Das Silicon Valley beeinflusst die Arbeitswelt schon heute enorm – doch nicht alle Ideen werden sich halten

„Viele Seifenblasen werden platzen“

Frau Pfeiffer, Sie sprechen heute über die „Schöne digitale Arbeitswelt“. Ist sie denn wirklich schön?Sabine Pfeiffer: Wir wissen aus vielen Studien, dass die Arbeit für Menschen eine hohe soziale Bedeutung hat. Der Anspruch, dass die Arbeitswelt schön sein soll, ist wichtiger geworden.
24.08.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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„Viele Seifenblasen werden platzen“
Von Lisa Boekhoff

Frau Pfeiffer, Sie sprechen heute über die „Schöne digitale Arbeitswelt“. Ist sie denn wirklich schön?

Sabine Pfeiffer: Wir wissen aus vielen Studien, dass die Arbeit für Menschen eine hohe soziale Bedeutung hat. Der Anspruch, dass die Arbeitswelt schön sein soll, ist wichtiger geworden. Generationen vor uns haben akzeptiert, dass Arbeit Mühsal sein kann. Für die jüngere Generation soll sie Schönes erfüllen – auch wenn die Realität oft anders aussieht.

Also doch nicht schön?

Wir haben es mit sehr widersprüchlichen Phänomenen zu tun. An vielen Arbeitsplätzen gibt es mehr Selbstbestimmung, Handlungsspielraum und Autonomie. Dort gibt kein autoritärer Chef Anweisungen, die zeitnah kontrolliert werden. Das begrüßt sicherlich jeder. Wir sehen aber auch, dass es einen Preis dafür zu zahlen gibt. Offensichtlich haben wir es nicht geschafft, die Arbeit so zu gestalten, dass sie nicht mit einer Zunahme psychischer Belastungen einhergeht.

Warum nimmt die Belastung mit der Freiheit zu?

Weil der ökonomische Druck extrem gestiegen ist. Mehr Leistung muss in kürzerer Zeit vollbracht werden. Die Überlast bleibt aber durch die Strukturen zunehmend am Einzelnen hängen. Durch die gewonnene Freiheit fühlt es sich für ihn zunächst gar nicht so an. Diese Entwicklung sehen wir an vielen Stellen.

Wie stellen Sie sich die Arbeitswelt in 50 Jahren vor?

Das liegt sehr an uns. Manches werden wir national gar nicht mehr entscheiden können, weil die Welt zu global geworden ist. Ich traue mir keine Prognose zu. Ich bin aber nicht hoffnungsvoll, dass es gelingt, eine schöne Arbeitswelt zu gestalten. Wir hätten eigentlich alle Möglichkeiten dafür in der Hand.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren?

Wir müssen uns die Frage stellen, wie die Arbeitswelt aussehen soll. Um es konkret zu machen: Wollen wir für unsere Kinder eine Arbeitswelt schaffen, die polarisiert, in der ein kleiner Teil zu den Gewinnern gehört und viele möglicherweise als neue digitale Tagelöhner arbeiten? Wobei es da nicht einmal um Tage geht. Cloud- und Crowd-Worker erledigen einzelne Aufgaben im Netz, die nur wenige Sekunden dauern. Über solche Micro-Tasks versuchen sie, ihr Monatseinkommen zu generieren. Damit sich die Arbeitswelt nicht in solche Parallelwelten auflöst, müssen wir richtig was tun.

Nimmt die Kluft zwischen besser und schlechter qualifizierten Menschen durch die Digitalisierung und Automatisierung der Welt noch zu?

Die Gefahr ist sehr groß. Viele Technologien kommen derzeit aus dem Silicon Valley aus der Logik eines US-amerikanischen und damit bereits stark polarisierten Arbeitsmarktes. Deshalb entsprechen die Plattformen dem Ansatz, dass Hochqualifizierte sie programmieren und schlechter Qualifizierte die Hausarbeiten machen. Wenn solche Geschäftsmodelle in andere Länder übernommen werden, befördert das möglicherweise auch dort die Polarisierung des Arbeitsmarkts.

Die Technologie ist also nicht allein dafür verantwortlich?

Wir haben Jahrzehnte einer schrittweisen Polarisierung der Gesellschaft hinter uns – auch in Deutschland. Die Ungleichheit hat extrem zugenommen, etwa im Bildungssystem. Wir merken das derzeit nur nicht, weil es uns gut geht und die Wirtschaft brummt. Die Ungleichheit hat mit Politik zu tun und ursächlich nichts mit technologischer Entwicklung. Sie kann diesen Prozess aber noch verstärken. Wir müssen uns als demokratische Gesellschaft fragen, was es heißt, wenn Menschen zu unterschiedliche Lebensbedingungen haben. Ich denke, die ersten Vorzeichen spüren wir alle gerade atmosphärisch.

Wie lässt sich die Polarisierung aufhalten?

Wir können entscheiden, dass es anders sein soll. Es sollte darum gehen, einen eigenen Weg zu finden und nicht das Silicon Valley unkritisch zu adaptieren. Deshalb diskutieren wir über die Industrie 4.0 – das ist ein positives Zeichen. Das passiert in anderen Ländern so nicht.

Wenn Maschinen Arbeitsplätze ersetzen, werden immer weniger Menschen für die Produktion benötigt. Ist diese Angst berechtigt?

Ja und nein. Automatisierung wurde immer dafür eingesetzt, Menschen zu ersetzen. Wir hatten schon große Umwälzungen durch die Digitalisierung etwa in der Druckerindustrie oder im Bankenwesen. Gleichzeitig sehen wir, dass neue Arbeitsplätze dazugekommen sind. Wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt, fällt trotzdem jemand durch das Raster. Das dürfte uns eigentlich nicht passieren. Was sich in Zukunft am schnellsten auf den Arbeitsmarkt auswirken könnte ist, wenn das autonome Fahren kommt.

Wie viel Wandel am Arbeitsplatz gibt es heute schon?

Wir haben an unserem Lehrstuhl dazu eigene Untersuchungen gemacht. Wir konnten errechnen, dass 71 Prozent aller Beschäftigten über alle Branchen hinweg jetzt schon einen starken Wandel erleben und ihn offensichtlich auch bewältigen.

Industrie 4.0 ist das Zauberwort für Politik und Wirtschaft. Doch haben sie eigentlich verstanden, worum es dabei geht?

Es ist wirklich ein Schlagwort und jeder versteht darunter, was er möchte. Teils werden Technologien damit verbunden, die wir schon längst haben. Sie erscheinen aber für die Menschen neu, die sich in den letzten Jahren nicht mehr mit Produktion und Industrie beschäftigt haben. In den vergangenen 20 Jahren sind die Politik und der gesellschaftliche Diskurs davon ausgegangen, dass Industrie hier keine Rolle mehr spielt. Das hat nie wirklich gestimmt. Deswegen werden Technologien unter Industrie 4.0 verstanden, die es schon seit Jahren gibt. Andere Dinge sind dagegen derart Zukunftsmusik, damit werden wir uns in unserer Lebensspanne nicht mehr beschäftigen müssen.

Was zum Beispiel?

Derzeit sind Roboter in einem Käfig untergebracht. Es wäre gefährlich, ihnen zu nahe zu kommen, aufgrund ihrer Geschwindigkeit und Kraft. Nun gibt es Bilder vom Kollegen Roboter, der aus dem Käfig hinauskommt und den Menschen unterstützt. Doch der Roboter wird nicht selbstständig erkennen, wann seine Hilfe gebraucht wird und in welcher Form. Dafür wäre viel künstliche Intelligenz nötig. Das ist im Moment noch unrealistisch. In den Bildern wird dem Roboter diese Intelligenz aber zugesprochen.

Worum geht es aus Ihrer Sicht eigentlich?

Was neu ist und was viele nicht verstanden haben ist, dass jedes Unternehmen selbst entscheiden muss, welche Facetten der Technologien es braucht. Unternehmen müssten ganz unterschiedliche Wege gehen. In Politik und Wirtschaft diskutieren wir dieses Phänomen als müsste man herausfinden, was Industrie 4.0 genau ist und dann kann man eindeutig sagen, was in den Unternehmen passieren muss. Wenn wirklich irgendwas 4.0 ist, dann die große Herausforderung, dass wir uns von der Idee wegbewegen, dass alle in dieselbe Richtung gehen müssen. Manager müssten dort kreativ werden. Man merkt vielen Führungskräften an, dass sie händeringend darauf warten, dass jemand ihnen sagt, was richtig ist.

Hängt das mit der Größe eines Unternehmens zusammen?

Nein, es betrifft beide. Kleinere Unternehmen können nicht so leicht investieren, sie müssen vorsichtiger sein. Sie haben allerdings den Vorteil, schneller eine neue Strategie umsetzen zu können. Große Unternehmen brauchen dafür mehr Zeit und sind weniger beweglich. Sie können dafür Technologie einkaufen, etwa ein Start-up, oder haben ganze Abteilungen, die sich nur mit Zukunftsfragen beschäftigen. Manchmal sind die großen Unternehmen auch erfolgsverwöhnt. Das sieht man in der Automobilindustrie. Neue Ansätze wurden nicht ernst genommen.

Wen meinen Sie konkret?

Das trifft die ganze klassische Automobilindustrie. Sie hat zu lange auf den Verbrennungsmotor gesetzt. Konzepte zu E-Mobilität oder zum Wasserstoffantrieb hat man in der Schublade gelassen, weil das Modell noch wunderbar funktionierte. So musste man sich nicht zu viel bewegen. Das hat man vielleicht zu lange gemacht. Die großen Automobilkonzerne sind mittlerweile gehörig aufgewacht.

Hat die deutsche Wirtschaft insgesamt Entwicklungen verschlafen?

Das würde ich nicht so sehen. Wenn wir uns die Industrie 4.0 anschauen, dann ist Deutschland extrem gut aufgestellt und hoch digitalisiert. Wenn es um klassische Digitalisierung geht, also Computertechnologien und das Internet, ist das anders. Da war Deutschland in den 60er- und 70er-Jahren vorne dabei und hat dann einige Weichenstellungen verpasst. Vieles wird sich aber auch abkühlen. Jetzt schielt alles auf das Silicon Valley. Viele Seifenblasen werden wir aber auch platzen sehen, Start-ups und Technologien, die langfristig keinen ökonomischen Erfolg haben. Mein Eindruck ist, dass wir im Moment auch eine hysterische Diskussion führen.

Wie würden Sie das Schlagwort Industrie 4.0 mit einfachen Worten erklären?

Das Internet soll sich auf physische Gegenstände ausweiten, von denen wir in der Produktion viele haben: Maschinen, Werkzeuge, Transportmittel und die Produktionsstücke selbst. All diese Dinge sind selbst Datenträger und können miteinander kommunizieren. Es gibt eine weitere Ebene der Vernetzung. Dazu kommen neue Ansätze in der Robotik, im 3-D-Druck und im Bereich Wearables, wie die Datenbrille oder den intelligenten Arbeitshandschuh, und schließlich Big Data.

Über die Zukunft lassen sich nur Prognosen anstellen. Welche Science-Fiction hat Ihrer Meinung nach am besten vorweggenommen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt?

Das Buch „The Circle“ ist eigentlich keine Science-Fiction, sondern handelt von einer Gesellschaft, die zeitlich schon vor der Tür steht. Es gibt einen Konzern, den man sich wie Apple, Google und Facebook in einem vorstellen muss. Die Geschichte beschreibt, wie der Umgang mit Privatheit immer mehr entgleitet und die Protagonistin sich freiwillig hinein begibt in diese schöne neue Arbeitswelt. Gleichzeitig partizipiert ein großer Teil der Gesellschaft an ihr gar nicht. Das denkt heutige Entwicklungen weiter.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Zur Person

Sabine Pfeiffer ist Professorin für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Universität Hohenheim und in München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Informatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt.
Digitaler Salon „Schöne digitale Arbeitswelt“ – zu diesem Thema spricht Sabine Pfeiffer mit Regine Geraedts von der Arbeitnehmerkammer an diesem Mittwoch, 24. August. Dabei soll es um Akteure, Interessen und Dynamiken gehen. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr im Kultursaal der Arbeitnehmerkammer und ist Auftakt zur neuen Diskussionsreihe „Digitaler Salon“. Anmeldung unter Telefon 36 30 19 78 oder per Mail an schoebel@arbeitnehmerkammer.de.
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