Die neue Art des Spielens Revolutioniert "Social Gaming" eine ganze Industrie?

Social Games im sozialen Netzwerk Facebook begeistern Millionen User. Doch erst langsam wagen sich etablierte Firmen wie Ubisoft und Electronic Arts in das Terrain vor, das von Titeln wie "Farmville" und "Happy Aquarium" dominiert wird ...
21.05.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens-Ekkehard Bernerth

Social Games im sozialen Netzwerk Facebook begeistern Millionen User. Doch erst langsam wagen sich etablierte Firmen wie Ubisoft und Electronic Arts in das Terrain vor, das von Titeln wie "Farmville" und "Happy Aquarium" dominiert wird ...

Mit dem gigantischen Erfolg des sozialen Netzwerks Facebook entstand auch eine neue Art des Spielens: Statt gegen- wird mit- und füreinander gespielt, und das mit gigantischem Erfolg. Dass der Anspruch und die grafische Präsentation bei den sogenannten "Social Games" äußert minimal geraten sind, scheint viele nicht zu stören. Verwunderlicher ist, dass erst jetzt auch die großen Publisher wie Electronic Arts oder Ubisoft die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Nach Hause kommen, Computer anmachen, abschalten: Millionen User suchen nach der Arbeit, der Uni oder der Schule ihre Entspannung in den Weiten des Webs. Doch wo früher stundenlang gesurft und gechattet wurde, finden heute viele ihre Abwechslung in den Mikrokosmen von "Happy Aquarium" oder "Farmville".

Dahinter verbergen sich einfache, aber höchst erfolgreiche Spiele, in denen eine Farm aufgebaut oder die Bewohner eines Aquariums auf Trab gehalten werden wollen. Der Clou: Nur wer sich regelmäßig um seine Felder, Tiere oder Fische kümmert, erntet, füttert, putzt und Training abhält, erreicht höhere Stufen, kann neue Sachen kaufen oder neue Einwohner erwerben. Oder aber einen regen Tauschbetrieb mit Freunden aufziehen.

Denn hin und wieder tauchen Tierchen wie eine knuddelige Schildkröte oder ein putziges Nilpferd auf, die ein neues Zuhause suchen. Was liegt da näher, einem Freund aus der Facebook-Kontaktliste, der ebenfalls eine virtuelle Farm besitzt, mit den herrenlosen Pixeltieren und wenigen Klicks eine kleine Freude zu machen? Doch die Möglichkeiten gehen noch weiter: Es können Futter, Bauteile für den Farmausbau oder Aquariumsdeko verschenkt werden. Und sollte ein längerer Urlaub anstehen, darf die eigene Farm auch in Obhut eines Freundes gegeben werden.

So entsteht ein reger Spielbetrieb, der im Falle von "Farmville" knapp 80 der inzwischen über 400 Millionen Facebook-User in seinen Bann gezogen, demnächst auch Yahoo-Besucher begeistern soll und den Wert der Entwicklerfirma Zynga auf von Analysten geschätzte vier bis fünf Milliarden US-Dollar gehievt hat. In drei Jahren ist die Firma, die im Januar 2007 in San Francisco gegründet wurde und mittlerweile über 800 Angestellte hat, in die schwarzen Zahlen gekommen. Experten mutmaßen, dass Zyngas Umsatz im Jahr 2012 bei einer Milliarde US-Dollar liegen könnte, und das nur durch die Einnahmen im Bereich der Social Games, die sich klar an Gelegenheitsspieler in sozialen Netzwerken wie MySpace und Facebook richten. Denn wer schneller beim Farmausbau vorankommen will, kann gegen bares Geld Farmville-Dollar erwerben, mit denen sich dringend benötigte Utensilien oder praktische Helferchen kaufen lassen können.

Wenig verwunderlich, dass etablierte Spielefirmen wie Electronic Arts (EA) oder Ubisoft neidisch auf den kalifornischen Emporkömmling gucken und ebenfalls ein Stück des lukrativen Kuchens abhaben, gleichzeitig aber potenzielle Kunden anwerben wollen. Ubisoft wagte mit dem Wissensspiel "TickTock" erste Schritte im bislang unbekannten Facebook-Terrain, was laut Ubisofts Managing Director Ralf Wirsing "ein großartiger Start" war. Wirsing weiter: "Derzeit befinden sich viele neue und interessante Facebook-Spiele in der Entwicklung. Die Art und Weise, in der die Menschen Facebook als Spieleplattform nutzen, inspiriert unsere Entwickler ungemein."

Ebenfalls in der Mache befindet sich EAs "FIFA Superstars", das beim Entwickler Playfish Game, entsteht - jenem Social-Gaming-Expertenteam, das EA Ende 2009 für rund 300 Millionen US-Dollar kaufte. Potenzial, ein Facebook-Hit im Jahr der Fußball-WM in Südafrika zu werden, hat der Titel allemal. Doch EA verfolgt mit dem Engagement im sozialen Netzwerk noch andere Ziele: "Wir haben nicht nur die direkten Erlöse im Blick", erklärt PR-Director Martin Lorber. "Wir glauben, dass die Spielgewohnheiten in naher Zukunft noch vielfältiger werden. Dazu gehört nicht nur, dass zunehmend auch auf Mobiltelefonen, iPhone und iPad gespielt wird, sondern eben auch in Social Communities. Das wird das klassische Spiel auf einer stationären Konsole oder dem PC aber nicht ersetzen, sondern ergänzen."

Ubisoft-Sprecher Ralf Wirsing ist ähnlicher Meinung: "Social Gaming hat die Neugier vieler Leute geweckt, die bis dato keinerlei Erfahrungen mit Videospielen hatten. Unsere Branche entwickelt sich ständig weiter, und jede neue Plattform erlaubt es uns, neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen Spieler Spaß an unseren Produkten haben. Unser Ziel ist es, die Spieler überall zu erreichen, ganz gleich, wo oder wie sie spielen möchten."

Social Gaming als Einstieg in die Welt des Core-Gamings? Wenn es nach den Vorstellungen der Publisher ginge, wäre das der Idealweg und der Lohn für die Investitionen in den Social-Gaming-Bereich. Eine Strategie, die auch der US-amerikanische Publisher Take 2 zu verfolgen scheint. So werkelt Firaxis, das Studio des legendären Spieledesigners Sid Meier, für Take 2 nicht nur am fünften Teil der beliebten Strategiereihe "Civilization", sondern auch an "Civilization Network": Dahinter verbirgt sich eine Facebook-Variante des Welteroberungstitels, die Veteranen und Frischlinge gleichermaßen begeistern und zusätzlich das Interesse an "Civilization V" steigern soll, dessen Veröffentlichung für den Herbst angesetzt ist.

Aber auch Ubisoft, EA und THQ wollen ihr Engagement auf Facebook vertiefen und weitere Titel für das soziale Netzwerk rausbringen. Für die Firmen geht es um viel: Sinkende Umsätze im Spielemarkt haben bei vielen Unternehmen die Alarmglocken läuten und die Umsätze und Gewinne schmelzen lassen. Experten sehen vor allem die Social Games als Ursache - für die Branche Fluch und offenbar auch Segen.

Denn sollten die Entwickler den Geschmack der Leute treffen und tatsächlich Gelegenheitsspieler in Hardcorezocker verwandeln, könnte den Spielefirmen ein zweiter Frühling und Zynga & Co. ernsthafte Konkurrenz blühen. Doch bis es soweit ist, dürften noch einige Zeit vergehen, in der in vielen Haushalten nach der Arbeit nicht die neuesten Actionspiele in der Xbox 360 oder PlayStation3 rotieren, sondern putzige Knuddelfische in "Happy Aquarium" gehegt und gepflegt werden.

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