Mittlerweile kursieren jede Menge Diagnose-Applikationen im Netz – Vor einigen warnen Experten ausdrücklich Was taugt Doktor App?

Diagnose- und Gesundheitsapps sollen über Krankheiten aufklären oder Patienten bei unverständlichen Diagnosen unterstützen. Tatsächlich sind nur wenige Applikationen sinnvoll, von den meisten raten Experten eher ab. Viele Apps machen falsche Versprechen, ersetzen mitnichten einen Arztbesuch und können sogar richtig gefährlich sein.
29.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Was taugt Doktor App?
Von Kira Pieper

Diagnose- und Gesundheitsapps sollen über Krankheiten aufklären oder Patienten bei unverständlichen Diagnosen unterstützen. Tatsächlich sind nur wenige Applikationen sinnvoll, von den meisten raten Experten eher ab. Viele Apps machen falsche Versprechen, ersetzen mitnichten einen Arztbesuch und können sogar richtig gefährlich sein.

Die Sehne im Unterarm schmerzt, die Finger auch. Was könnte das sein? Schnell beim Arzt anrufen und einen Termin vereinbaren – doch das dauert viel zu lange und ist zeitaufwendig. Also muss das Smartphone helfen. Im App-Store rasch die kostenlose Applikation „Was fehlt mir?“ herunterladen, dann die Symptome eingeben und – schon weiß man Bescheid: Es könnte mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Sehnenscheidenentzündung sein. Aber auch eine Nagelbettentzündung ist möglich – oder eine Verrenkung. Als Patient bleibt man nach dieser Diagnose per App dann doch eher ratlos zurück.

Die Anbieter von Applikationen überschlagen sich mit Diagnose- und Gesundheitsapps. Es gibt mittlerweile viele unterschiedliche Angebote: Man kann Hörtests mithilfe der Kopfhörer seines Smartphone machen, mit einem zusätzlichen Adapter soll man sogar seinen Restalkohol im Atem testen können. Mit der App „Klara“ und der Smartphone-Kamera kann der Patient sein „auffälliges“ Muttermal fotografieren, die App leitet das Foto dann an einen Dermatologen weiter. Der gibt binnen weniger Stunden seine Fern-Einschätzung ab: Ist das tatsächlich ein harmloser Leberfleck oder doch der gefährliche schwarze Hautkrebs? Die App „Dermoscreen“ scannt dank der Smartphone-Kamera Leberflecken völlig selbstständig und berechnet das Hautkrebsrisiko dann – gleich ganz ohne Dermatologen.

Apps ersetzen keine Diagnose

Experten mahnen zur Vorsicht. „Apps können eine ärztliche Diagnose nicht ersetzen“, sagt Urs-Vito Albrecht. Der Medizin-Informatiker vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt sich seit Jahren mit medizinischen Apps. Applikationen, die eine Diagnose versprechen, sollte man mit gesundem Misstrauen begegnen, sagt der Experte. Denn oftmals sei unklar, auf welcher Grundlage eine App ihre Diagnose erstelle. Zum Beispiel wisse man nicht, ob die angewendeten Algorithmen für den Anwendungszweck überhaupt geeignet seien. Außerdem sei für eine Diagnose das Gesamtbild des Patienten entscheidend und nicht reine Zahlenwerte. Dies hätte auch eine Studie ergeben, die belegte, dass Apps in ihren Diagnosen sehr fehlerhaft seien, sagt Albrecht.

Johannes Schenkel, Referent für Telemedizin bei der Bundesärztekammer, gibt einen weiteren Punkt zu bedenken: In Deutschland gelte ein Fernbehandlungsverbot. Das heißt, dass ein Arzt keine Diagnose stellen darf, solange er den Patienten nicht eigenhändig untersucht hat. Eine Diagnose auf Grundlage eines Fotos ohne direkten Arztkontakt ist also unzulässig. „Und wir wissen von Fällen, wo genau das passiert ist.“ Sinnvoll seien, laut Albrecht, hingegen Apps, die Informationen über Krankheiten verständlich aufbereiten oder Patienten bei einer bereits diagnostizierten Krankheit helfen würden.

In diese Kategorie fallen diverse Tagebuch-Apps, zum Beispiel wo Diabetiker Tag für Tag ihre Blutzuckerwerte eintragen können oder Risikopatienten dank der Anwendung einen Überblick über ihre Blutdruckdaten bekommen. Auch Applikationen, die ihren Nutzer an die Einnahme von Medikamenten erinnern, haben laut Albrecht eine Berechtigung. Gleiches bestätigt auch Johannes Schenkel: Generell sei es zu begrüßen, wenn sich Menschen mit ihrer Gesundheit auseinandersetzten.

Für den Verbraucher ist es aktuell noch sehr schwierig, gute Gesundheitsapps auf Anhieb zu erkennen. Gute Apps hätten eine sogenannte CE-Kennung, erläutert Albrecht. Sie sind also staatlichen Regulationen unterworfen. Einige Unternehmen erwerben für ihre Apps auch Zertifikate privater Anbieter. Doch deren Qualität sei noch nicht ausreichend gesichert, mahnt der Medizin-Informatiker. Somit gilt für Verbraucher, möglichst umfangreiche Informationen über die ausgewählte App einzuholen, ehe man seine Daten preisgibt. Unter anderem sollte klar angegeben werden, wie der Anbieter mit den sensiblen Daten umgeht. Johannes Schenkel weist außerdem darauf hin, dass es sinnvoll sein kann, den Facharzt nach seiner Meinung zu der jeweiligen Applikation zu fragen. Sicherlich sei ein Mediziner in der Regel kein App-Spezialist, „aber den medizinischen Inhalt der App kann er beurteilen“, sagt der Referent, der selber als Arzt praktiziert.

Patient informierter als früher

Darüber wie viele Deutsche mittlerweile auf Diagnose- und Gesundheitsapps zurückgreifen, gebe es bislang keine Erhebungen, sagt Schenkel. „Wir wissen auch noch nicht, wer die Apps nutzt.“ Die Veränderungen durch das Internet und Apps bekommen die Ärzte jedenfalls schon zu spüren. Denn meist sitze vor dem Mediziner mittlerweile ein gut informierter Patient, erläutert Schenkel. Viele würden ihre Symptome, bevor sie zum Arzt gingen, bereits zumindest einmal googeln. Der Mediziner müsse darauf vorbereitet sein. Denn zum einen müsse er dem Erkrankten durch den Wust an Internet-Informationen helfen, zum anderen müsse er ihm auch die Angst nehmen. Das werde notwendig, wenn der Patient an sich eine schlimmere Diagnose stellt, als der Arzt.

Fest steht, Gesundheitsapps können kleine Helfer im Alltag sein, aber keinesfalls ein adäquater Arztersatz. Medizin-Informatiker Albrecht sagt: „Aktuell haben Apps noch viel zu viele Schwachstellen, um einen Arzt zu ersetzen.“ Auch in Zukunft werde es nach seiner Ansicht wohl der Arzt sein, der die verlässlichste Diagnose stellt. Dennoch können Diagnose-Apps zum Beispiel in Kriegs- und Krisengebieten oder schwer zugänglichen Bereichen, wie in der Wüste oder im Weltraum hilfreich sein. Eben überall dort, wo keine schnelle medizinische Hilfe möglich ist. Somit wird auch weiterhin an Diagnosemöglichkeiten via Smartphone gearbeitet, sagt Albrecht. „Und wir können gespannt sein, was uns da noch erwartet.“

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