­Videorekorder aus. Der Markt in Deutschland wuchs ­rasant. Lagen die Verkaufszahlen 1978 erst bei
80 000, waren es 1982 erstmals mehr als eine Million. Mit den japanischen Standards VHS von JVC und Betamax (Sony) sowie dem ­europäischen Format VCR/Video 2000 von Grundig und Philips kämpften anfangs drei Systeme um die Vorherrschaft. Mit VHS setzte sich ausgerechnet das technisch schwächste System durch und zog millionenfach in die Wohnzimmer ein. Es war eben billiger als die beiden Wettbewerber.

Wer erinnert sich nicht an die großen schwarzen Kassetten, das leidige Vor- und Zurückspulen, leiernde Tapes und den Supergau: Bandsalat. Das Wochenende wurde gerne in Videotheken eingeleitet. Man ­stattete sich für lange Filmnächte aus, wobei die angesagtesten Hollywood-Streifen meistens vergriffen waren. Cineasten trafen sich hier zum Fachsimpeln. Und natürlich gab es in jedem Laden die Schmuddelecke mit den Pornofilmen.

Den Höhepunkt erreichte der Markt für Videorekorder Anfang der 1990er-Jahre mit Absatzahlen von deutlich über drei Millionen Geräten im Jahr. Aber dann kamen die silbernen Scheiben. Mitte der 1990er-Jahre erschien die erste DVD, 2003 folgte das ­Blu-ray-System. Und so wie die CD zuvor die gute alte Schallplatte und die Audiokassette ablöste, wurde auch die Videokassette im Jahr 2002 endgültig verdrängt. Bei 64 Millionen verkauften Bildträgern entfielen damals laut Bundesverband audiovisuelle Medien (BVV) 55,4 Prozent auf die DVD. Bereits im Jahr zuvor war die teurere DVD das wichtigste Medium nach Umsatz gewesen. Als letzter größerer Hollywood-Film überhaupt erschien 2006 „A History of ­Violence“ neu auf VHS-Kassette.

Inzwischen haben es aber auch DVD und Blu-ray schwer. Denn das Netz wird immer leistungsfähiger und Streaming und Download-Angebote werden immer beliebter. Nach Angaben des BVV entfielen 2015 mehr als zwei Drittel der Ausgaben im deutschen Videoverleih auf Video-on-Demand, und dabei vor allem auf Streaming-Anbieter wie Maxdome und Netflix, bei denen zu einer monatlichen Pauschale ohne Limit geschaut werden kann. Ganz zu schweigen von illegalen Inhalten aus dem Netz, die eine enorme Grauzone darstellen.

Für Videotheken ist die Entwicklung dramatisch. Gab es im Jahr 2000 bundesweit noch mehr als 4500 Läden in Deutschland, blieb im vergangenen Jahr nur noch etwas mehr als ein Viertel davon übrig. Erst Ende Juni schloss die älteste Videothek Münchens nach 36 Jahren ihre Pforten. „Seit 2002 haben wir massive Probleme damit, dass Kunden die Produkte im Netz kostenlos und schneller bekommen“, erklärt Jörg Weinrich vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland, der die Daten erhebt.

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