Thesen und Fakten

Was das Smartphone mit uns macht

Viele Menschen haben Angst vor gesundheitlichen Schäden durch ihr Handy, doch nicht alle sind begründet. Sieben Thesen und Fakten zur Smartphone-Nutzung.
02.01.2019, 20:42
Lesedauer: 5 Min
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Von Janne Kieselbach
Was das Smartphone mit uns macht

Smartphones eignen sich nicht als Begleiter in den Schlaf.

Karolin Krämer/dpa-tmn

Es ist ein kleines Gerät, das unseren Alltag revolutioniert hat. Seit gut zehn Jahren ist das Smartphone auf dem Vormarsch – mittlerweile nutzen es acht von zehn Menschen in Deutschland. Der Branchenverband Bitkom schätzt die Zahl der Smartphone-Nutzer hierzulande auf 57 Millionen. Längst hat die Technik das Land erobert, viele Menschen aber sind verunsichert: Was machen Smartphones mit unserer Gesundheit? Können sie süchtig machen oder sogar Krebs verursachen? Sieben Thesen und die Fakten:

Behauptung: Smartphones können süchtig machen.

Die Fakten: „Mit der Ankunft des Smartphones hat die Online-Sucht eine neue Dynamik erhalten“, sagt der Suchtforscher Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen bei München. Insbesondere die Abhängigkeit von sozialen Medien habe durch das Smartphone zugenommen. „Wenn morgens der erste Blick aufs Handy geht und abends auch der letzte, dann müssen sich Betroffene fragen: Dient dieses Gerät noch mir oder diene ich ihm?“

Rund ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland gilt bereits als internetabhängig. Betroffen sind vor allem Jüngere: In der Altersgruppe von 14 bis 24 Jahren zeigen 2,4 Prozent der Frauen und 2,5 Prozent der Männer ein Suchtverhalten. Zu diesem Ergebnis kommt die sogenannte Pinta-Studie, die im Auftrag der Bundesregierung von dem Lübecker Psychologen Hans-Jürgen Rumpf durchgeführt wurde.

Te Wildt empfiehlt, die eigene Nutzung zu kontrollieren: „Es ist sinnvoll, sich Zeiten, Räume und Situationen zu überlegen, in denen das Smartphone aus ist – das kann beim Essen sein oder eine Stunde vor dem Schlafengehen.“

Behauptung: Smartphone-Nutzung kann Rücken und Händen schaden.

Die Fakten: „Smartphones vereinen Display und Tastatur. Durch diese Einheit ist es eigentlich nicht möglich, eine Haltung zu finden, die gleichzeitig für alle Körperbereiche optimal ist“, sagt Patricia Tegtmeier von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Sie hat mit ihrem Team 41 Studien aus den Jahren 2007 bis 2016 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis: „Wenn das Smartphone sehr intensiv und andauernd genutzt wird, kann sich das Risiko für Muskel-Skelett-Erkrankungen erhöhen.“

„Touchscreen-Geräte sind grundsätzlich für eine kurze Nutzung sinnvoll. Wenn man aber längere Texte tippen will, sollte man eine externe Tastatur nutzen“, sagt Tegtmeier. Außerdem empfiehlt sie, die Haltung häufig zu wechseln. „Statt das Smartphone nur in einer Hand zu halten, kann man auch mal beide Hände benutzen.“

Behauptung: Das blaue Licht des Smartphones kann die Netzhaut der Augen schädigen und sogar zur Erblindung führen.

Die Fakten: Im Juli vergangenen Jahres erhielt ein Beitrag in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ viel Aufmerksamkeit. Ein Team der Universität Toledo in den USA wollte herausgefunden haben, dass der Blauanteil im Displaylicht von Smartphones und Computern Erblindung verursachen kann. Das kurzwellige Licht rege in den lichtsensiblen Zellen des Auges die Produktion giftiger Moleküle an, so die Forscher.

Diese Einschätzung ist sehr umstritten. Das wissenschaftliche Komitee der EU-Kommission für Gesundheitsfragen erklärte noch im Juni: „Studien zeigen, dass die Lichtintensität von LED-Displays, die in Fernsehgeräten, Laptops, Telefonen, Tablets oder Spielzeug verbaut sind, weniger als zehn Prozent der Höchstintensität beträgt, die zum Schutz der Netzhaut definiert worden ist. Das heißt, sie stellt bei normaler Nutzung kein Risiko für die Augen dar.“

Behauptung: Wer abends lange aufs Smartphone schaut, schläft schlechter ein.

Die Fakten: Viele Menschen greifen kurz vorm Schlafengehen noch einmal zum Handy. Sie checken E-Mails, lesen Nachrichten oder skypen mit dem Partner. Wissenschaftler raten hiervon ab. Denn auch wenn der Blauanteil im Licht des Smartphone-Displays keine Schäden der Netzhaut verursachen sollte, stört es doch den Schlaf.

„Es kann nachweislich zu einer Unterdrückung des Hormons Melatonin kommen“, sagt Ljiljana Udovičić von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Und das ist ein Problem: Melatonin macht uns abends müde, normalerweise wird das Hormon bei Dunkelheit ausgeschüttet. Doch das helle Licht des Smartphones signalisiert dem Körper genau das Gegenteil: Es ist Tag, bleibe wach!

Für alle, die nicht aufs Handy verzichten und trotzdem besser schlafen wollen, hat Udovičić einen Tipp: „Es empfiehlt sich, den ­Nacht­modus des Smartphones einzuschalten.“ ­Einige Geräte bieten die Möglichkeit, den ­Anteil des Blaulichts zu reduzieren und damit die ­Melatonin-Ausschüttung nicht zu ge­fährden.

Behauptung: Die elektromagnetische Strahlung von Smartphones kann Krebs verursachen.

Die Fakten: Für viel Aufsehen sorgte im April vergangenen Jahres ein Gerichtsurteil in Italien. Einem Mann wurde Schmerzensgeld zugesprochen, weil in seinem Kopf ein Hirntumor gewachsen war. Die Richter bewerteten den Krebs und seine Folgen als Berufskrankheit – der Mann hatte für seinen Arbeitgeber täglich mehrere Stunden mit dem Handy telefoniert.

Kann Handy-Strahlung folglich als krebserregend gelten? „Nein“, sagt Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). „Wir haben keinen Nachweis, dass die Smartphone-Nutzung bei Einhaltung der internationalen Grenzwerte Krebs verursachen könnte.“ Zwar seien die Studien noch nicht in der Lage, völlige Sicherheit zu geben, weil sich Tumore über lange Zeit entwickelten. „Aber mit jedem Jahr, in dem wir keinen Anstieg an Erkrankungen sehen, erhalten wir mehr Gewissheit.“

Die bislang größte Langzeitstudie „Interphone“ mit mehr als 12.000 Teilnehmern kam 2010 zu dem Ergebnis, dass bei durchschnittlicher Nutzung des Handys kein erhöhtes Tumorrisiko für Erwachsene besteht. Allerdings beanstandeten Kritiker handwerkliche Fehler des internationalen Projekts. Eine andere Langzeituntersuchung hat deshalb bereits begonnen: Im Rahmen der sogenannten Cosmos-Studie werden seit elf Jahren 290.000 Handy-Nutzer in fünf europäischen Ländern medizinisch gecheckt. Erste Ergebnisse stehen noch aus. Wegen der verbleibenden Unsicherheit bezüglich der Langzeitnutzung empfiehlt Ziegelberger, das Handy so selten wie möglich direkt an den Kopf zu halten. Ein Headset oder die Lautsprecherfunktion seien gute Alternativen.

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Behauptung: Schon allein der WLAN-Betrieb eines Smartphones kann schädliche Strahlung verursachen.

Die Fakten: Eine Studie im Auftrag des ­Bundesamtes für Strahlenschutz kam bereits 2005 zu dem Ergebnis, dass die Strahlen­belastung durch WLAN-Geräte bei unter 0,1 Prozent des EU-Grenzwertes liegt. Selbst in unmittelbarer Nähe zum Körper könne keine Strahlung im gesundheitsschädlichen Bereich gemessen werden. „Die Sendeleistung von WLAN ist sehr niedrig, sie liegt im Milliwatt-Bereich“, erklärt Ziegelberger. Zum Vergleich: Eine einzelne Antenne einer Mobilfunksendeanlage sendet bei maximaler Auslastung mit bis zu 50 Watt, ein Smartphone kommt auf etwa ein Watt.

Behauptung: Ein Handy in der Hosentasche kann bei Männern die Fruchtbarkeit reduzieren.

Die Fakten: Wo ist das Smartphone immer griffbereit? Richtig, in der Hosentasche. Deshalb bewahren viele Männer das Handy in der Nähe ihres Geschlechtsteils auf. Weit verbreitet ist die Behauptung, dass die Technik Einfluss auf die Spermienbildung und somit auf die Fruchtbarkeit nehmen kann.

Richtig ist, dass die Hoden ebenso wie die Augen zu den temperatursensiblen Körperteilen gehören. Wenn sie dauerhaft zu warm ­werden, stört das ihre Funktion. „Die Spermienbildung wird durch eine Temperaturerhöhung um mehr als ein Grad nachweislich unterdrückt“, sagt Ziegelberger. Allerdings seien die Wärme des Handy-Akkus oder die Strahlungsenergie für diesen Effekt nicht ausreichend.

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