Soziale Medien

Selfie mit den Kindern - das sollten Sie beachten

Immer mehr Eltern teilen Fotos und Videos von ihren Kindern auf Instagram. Was sie dabei dabei beachten und vielleicht auch lieber lassen sollten.
31.10.2018, 22:05
Lesedauer: 5 Min
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Von Eva Przybyla

Unter dem blonden, gescheitelten Haar klebt auf Bos Stirn ein gelbes Nilpferdpflaster. Skeptisch schaut der Junge auf ein Trostgeschenk seiner Mutter, die auf der Online-Fotoplattform Instagram „Pinkepanki“ heißt. Unter das Foto hat sie geschrieben, dass sie mit ihrem Bo in die Notaufnahme des Kinder-UKE musste, einer Klinik in Hamburg. Der Post mit dem Gesicht ihres vielleicht fünfjährigen Sohnes hat über tausend Likes erhalten und ist für 63 000 Follower sowie Nutzer auf der ganzen Welt sichtbar.

Mit dem Bild hat „Pinkepanki“ einiges riskiert. Denn sie hat sowohl das Gesicht ihres Kindes klar erkennbar gezeigt als auch einen genauen Standort genannt – die Klinik. Jana Rump vom Kinderschutzzentrum in Bremen rät von beidem ab. Auch Namen und Alter des Kindes solle man als Elternteil nicht in sozialen Medien offenlegen. „Wir wissen nicht, was mit den Bildern und Informationen passiert“, sagt Rump. Im schlimmsten Fall könnten sie von potenziellen Straftätern benutzt werden, um sich dem Kind im echten Leben zu nähern. Eine „Grooming-Situation“ sei das, also eine Annäherungsstrategie von potenziellen Tätern und Täterinnen.

„Sie kennen dann das Kind aus dem Netz so gut, dass sie es einfach im echten Leben ansprechen können“, erklärt die Psychologin. Täter könnten etwa mit dem Namen der Eltern oder dem letzten Urlaubsort Vertrauen schaffen und dies dann ausnutzen. „Kleinere Kinder können vielleicht nicht beurteilen, woher ein Erwachsener diese Informationen hat“, sagt Rump.

Dabei ist das Bedürfnis der Eltern, ihre Kinder in sozialen Medien zu zeigen, für die Psychologin durchaus nachvollziehbar. Die Mütter und Väter seien nun mal stolz auf ihren Nachwuchs. „Sie haben das Bedürfnis, mit anderen die Entwicklung ihres Kindes zu teilen“, sagt Rump. Ein alter Drang, den Familien früher mit analogen Fotoalben ausgelebt hätten – allerdings im privaten Kreis.

Im Internet erreichen sie aber potenziell die ganze Welt. Dabei berühren sie die Persönlichkeitsrechte der Kinder. „Grundsätzlich darf ich Fotos von Menschen nur veröffentlichen, wenn die ihr Einverständnis gegeben haben“, erklärt Digitalrechtsexperte Gerrit Cegielka von der Verbraucherzentrale Bremen. Das Problem: Kinder können ihr Einverständnis gar nicht selbst erteilen. Erst ab 14 Jahren gehe man juristisch von der Entscheidungsfähigkeit von Jugendlichen aus, sagt der Rechtsexperte.

„Was wäre mir recht?“

Davor bestimmen die Eltern über die Kinderfotos und ihre Verbreitung. Eine schwierige Aufgabe, weiß Cegielka, aber meistens helfe ein einfacher Trick: „Im Grunde müssen sich die Eltern ein Stück zurücknehmen und sich in die Kinder hineinversetzen“, rät er. „Was wäre mir recht?“, sollten sich die Eltern fragen. Selbst wenn es nur vermeintlich harmlose Kinderfotos sind, können die Abgebildeten später dafür gemobbt werden.

Deshalb empfiehlt der Experte einen bewussten Umgang mit der Darstellung von Kindern auf Social-Media-Plattformen. „Nacktfotos sind ein No-Go!“, warnt er. Wenn man das Kind abbilde, dann am besten nicht allein, sondern immer mit einer erwachsenen Person. Außerdem rät der Experte dazu, das Kind nie frontal, sondern stets von hinten oder von der Seite zu zeigen, sodass das Gesicht nicht erkennbar sei. Sein Tipp: „So weit wie möglich anonymisieren.“ Dies können die Fotografinnen und Fotografen auch mit einem Smiley erreichen, den sie auf dem Gesicht des Kindes platzieren.

Nicht unbedingt nötig seien Hinweise, die die Verbreitung des Bildes untersagen. Es gelte ein grundsätzliches Verbot, Fotos ohne Einverständnis zu benutzen – allerdings nur für Nutzer und Nutzerinnen von Instagram. Manche Plattform lasse sich über die zustimmungspflichtigen Geschäftsbedingungen (AGBs) die Erlaubnis für eine Ausnahme erteilen, sagt Cegielka. Deswegen sollte man die AGBs der jeweiligen Plattform genau studieren. „Man muss im Klaren darüber sein, dass die Fotos weltweit öffentlich sein können“, sagt er. Im Zweifelsfall habe man keine Möglichkeit, sie zu löschen.

Einen vorsichtigen Umgang mit Kinderfotos macht ausgerechnet die Youtube- und Instagram-Ikone Bibi vor. Bianca Heinike, wie die Macherin des Channels „Bibis Beauty Palace“ eigentlich heißt, ist kürzlich Mutter geworden. Obwohl sie ihre Schwangerschaft noch mit ihren 6,3 Millionen Abonnenten auf Instagram teilte, blieben die Kinderfotos nach der Geburt aus. Doch die Fans machten Druck, sodass Heinike schließlich doch ein Foto teilte: Sie hält das Neugeborene mit dem Rücken zur Kamera, an ihren Körper geschmiegt. Den Kopf bedeckt sie mit ihrer Hand. Im Hintergrund ist ein austauschbares Interieur ohne jegliche private Anhaltspunkte zu sehen.

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Mehr als eine Million Likes und mehr als 48 000 Kommentare zeigen die Tragweite dieses Ereignisses. Doch manchen Fans ist das nicht genug: „Wann sagst du uns den Namen, warten schon lange drauf“, kommentiert eine Userin. Eine andere Nutzerin stimmt ein: „Verratet bald mal den Namen, der Kleine kriegt ja echt die wildesten Namen von euren Fans, das hält man nicht mehr aus“ – gefolgt von Tränen lachenden Smileys. „Kann im nächsten Video sein schönes Gesicht zeigen bitte“, schreibt ein weiterer Nutzer. Kritische Kommentare dazu, dass Bibi überhaupt ihr Kind postet, tun Fans mitunter als „schlechte Laune“ und „hate“ ab.

Dabei sprechen die Kritiker hier durchaus einen wichtigen Punkt an, findet Michael Schnell vom Grimme-Institut. Er leitet die Redaktion beim Verein Internet-ABC, einem Online-Nachschlagewerk für Lehrkräfte, Eltern und Kinder zu Themen rund um den Umgang mit dem Internet. Schnell rät Eltern, gar keine Fotos von ihren Schützlingen zu veröffentlichen, bevor diese mitentscheiden können. So seien Eltern auf der sicheren Seite.

Aber nicht nur das: Eltern sollten auch ihre eigene Darstellung im Netz kritisch reflektieren, meint Schnell. Wenn die Mutter oder der Vater alles über sich selbst im Netz preisgeben und ständig Fotos hochladen, seien sie keine Vorbilder für die Kinder mehr. „Mittlerweile wissen wir, dass es sehr stark auf das Vorbild der Eltern ankommt“, sagt der Experte. Kinder imitieren demnach das Verhalten der Erwachsenen. Wenn die Eltern also während der gemeinsamen Zeit auf dem Spielplatz am Handy seien, kopierten ihre Zöglinge das Verhalten, sobald sie ihr erstes Handy haben. Ein Handyverbot für die ganze Familie sowie das Verteufeln von Social Media lehnt Schnell jedoch ab: „Das gehört zur Lebenswelt der Kinder.“

Kinder müssen über Internetnutzung aufgeklärt werden

Es sei jedoch wichtig, dass man Kinder über die negativen und positiven Aspekte der Internetnutzung aufkläre. Zu Ersteren zählt Schnell Hasskommentare unter veröffentlichten Videos auf Youtube oder anderen Plattformen. Sowohl Eltern als auch Kinder seien von diesen Reaktionen oft überrascht und verletzt. „Es muss allen klar sein, dass es abwertende Leute im Internet gibt“, sagt Schnell. Genauso müssten gerade Jüngere vor Betrug und versteckten Kosten gewarnt werden, bei Apps etwa, die nach kurzer Nutzung plötzlich etwas kosten. Auch Datensicherheit müsse den Kleinsten vermittelt werden.

Trotz aller Gefahren mache Social Media einfach Spaß, weiß der Experte vom Internet-ABC, bei dem auch die Bremische Landesmedienanstalt Mitglied ist. Der Kontakt zu Freunden und Bekannten über die sozialen Medien sei wichtig. Beliebt sind Apps wie musical.ly oder tic toc, mit denen Heranwachsende Musikvideos verschicken können, zu denen sie den Gesang und die Performance mimen. Wenn sie dafür positive Reaktionen von Freunden und Familie bekämen, sei das auch etwas Schönes. „Grundsätzlich ist es eine Eigenschaft von Jugendlichen, sich zu präsentieren“, sagt Schnell. Dieses Anliegen könne in den sozialen Medien gut ausgelebt werden.

Wie sie sich präsentieren, sollte den Jugendlichen selbst überlassen sein. Wenn Eltern sich mit Fotos und Videos ihrer Kindern schmücken wollen, kann das problematisch sein. „Kinder könnten für die eigene Bestätigung genutzt werden“, sagt die Psychologin Jana Rump. Dabei sei das Ziel möglicherweise, Likes und damit Bestätigung zu bekommen. Hier sei eine aufmerksame Reflexion des eigenen Antriebs gefragt: „Ich muss mich fragen: Was möchte ich mit dem Post erreichen?“

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