Kulturelles Online-Angebot

Wie sich Theaterhäuser online ausprobieren

Ob Interviews mit den Schauspielern, Mitschnitte alter Generalproben oder Aufführungen über Videochat: Die Theaterlandschaft zeigt, wie man online und digital Kultur schaffen kann.
09.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich Theaterhäuser online ausprobieren
Von Frieda Ahrens
Wie sich Theaterhäuser online ausprobieren

Viele Häuser haben sich digital und online ausprobiert, um aus der derzeitigen Situation das Beste zu machen.

Focke Strangmann

Das Theater lebt von Raum, von Publikumsinteraktion, von vollen Sälen. Nun mussten wegen der Kontaktbeschränkungen die Theaterhäuser schließen, die Stühle und Ränge blieben leer. Viele Häuser haben sich also digital und online ausprobiert.

Mitschnitt von Aufführungen

Ein einfaches und beliebtes Mittel, Theater online zu konsumieren, ist, den Mitschnitt einer Aufführung oder Probe anzuschauen. In der ZDF-Mediathek stehen beispielsweise die Stücke „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ des Theater Basel, „Persona“ des Deutschen Theater in Berlin und des Stadsteater Malmö sowie „Hamlet“ vom Schauspielhaus Bochum bis Ende Juli zum kostenfreien Abruf bereit. Da es rechtlich nicht ganz einfach ist, Stücke online frei zur Verfügung zu stellen, sind auf vielen Websites der Theaterhäuser die Videos nur für eine bestimmte Zeit abrufbar. So hatte beispielsweise die Schaubühne in Berlin einen Online-Ersatzspielplan, bei dem auch viele Klassiker aus den 1970er- und 1980er-Jahren angeboten wurden.

Bei den Mitschnitten gibt es den klaren Unterschied zwischen Archivmaterial und neuen Aufnahmen. Also Angebote, die nicht schon vor der Corona-Pandemie aufgeführt und mitgeschnitten wurden, sondern extra dafür aufgenommen und vor allem digital gedacht wurden. Hier kann es sich sowohl um Streaming-Angebote handeln – also Aufführungen, die man live streamen konnte –, und damit etwa um Aufzeichnungen der Stücke vor leeren Stühlen. Die „Hamlet“-Inszenierung vom Schauspielhaus Bochum ist zum Beispiel professionell im Theatersaal ohne Publikum gefilmt worden. Es war ein extra Fernsehdrehteam dabei, die Schnitte und Blickausschnitte sind bewusst gesetzt.

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Das ist bei Mitschnitten von Probematerial oft anders, da diese vorher eher für interne Zwecke oder für Trailer der Stücke gedacht waren. Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg bietet unter anderem solche Mitschnitte an: „Die Vorstellungen wurden bei uns kurz vor den Premieren mitgeschnitten, genau genommen besuchen Sie also Proben, die wir technisch sehr unaufwendig – eigentlich nur für den internen Gebrauch – dokumentiert haben“, heißt es auf der Website des Hauses. Unter „SchauSpielHausStream“ ist dort momentan die Aufführung „Goethes Faust. Wurzel aus 1 + 2“ online zu finden.

Das Thalia Theater in Hamburg zeigt auf ihrer Website beides: sowohl neue Formate, als auch Aufzeichnungen aus dem Archiv. Jeden Abend um 19 Uhr geht für 24 Stunden ein anderes Stück online. Aktuelle Repertoire-Vorstellungen, Höhepunkte aus den vergangenen Spielzeiten und berühmte Inszenierungen aus den 80er-, 90er- und Nuller-Jahren.

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Anna Seitz, Dramaturgin und Gastprofessorin für Dramaturgie und Medientheorie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, war sehr angetan von einem Königinnen-Drama des Thalia Theaters, bei der die Kamera schon hinter der Bühne bei den Vorbereitungen dabei war. Man sah die Hauptdarstellerin sich schminken, da Maskenbilder wegen der Kontaktbeschränkungen nicht mehr arbeiten durften. Schon backstage habe sie angefangen, die Rolle der Königin zu spielen, so Seitz.

„Es gibt gute und weniger gute Arten, Theater digital umzusetzen“, sagt Seitz weiter. Der einfache Mitschnitt einer Aufführung sei eher ein Film und habe noch wenig mit dem eigentlichen Theater zu tun. Theater lebe von Raum und von dem Publikum als interaktives Kollektiv. Bei einer Aufnahme, die sich jeder allein daheim vor dem Bildschirm anschaut, sei das Publikum weder interaktiv noch kollektiv. Die Filme seien dann ein Konsummittel, für das Theater eigentlich genau nicht stehe.

Darstellungen bei „Zoom“

Zusammen mit Simon Makhali und Tom Schröpfer vom Theater der Versammlung der Uni Bremen hat die Hamburger Dramaturgin Studierenden die Aufgabe gegeben, die Software „Zoom“, die eigentlich für Videokonferenzen da ist, für eine Inszenierung zu nutzen. Jeder Schauspieler sowie alle Zuschauenden waren bei sich zu Hause und mit eigenem Bild dazugeschaltet. „Wenn sich bei einer normalen Vorstellung im Theater jemand im Publikum entscheidet aufzustehen und ein Lied zu singen, ist das Stück ruiniert“, sagt Seitz. Aber gerade von dieser Spannung lebe das Theater und dies sei über solch eine „Zoom“-Aufführung wieder möglich – genauso wie positive, gewollte Interaktion.

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Simon Makhali, Dramaturg am Zentrum für Performance Studies an der Uni Bremen, sagt, die Studierenden hätten die Zuschauenden bei der Aufführung genau dazu herausgefordert. Bei einer Szene aus „Hamlet“ habe die Königin ihren „Hofstaat“ dazu animiert, gleichzeitig nach oben zu schauen, dann nach links, dann nach rechts. So erschienen für die Zuschauenden mehrere Kästen auf dem Bildschirm, auf dem sich die Personen synchron bewegen. Dann habe die Königin alle gebeten, sich dem „Hofstaat“ anzuschließen und die Bewegungen zu kopieren. „,Zoom' bietet die Möglichkeit der Kollektivierung“, sagt Seitz.

Doch nicht nur in Bremen wurde das Medium „Zoom“ für Aufführungen genutzt. Das Evangelisch Stiftisches Gymnasium Gütersloh (ESG) hat bei dem Digitaltag 2020 Mitte Juni das Stück „Die Schokoladenfabrik“ präsentiert. „Alle zwölf Akteure spielen an einem eigenen Ort, aber alle spielen als Ensemble zusammen. Wir zeigen ein Video – aber es ist kein Film. Es ist ein komplettes Bühnenstück – aber ohne Bühne“, heißt es auf der Website. Unter www.theateresg.de kann man das Stück immer noch anschauen.

Alternative Angebote digital

Viele andere Theaterhäuser haben sich auf andere Arten der digitalen Angebote fokussiert. So hat das Deutsche Schauspielhaus neben dem Stream beispielsweise regelmäßig Interviews mit ihren Schauspielern und Schauspielerinnen veröffentlicht und unter dem Titel „SchauSpielHausBesuch“ auf Youtube hochgeladen. Dafür hat sich die Regisseurin Karin Beier mit den Ensemblemitglieder zum Zweiergespräch über das Leben mit Corona und ohne Theater getroffen. Zu jedem Gespräch gab es einen anderen Schwerpunkt: einen Text, ein Lied, eine kleine Performance oder ein Kunststück.

Das Theater Hagen hat auf seiner Seite unter dem Titel „Couchtheater“ ein vielseitiges Programm. Neben Probemitschnitten finden sich dort Origami-Falt-Seminare, Online-Balletttraining und Oper-Podcasts. Am ungewöhnlichsten ist aber vielleicht: Scratch@home. Jeden Freitag gibt es auf der Website des Theaters ein Mitsing-Video. Die Noten sind vorher online als PDF-Datei abrufbar. Vor dem Bildschirm können die Teilnehmer dann mit den Solisten des Theaters zusammen singen. Von „Der Mond ist aufgegangen“ über „You never walk alone“ bis zu „Happy“ sind alle Genres vertreten – ein Stück Kultur über den PC ins eigene Wohnzimmer.

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