Wie kostenlose Apps Seh- und Hörgeschädigten den Kinobesuch ermöglichen

Wenn Greta flüstert

Bremen. Anette Paul und Martina Reicksmann sitzen im Kinosaal des Bremer Cinemaxx. Die Freundinnen verfolgen das Geschehen auf der großen Leinwand –„Everest“, das Bergersteiger-Drama mit Jake Gyllenhaal und Keira Knightley.
04.02.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Wenn Greta flüstert
Von Felix Frank
Wenn Greta flüstert

Eine App für Smartphones ermöglicht es Blinden und Tauben, Kinos zu besuchen.

Cora Sundmacher

Anette Paul und Martina Reicksmann sitzen im Kinosaal des Bremer Cinemaxx. Die Freundinnen verfolgen das Geschehen auf der großen Leinwand – „Everest“, das Bergersteiger-Drama mit Jake Gyllenhaal und Keira Knightley. Ein ganz normaler Kinobesuch. Doch was auffällt: Beide tragen jeweils in einem Ohr einen In-Ear-Kopfhörer. Paul und Reicksmann sind blind. Deshalb haben sie noch eine gute Freundin dabei: Greta. Eine App, die ihnen Audiobeschreibungen flüstert. Das sei eine „totale Erleichterung“, sagt Paul. Sie könne dem Filmverlauf viel besser folgen, sagt Reicksmann.

Die kostenlosen Apps Greta und Starks ermöglichen Menschen mit Sinnesbeeinträchtigung einen barrierefreien Kinogenuss. Greta liefert Audiodeskriptionen für Seh-, Starks Untertitel für Hörgeschädigte.

Die Bedienung ist simpel. Nachdem sich die Nutzer die Anwendung kostenfrei im App-Store oder bei Google Play heruntergeladen haben, können sie den gewünschten Filmen auswählen und Untertitel oder Audiobeschreibung in Sekundenschnelle downloaden. Es empfiehlt sich, diesen Vorgang bereits vor dem Kinobesuch zu Hause im WLAN durchzuführen. Startet der Film, synchronisiert sich die Anwendung über das integrierte Smartphone-Mikrofon. Da die App auf das Mikrofon zugreift, müssen die Nutzer der Synchronisation zustimmen. Ansonsten funktioniert die Technik nicht. Eine Internetverbindung ist nicht mehr erforderlich – das Abspielen der Untertitel oder Audiodeskription erfolgt offline.

Reicksmann und Paul, zugleich Arbeitskolleginnen beim Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen (BSVB), sind begeistert von Greta. „Es hat einwandfrei funktioniert“, sagt Paul. „Das ist wie ein Hörspiel.“ Die 55-Jährige aus Lilienthal, die mit zweieinhalb Jahren erblindet ist, hat zum ersten Mal die App benutzt. Die Kopfhörer haben sie sich geteilt, weil Paul kein Smartphone hat. Vorher war sie immer mit ihrem Mann im Kino. Er musste erzählen, was sich auf der Leinwand abspielte.

Reicksmann hat die App schon öfter genutzt. Schlechte Erfahrungen habe sie bislang nicht gemacht. Die 53-jährige Bremerin, seit Geburt blind, habe sich extra wegen Greta ein iPhone zugelegt. „Man erhält notwendige Informationen, zum Beispiel wer spricht und wo“, sagt die BSVB-Geschäftsführerin. Die Audiohilfe ist so programmiert, dass die Beschreibungen nicht während der Filmdialoge, sondern in den Sprechpausen zugeflüstert werden. Weil der Kinofilm-Ton sehr laut sei, müsse sie auch die Lautstärke der Audiodeskription höher drehen. Seit zwei Jahren gibt es Greta und Starks schon. Doch so richtig herumgesprochen habe sich der Service bei den Blinden noch nicht, sagt Reicksmann.

Unabhängig vom Medium nutzbar

Bernd Rehling hat sich zuletzt „Er ist wieder da“ im Kino angeschaut – mit Starks. „Spitzenmäßig! Ich kann im wahrsten Sinne des Wortes buchstäblich alles verstehen. Selbst Dialekte oder Fremdsprachen sind kein Hindernis“, sagt der pensionierte Gehörlosen- und Schwerhörigenlehrer aus Bremen. Der 72-Jährige, verantwortlich für das Gehörlosen- und Schwerhörigen-Portal Taubenschlag, ist seit 42 Jahren schwerhörig. Er habe die App schon ein halbes Dutzend Mal genutzt und noch nie Probleme gehabt. „Starks arbeitet geradezu perfekt. Ich sehe mir nur noch Filme mit Starks-Untertiteln an.“ Sein Tipp für andere Nutzer: „Für Untertitel sind Smartphone-Displays doch ein wenig klein, von daher sind Tablets empfehlenswert.“

Als es die App noch nicht gab, sei Rehling seltener im Kino gewesen. „Wenn man nur Bruchstücke versteht, ist das schon frustrierend. Es ist blöd, wenn das ganze Publikum lacht und man sich fragt warum“, sagt er. Das passiere mit der App nicht mehr.

2012 hat Seneit Debese angefangen, die Apps zu entwickeln. Erst Greta, dann Starks. Auslöser für das Projekt war eine von ihr gedrehte Reportage über eine blinde Sportlerin. „Das hat mich inspiriert“, sagt die Erfinderin und Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens Greta und Starks Apps. Sie hat sich mit Sehbehinderten und Gehörlosen ausgetauscht, Befragungen durchgeführt und verschiedene Versionen getestet. „Wir haben die App zusammen mit den Anwendern entwickelt. Das war ein langer Entwicklungsprozess.“

Ziel sei es, Menschen mit Sinnesbeeinträchtigung einen emotionalen Zugang zu Film zu ermöglichen. Gefördert wird das Projekt unter anderem von der Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Filmförderungsanstalt. „Mit den Apps können Blinde und Gehörlose auch alleine ins Kino gehen“, sagt Debese. Die Resonanz sei super. „Viele Nutzer haben uns mitgeteilt, dass es ein Zuwachs an Lebensqualität sei.“ Ein weiterer Vorteil: „Die Apps funktionieren flächendeckend und unabhängig vom Medium.“ Sprich: in jedem Kino, zu jeder Zeit; bei Filmen auf DVD, im Fernsehen und Internet. Aktuell können die Nutzer von Greta und Starks auf 106 Kinofilme zugreifen – von „Bibi und Tina“ bis zu „Point Break“.

Bis Ende vergangenen Jahres haben sich nach Angaben des Unternehmens 80 000 Kinobesucher in Deutschland mit Greta und Starks einen Film angeschaut. Knapp 30 000 Menschen haben sich die Apps bislang heruntergeladen. Dabei ist die Zielgruppe wesentlich größer: In Deutschland sind mehr als 1,4 Millionen Menschen entsprechend beeinträchtigt – es gibt 1,2 Millionen Sehbehinderte und 200 000 Gehörlose. Nach Angaben des Bremer Landesverbands der Gehörlosen sind zwei Prozent der deutschen Bevölkerung hörgeschädigt.

Greta und Starks hat gut 350 Partnerkinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich aktiv für inklusives Kino einsetzen. Seit knapp zwei Monaten gehört auch die Schauburg Bremen dazu. Als sich das Filmkunsttheater vor gut einem Jahr mit dem Thema barrierefreies Kino auseinandergesetzt hat, um Gehörlosen und Blinden den Kinobesuch angenehmer zu gestalten, standen zwei Modelle zur Auswahl: eine auf Hardware basierende Technik von Sennheiser und eben die Apps Greta und Starks. Bei der Sennheiser-Technologie können sich die Nutzer im Kino einen iPod für die Audiodeskription oder ein Tablet für die Untertitel ausleihen. Die Schauburg entschied sich dagegen – und wählte Greta und Starks. „Das ist viel unkomplizierter“, sagt Marc Sifrin, Kulturmanager der Schauburg. Ein neues Publikum habe man mit den Apps bislang aber nicht erreicht. „Wir haben viele gehörlose Stammgäste, die auch ohne die Apps kommen“, sagt Sifrin. Es sei ein schleichender Prozess, das Angebot müsse sich erst herumsprechen.

Datenbrille in der Entwicklung

Auch der Multiplexbetreiber Cinemaxx setzt sich für barrierefreies Kino für seh- und hörbehinderte Menschen ein. So gibt es in der Programmübersicht auf der Internetseite einen extra Suchfilter, damit Kinogäste prüfen können, welche Filme von Greta und Starks unterstützet werden.

In Zukunft soll das Angebot von Greta und Starks erweitert werden. Neben einem Kinofinder will das Unternehmen eine Datenbrille entwickeln, die das Kinoerlebnis noch angenehmer macht. Die neue Technik projiziert Untertitel in den Raum, quasi direkt in den Film. Dadurch müssen die Nutzer nicht mehr den Kopf so stark bewegen und den Fokus zwischen Leinwand und Smartphone verändern, um die Schrift vom Display abzulesen. Die Datenbrille soll im Sommer auf den Markt kommen.

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